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01. Oktober 2014, 15:52 Uhr

Skandaltruppe Secret Service

Obamas gefährliche Beschützer

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Beim Secret Service wird eine Sicherheitspanne nach der anderen bekannt. Der Skandal beschädigt nicht nur das Image der legendären Bodyguards. Ist der mächtigste Mann der Welt überhaupt noch sicher?

Der Secret Service lebt von seinem Mythos. Lange galt die Leibgarde des US-Präsidenten als Synonym für Mut, Diskretion und eiskalte Präzision. Dunkle Sonnenbrille, schwarzer Anzug, Knopf im Ohr: Es gab keine cooleren Jungs. Motto: "Wir sind das Vertrauen wert."

Der Mythos ist nun zerbrochen, das Vertrauen dahin. Eine Reihe haarsträubender Vorfälle, eklatanter Sicherheitsverstöße und Beinahe-Attentate haben die erlesene Schutztruppe diskreditiert. Mehr noch: Drehten sich frühere Skandale noch um Sex und Suff, geht es diesmal um leibhaftige Gefahren für Barack Obama, den meistbedrohten US-Präsidenten.

"Agenten erzählen mir, es sei ein Wunder, dass es noch keinen Mordanschlag gegeben hat", schreibt der Autor Ronald Kessler auf der Website "Politico" - und ergänzt ominös: "Eine solche Katastrophe wäre womöglich der einzige Auslöser für eine Reform des Secret Service."

Kessler, ein Ex-Reporter der "Washington Post", ist zwar ein verlässlich konservativer Obama-Kritiker, seine Expertise zum Secret Service aber unumstritten. Viele der düsteren Vorhersagen, die er schon 2010 in seinem Bestseller-Exposé "Im Secret Service" machte, scheinen dieser Tage wahr zu werden. Denn in der angeblich undurchdringlichen "Sicherheitsblase" um Obama häuft sich ein dramatischer Zwischenfall nach dem anderen. Viele davon wären im Dunkeln geblieben - doch ein paar Whistleblower aus dem präsidialen Bodyguard-Dienst lancieren immer brisantere Details an den Kongress und US-Zeitungen.

Für den Secret Service sind das verheerende Missstände, die ihn nun selbst ins Kreuzfeuer bringen - bei Republikanern wie Demokraten gleichermaßen. "Ich wünschte, dass Sie das Weiße Haus so schützten wie Ihre Reputation", bellte der Demokrat Stephen Lynch am Dienstag Secret-Service-Chefin Pierson an.

Hinter den Kulissen rumort es schon lange. Die Gründe: Budgetkürzungen, Personalmangel, Überlastung - und tief verwurzeltes Misstrauen gegen jegliche Kritik, von innen wie außen. "Zwar sind die meisten Agenten und uniformierten Beamten mutig und hingebungsvoll", schreibt Kessler. "Trotzdem herrscht beim Secret Service eine Kultur, die jene bestraft, die Mängel bekanntmachen."

Und solche Mängel mehren sich. Allein in den vergangenen fünf Jahren kletterten 16 Personen ungehindert über den Zaun des Weißen Hauses - des berühmtesten und angeblich bestgeschützten Präsidentensitzes der Welt.

Suff im Hotel, Partys mit Prostituierten, Karambolagen im Rausch

Pierson selbst kam erst vor eineinhalb Jahren ins Amt, nachdem ihr Vorgänger Mark Sullivan nach einer Skandalserie geschasst worden war. So hatten sich während eines Staatsgipfels im kolumbianischen Cartagena zahlreiche Agenten mit Prostituierten verlustiert - oder, wie die "New York Post" damals schrieb: "Eine wilde Nacht mit Sex und Suff, die in einem Streit mit einer Hure über 47 Dollar endete."

Es war kein Einzelfall. Ein Agent brach in einem niederländischen Luxushotel im Suff zusammen. Ein weiterer wurde in Iowa betrunken am Steuer erwischt. Ein dritter ließ nach einer Liebesnacht in Washington eine Revolverkugel auf dem Nachttisch liegen. Und zwei Scharfschützen verursachten, ebenfalls im Rausch, eine Auto-Karambolage in Miami.

Das alles könnte amüsant sein - wenn hier nicht das Leben des mächtigsten Mannes der Welt auf dem Spiel stünde. Seit seinem Amtsantritt 2008 bekommt Obama mehr Morddrohungen, als jeder seiner Vorgänger bekam - ein Umstand, der aber nur gelegentlich an die Öffentlichkeit dringt, etwa bei Obamas letzter Vereidigung. Deshalb gibt es ein elaboriertes "Sicherheitsprotokoll", das ihn und seine Familie bei jedem Schritt schützen soll.

Dieses Protokoll scheint nur noch auf dem Papier zu gelten. Pierson dürfte sich nicht mehr lange halten können, doch das Problem ist damit kaum behoben. Ein Attentäter, sagt der scheidende US-Justizminister Eric Holder, "muss nur ein einziges Mal Erfolg haben".

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