Seebeben Chronik einer Katastrophe

Als am Sonntagmorgen die ersten Meldungen über das Seebeben vor Sumatra gestreut werden, ahnt kaum jemand, welches Ausmaß die Naturkatastrophe haben wird. Erst nach Stunden wird klar: Die ausgelöste Tsunami verwüstet die Küsten von zehn Ländern, Tausende Menschen sterben, Millionen werden obdachlos. SPIEGEL ONLINE zeichnet die dramatischen Entwicklungen der ersten Stunden nach.


Bewohner der Phi-Phi-Inseln transportieren einen Verletzten
DPA

Bewohner der Phi-Phi-Inseln transportieren einen Verletzten

1.59 Uhr (alle Angaben mitteleuropäische Zeit):

Ein schweres Seebeben erschüttert die indonesische Insel Sumatra am Sonntagmorgen um 8 Uhr Ortszeit. Ein Bewohner des betroffenen Gebiets berichtet einem örtlichen Radiosender, durch eine Flutwelle seien neun Menschen getötet worden. Dafür gibt es zunächst keine offizielle Bestätigung. Viele Küstenbewohner seien vor der Flut geflüchtet.

Die Angaben über die Stärke des Bebens sind vorerst widersprüchlich. Während die indonesischen Behörden von einem Beben der Stärke 6,6 auf der Richterskala sprechen, erklären US-Geologen, der Erdstoß habe 8,1 auf der Richterskala erreicht.

Das Beben wird auch in den Nachbarländern Thailand, Malayisa und Singapur registriert. In der fast 2000 Kilometer entfernten thailändischen Hauptstadt Bangkok geraten Gebäude ins Schwanken, ebenso im 950 Kilometer entfernten Singapur.

Den indonesischen Behörden zufolge gibt es größere Schäden an Brücken in der Provinz Aceh im Norden der Insel. Der Strom und viele Telefonverbindungen sind ausgefallen. Die Einwohner der Provinzhauptstadt Banda Aceh sprechen vorerst nur von schweren Gebäudeschäden.

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Bilderstrecke: Südostasien in Trümmern

Nach Worten eines Sprechers des Meteorologischen und Geophysischen Büros in Jakarta lag das Epizentrum etwa 66 Kilometer vor der Küste und in rund 25 Kilometern Tiefe, also noch unter dem Meeresboden des Indischen Ozeans. Zunächst hatte Budi Waluyo gesagt, das Epizentrum habe sich in der Nähe der Stadt Padangsidempuan etwa 1125 Kilometer nordwestlich der Hauptstadt Jakarta befunden. Kurz nach dem Hauptbeben um 1.59 Uhr MEZ habe es weitere Erdstöße gegeben.

Wenig später wird aus Bangladesch ein starkes Beben gemeldet. Die Hafenstadt Chittagong wird getroffen. Nach Angaben der dortigen Bebenwarte haben die Erdstöße, die rund eineinhalb Minuten lang dauern, eine Stärke von 7,3 auf der Richterskala. Wie kurz zuvor auf Sumatra rennen auch in Chittagong die Menschen in Panik auf die Straßen.

4.32 Uhr: Geophysiker und Meteorologen aus Jakarta bestätigen, dass das Seebeben Tsunami-Wellen ausgelöst hat. Die Wellen sind fünf Meter hoch und schlagen auf die Küstenregion von Aceh in Sumatra ein.

Zerstörung im Patong-Distrikt im thailändischen Phuket
REUTERS

Zerstörung im Patong-Distrikt im thailändischen Phuket

4.43 Uhr: Noch geht man von neun Opfern aus; offizielle Bestätigungen allerdings bleiben aus. Erste Meldungen von Todesopfern aus der thailändischen Touristeninsel Phuket treffen ein. Genaue Zahlen werden nicht genannt.

US-Behörden ermitteln die exakte Stärke des erstens Bebens unter dem Meeresboden vor der Nordwestküste Sumatras: 8,9 statt der bisher angenommenen 8,1 auf der Richterskala. Damit ist die Erschütterung die gewaltigste seit 1964 sowie die fünftschwerste seit 1900.

Die Seismologen registrieren ein weiteres Beben der Stärke 7,3 nahe den indischen Andaman- und Nicobar-Inseln im Golf von Bengalen. Derweil rast die Flutwelle auf Sri Lanka und Südindien zu, verwüstet Strände, Dörfer und Küstenstädte. Häufig sind die Wassermassen nach wenigen Minuten wieder abgeflossen, zurück bleibt ein Trümmerfeld. Auch Indonesien, Malaysia, Thailand und Bangladesh werden Opfer der Flutwelle.

4.58 Uhr: Aus Sri Lanka werden 150 Tote gemeldet. Thailändische Behörden bestätigen, dass auf der Ferieninsel Phuket vier Touristen gestorben sind.

Die südindische Stadt Madras wird von leichten Beben erschüttert.

5.37 Uhr: In Sri Lanka gelten 3000 Menschen als vermisst, sechs Dörfer sind komplett zerstört. Vor allem die Südregion des Landes ist betroffen. Auch in der indischen Stadt Chennai und in Phuket ist die Zerstörung größer als zunächst gemeldet.

In Südindien klettern die Opferzahlen: 40 Tote sind nach Behördenangaben in der Stadt Chennai zu beklagen.

Nur zögerlich treffen die Meldungen aus den oft abgelegenen Regionen ein. Eine Statistik des Schreckens baut sich auf: Aus Südindien werden kurz darauf 74, aus Sri Lanka mehr als 300 Tote gemeldet. Sumatra trauert um 17 Todesopfer.

Freiwillige bergen die Leiche eines Flutopfers in Madras
AP

Freiwillige bergen die Leiche eines Flutopfers in Madras

6.42 Uhr: Thailand beginnt die Evakuierung der von der Flut verwüsteten Gebiete. Vor allem die Südprovinzen des Landes und die Ferieninsel Phuket sind betroffen. Auf Phuket ist die Lage dramatisch: Verzweifelte Menschen harren auf Bäumen, Hausdächern, umgestürzten Bussen aus; in die Krankenhäuser werden ausländische Touristen von den Stränden Kamala und Patong eingeliefert.

Nachdem die Todeswellen auf die indische Küstenregion Andrha Pradesh getroffen sind, werden 400 Fischer vermisst. In Sumatra, der Ursprungsregion des Bebens, klettert die Opferzahl auf 48.

7.31 Uhr: Die Opferzahlen steigen dramatisch an: Aus Sri Lanka werden 500 Tote gemeldet. Fieberhaft suchen Rettungsteams des Militärs nach Überlebenden. 220 Leichen werden in der Nähe des Dorfs Muttur gefunden, weitere 75 in der südlich gelegenen Stadt Tangalle. Vor allem Fischer fallen der Flut zum Opfer.

Aus Thailand werden 21 Tote und 600 Verletzte gemeldet. Auf dem Malediven-Archipel stehen mittlerweile zwei Drittel der dortigen Hauptstadt unter Wasser. Da die beliebte Ferieninsel nur einen Meter über dem Meeresspiegel liegt, ist der Schaden riesig.

Sri Lankas Präsident Chandrika erklärt die Flut offiziell zur nationalen Katastrophe und bittet die internationale Staatengemeinschaft um Hilfe.

8.42 Uhr: Auch an der südindischen Küste weitet sich das Desaster aus: Mindestens 142 Tote werden bereits gemeldet. Schrecklicher Befund: Unter den in Madras geborgenen Leichen befinden sich vor allem junge Frauen und Kinder, die die Flut mit sich gerissen hat.

Zur gleichen Zeit klettern die Opferzahlen in Thailand auf 55 Tote und 761 Verletzte. "Es gibt noch viele Vermisste und wie haben noch keine exakten Zahlen", erklärt ein Sprecher des thailändischen Innenministeriums hilflos. Unter den Vermissten sind auch 100 Tauchsportler, von denen jede Spur fehlt.

In Penang auf Malaysia sterben mindestens acht Menschen. Ein Strandpicknick war den Urlaubern zum Verhängnis geworden. Außerdem gelten viele Fischer, die von ihrer morgendlichen Ausfahrt nicht zurückkehren, als vermisst.

Zerstörung in Sri Lanka: von der Flutwelle verwüstetes Haus in der Küstenstadt Lunawa
AFP

Zerstörung in Sri Lanka: von der Flutwelle verwüstetes Haus in der Küstenstadt Lunawa

In der indonesischen Aceh-Provinz fliehen 200 Sträflinge aus einem Gefängnis, nachdem die Flut die Gefängnismauern niedergerissen hat. Die Behörden gehen allerdings davon aus, dass die Gefangenen keine Wahl hatten: Sie wären in dem gefluteten Gebäude wahrscheinlich gestorben.

9.49 Uhr: Eine erste Opferstatistik über alle von der Flut betroffenen Länder macht deutlich: Die Katastrophe wurde in ihrem Ausmaß dramatisch unterschätzt.

Schon jetzt meldet Indien 1000 Tote, Indonesien 150, Malaysia acht, Sri Lanka 500 und Thailand 55.

11.13 Uhr: Die schlimmsten Befürchtungen bestätigen sich: Das fünftstärkste Beben der vergangenen hundert Jahre hat bereits Tausende das Leben gekostet und Millionen obdachlos gemacht. 1500 Tote werden nun aus Sri Lanka offiziell gemeldet; eine Million Menschen, das sind fünf Prozent der Gesamtbevölkerung, sollen direkt von der Katastrophe betroffen sein. Armee und Marine suchen ohne Pause nach Überlebenden; offiziellen Angaben zufolge ist die halbe Flotte im Einsatz.

Insgesamt geht man mittlerweile von 3100 Toten aus. Vor allem in den Küstendörfern und -städten hatten viele Menschen keine Chance, der zehn Meter hohen Wellenwand, die über die Regionen hereinbrach, zu entgehen.

Der indische Premier mobilisiert die Marine, nachdem die Todesziffer 1000 erreicht hat und bietet dem Nachbar Sri Lanka unmittelbare Hilfe an.

Notversorgung in der südindischen Marina-Bucht
REUTERS

Notversorgung in der südindischen Marina-Bucht

In Thailand werden mittlerweile mehr als hundert Touristen vermisst, die Strände der Ferieninseln Phuket und Krabi müssen evakuiert werden. Vor allem Phuket hat sich vom Ferienparadies in ein Schlachtfeld verwandelt. Umhergeschleuderte Autos und zerstörte Häuser bestimmen das Bild.

Auch auf den Malediven wird der nationale Notstand erklärt. Das Land, das sich eigentlich in der Tourismus-Hochsaison befindet, ist zum Krisengebiet geworden.

Ab 13 Uhr: Die Opferzahlen klettern stündlich weiter. Erst in der Nacht und am heutigen Montag deuten sich die biblischen Dimensionen der Katastrophe an. Montagmittag geben die Behörden an, dass die Flutkatastrophe weit über 20.000 Menschen das Leben gekostet hat. Auf Sri Lanka starben mindestens 11.500 Menschen, in Indonesien kommen fast 5000 Menschen ums Leben. Indien beziffert seine Toten auf mehr als 5600. Thailand meldet am Montag 839 Tote, Malaysia 44, die Malediven 43. In Birma kamen rund zwölf Menschen in den Fluten um, in Bangladesch zwei. Und selbst in Somalia in Afrika lassen neun Menschen ihr Leben.

Noch immer ist das ganze Ausmaß des Desasters nicht absehbar. Die Opferzahlen erhöhen sich stündlich, zahllose Menschen gelten als vermisst, Millionen sind obdachlos. Die Weihnachtsflut wird als eine der schlimmsten Katastrophen der Neuzeit in die Geschichte eingehen.

Daniel Haas



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