Sea-Watch setzt 40 Deutsche in ein Flüchtlingsboot – das zeigt, wie schlecht es um unsere Empathie steht

Hast Du Mitleid mit 40 Deutschen im Schlauchboot?
Von Thembi Wolf

Dieser Beitrag wurde am 29.04.2019 auf bento.de veröffentlicht.

Die Flucht über das Mittelmeer ist traumatisch. Wie schlimm sie sich anfühlen kann, beschreiben Menschen in einem neuen Kurzfilm der NGO Sea-Watch, der zum Spenden aufrufen soll.

Die Gerüche auf dem Schlauchboot, die Umstände, sind nicht so leicht zu ertragen.

Wir durften nicht reden, wir wussten auch gar nicht, wer neben uns ist.

Aber hier sprechen keine Geflüchteten, sondern Deutsche. Sie heißen Lennart, Ingrid und Claus-Peter. Sind 19 oder 68. Sie arbeiten als KfZ-Mechaniker oder Fotoassistentin.

Der Film "Lifeboat" ist ein Video über ein soziales Experiment.

Sea-Watch hat mit 40 Freiwilligen eine "Mittelmeerflucht" simuliert. Die Teilnehmenden haben bis zu fünf Stunden in einem überfüllten Rettungsboot in einer "maritimen Trainingsanlage" verbracht, während um sie herum die Wellen peitschten. In solchen Anlagen üben Seeleute und Mitarbeiter von Kreuzfahrtreedereienden Umgang mit Rettungsbooten und Notfällen auf hoher See.

Dadurch sollten sie "die Torturen der vielen flüchtenden Menschen zumindest im Ansatz körperlich und emotional nachempfinden", schreibt die NGO.  Die Simulation habe man in Kooperation mit Geflüchteten entwickelt. Ein Oscar-nominierter Regisseur hat daraus einen dramatischen, neunminütigen Kurzfilm produziert, den man unter www.lifeboatexperiment.org anschauen kann.

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Mein erster Gedanke: Das ist pietätlos.

Die 40 Teilnehmer durften jederzeit aus dem Schlauchboot springen, an den Rand schwimmen und das Experiment abbrechen. Dort warteten medizinisches Personal und Rettungstaucher. All das gibt es auf dem Mittelmeer nicht – und auch keine dramatische Popmusik und Spezialeffekte wie im Film.

Ein Experiment mit den realen Gegebenheiten einer Flucht zu vergleichen ist zynisch. Aber selbst wenn man es schafft, das Gefühl eines Schlauchbootes inmitten eines Sturmes authentisch zu simulieren: Keine Trainingsanlage kann jemanden nachfühlen lassen, wie es ist, 15 Jahre in absoluter Armut zu leben – oder 22 Jahre in einer Diktatur – und dann die Entscheidung zur Flucht zu treffen. Wie es ist, die Familie zurückzulassen und nicht zu wissen, ob man an dem Ort, an dem man ankommt, überhaupt aufgenommen wird.

Trotzdem behauptet der Regisseur Skye Fitzgerald auf der Webseite des Films:

Der Film zeigt, wie Teilnehmer begreifen und verstehen, was es bedeutet, eine solch unfassbar gefährliche Reise auf sich zu nehmen.

Und  der Psychologe Michael Thiel sagt im Film:

Wir versuchen eine annähernd ähnliche Situation nachzustellen, so dass die Teilnehmer ein zunehmendes Stresslevel erfahren.

Die wirklich Betroffenen werden in dem Clip dagegen zu Statisten gemacht.

Im Video kommen auch Geflüchtete zu Wort: Ali Ahmed aus dem Sudan zum Beispiel. Einen Beruf hat er, im Gegensatz zu den Teilnehmern des Experiments, nicht. "Refugee" steht neben seinem Namen. Auch die Geflüchteten dürfen in wenigen Sätzen die Reise beschrieben. Aber sie wirken wie eine Art Reality-Check für das Experiment.

Die Idee, mit sozialen Experimenten Empathie auszulösen, ist nicht neu.

  • Der Aktionskünstler Christoph Schlingensief sperrte Geflüchtete in einen Container (SPIEGEL ONLINE), die man per Livestream verfolgen konnte, wie sie in der Sommerhitze auf ihre Abschiebung warteten.
  • Das "Zentrum für politische Schönheit" präsentierte Flüchtlinge, die sich aus symbolischen  Protest gegen das "Beförderungsverbots für Flüchtlinge" von Tigern fressen lassen sollten – die Aktion kam aber ohne vergossenes Blut aus. (ZPS )
  • Die YouTuber von "Datteltäter" ließen im Februar Menschen raten, ob man Geflüchtete in einer Gruppe von Fremden erkennen kann. (Youtube ) Bei der Aktion mit dabei: Massiv, Toyah, Simon Will und Marcel. Auch hier gab es Tränen, harte Fluchtgeschichten und emotionale Momente.

All diese Experimente hatten ein Ziel: Sie wollten Unbeteiligte zwingen, sich zum Thema Flucht zu verhalten, eine Reaktion zu zeigen.

Der Unterschied: Die "Datteltäter" ließen den Geschichten der Geflüchteten Raum und baten Sie im Anschluss an das Experiment, ihre Geschichten zu teilen. Die Menschen mit Fluchterfahrung waren so nicht nur Mittel zum Zweck der emotionalen Selbsterkenntnis der Deutschen.

Davon sehen wir im Sea-Watch-Film nichts. Stattdessen hören wir, dass der Geruch auf einem Schlauchboot unangenehm ist. Dass eine (sehr sympathische) junge Frau mit Nasenpiercing dankbar ist, "nie um mein Leben kämpfen zu müssen" und irgendwie auch dafür, dass sie "gesund" ist.

Dankbarkeit für das Leben ist das, was die Experimentsteilnehmer uns beschreiben. Das macht Sinn. Oder?

Im Video der "Datteltäter" ist das anders. Ein junger Mann, der es über das Mittelmeer geschafft hat, erzählt unter Tränen von einem ganz anderen Gefühl: Scham.

Die zwei Boote, die vor uns waren, sind gesunken. Und ich schäme mich, dass ich diese Reise überlebt habe. Was habe ich dafür gemacht?

Junger Mann im Video der "Datteltäter"

Warum hat sich Sea-Watch also entschieden, eine Kampagne dieser Art zu machen?

Seit 2016 ist das Thema Flucht etwas in den Hintergrund gerückt. Bei den großen Talkshows belegt das Thema nur Platz vier. (Zeit Online ) Der Anteil der Toten im Mittelmeer habe sich aber vervierfacht – "und kaum jemand kriegt es mit", schreibt Sea Watch auf seiner Webseite. Vergangenes Jahr seien im Schnitt täglich acht Menschen im Mittelmeer gestorben. Dazu hat die Organisation eine Umfrage in Auftrag gegeben: Demnach sei das Ausmaß der Tragödie 85 Prozent der Deutschen nicht bewusst. 

Der Film ist also ein ziemlich verzweifelter Versuch, wieder Aufmerksamkeit für die Flucht auf dem Mittelmeer zu generieren – und für die Arbeit der NGO.

Denn die Helfer stehen unter großem Druck: Sea Watch ist eine der wenigen Organisationen, die auf dem Mittelmeer noch Leben retten. Dafür werden sie juristisch verfolgt und gegen sie wird gehetzt. (Spiegel Online)

Das erklärt, dass die Macher zu drastischen Mitteln greifen. 

Die Kampagne ist brutal unterkomplex und pietätlos emotionalisierend. 

Aber vielleicht ist das Schlimme daran gar nicht, dass Sea-Watch bei den Stilmitteln daneben greift - sondern, dass es funktioniert. Die Kampagne geht davon aus, dass sich viele Deutsche eher mit Ingrid und Claus-Peter identifizieren als mit Ali Ahmed.

Vielleicht auch, weil untergehende Schlauchboote auf dem Mittelmeer immer seltener eine Meldung wert sind - während die Havarie eines Kreuzfahrtschiffes, von dem Menschen in Hubschraubern gerettet werden, überall Schlagzeilen macht. (SPIEGEL ONLINE)

Und vielleicht haben die Aktivisten und Aktivistinnen damit Recht. Oder wäre uns, ohne die 40 Deutschen im Schauchboot-Simulator, die neue Kampagne von Sea Watch trotzdem einen Text wert gewesen? Und hättest du darauf geklickt?



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