Seehofer will einen "deutschen Islam" – dabei gibt es den schon

Dieser Beitrag wurde am 29.11.2018 auf bento.de veröffentlicht.

Der Gastgeber der diesjährigen Islamkonferenz ist ein Mann, der schon bei seinem Amtseintritt sagte, dass der Islam nicht zu Deutschland gehört. Auch wenn ihn damals keiner gefragt hatte. Aber jetzt hat er seine Meinung entweder geändert, oder er drückt sie zumindest höflicher aus: Der Innenminister Horst Seehofer sagte gestern auf der Eröffnung der Islamkonferenz, dass Muslime zu Deutschland gehören und dass sie "selbstverständlich die gleichen Rechte und die gleichen Pflichten wie jeder hier in Deutschland" hätten. (bento

Dass er die Existenz von rund vier Millionen Muslimen in Deutschland nicht bestreitet, ist ja schon mal eine erfreuliche Nachricht.

Und es geht noch weiter: Horst Seehofer fordert einen deutschen Islam: "Einen Islam in, aus und für Deutschland, einen Islam der deutschen Muslime," wie er gestern auf der Islamkonferenz sagte. Auf der danach Blutwurst vom Schwein serviert wurde:

Deutsch und Muslim sein – das scheint für ihn eine Herausforderung zu sein, die man bewältigen muss. Er fragt deshalb, wie man einen Islam in Deutschland fördern kann, der die Werte des Grundgesetzes teilt und die Lebensarten dieses Landes achtet. Wer diese Frage stellt, geht davon aus, dass es bis jetzt keine deutsch-muslimische Identität gibt.

Aber ich bin hier. Ich bin Muslima und ich bin deutsch. 

Genauso wie Millionen andere muslimische Bürger auch. In Deutschland leben insgesamt zwischen 3,8 und 4,3 Millionen Muslime. Das macht rund 4,6 bis 5,2 Prozent der Gesamtbevölkerung aus. Einige Muslime sind erst vor Kurzem nach Deutschland gekommen, andere leben schon seit ihrer Kindheit in diesem Land und andere sind hier geboren. Aber die Frage nach einem deutschen Islam ist nicht erst mit dem Zuzug syrischer Geflüchteter vor einigen Jahren gekommen. Die Frage gab es schon immer. 

Und auch die Antwort darauf gab es schon immer. Denn die Antwort sind die hier lebenden Muslime. Diejenigen, die sich auf der Grundlage des Grundgesetzes ein Leben in Deutschland aufgebaut haben, die hier Steuern zahlen, hier geboren sind, hier aufgewachsen sind. Es sind die Menschen, die muslimisch sind und die Deutschland als ihre Heimat bezeichnen und für die das Gebet genauso zum Leben dazu gehört, wie die Weihnachtsfeier auf der Arbeit. 

Es ist kein Widerspruch, Deutsch und Muslim zu sein. Und allein das immer wieder zu betonen, zweifelt an der Realität dieser Menschen. Dabei entsteht der Widerspruch erst, wenn Menschen wie Seehofer ihn schaffen. Indem sie so tun, als gebe ein eindeutiges Deutsch-Sein oder einen eindeutigen Islam. 

Weder gibt es das eine noch das andere. Was genau ist denn Deutsch? Von welchen deutschen Werten reden wir und wie lebt ein Deutscher? Darauf gibt es keine Antwort und das ist auch gut so. Jeder lebt ein individuelles Leben mit unterschiedlichen Werten und Lebensweisen. Das macht eine vielfältige Gesellschaft aus. Genauso ist es auch mit dem Islam. Es gibt nicht den einen Islam. Es gibt unterschiedliche Konfessionen und Arten, den Islam auszuleben. Es gibt Sunniten, Schiiten und Ahmadiyya. Es gibt liberale und konservative Moscheen. 

Natürlich gibt es auch Gemeinsamkeiten. Und das ist in Deutschland das Grundgesetz als Grundlage für ein friedliches Zusammenleben.

Aber so lange die Bürger, ob christlich, hinduistisch, buddhistisch oder muslimisch,  sich daran halten, sollte nicht weiter in Frage gestellt werden, was ihr Glauben mit ihrer "deutschen" Identität zu tun hat.

Und auch die Sünden, die im Kontext einer Religion begangen werden, haben nichts mit Staatsangehörigkeit zu tun. Schließlich wird auch nicht nach jedem Fall eines pädophilen katholischen Priesters nach einem neuen deutschen Christentum gesucht. Denn hier gilt: Die Tat ist natürlich nicht mit dem Gesetz vereinbar und wird verurteilt – oder zumindest wünscht man sich das. (SPIEGEL ONLINE

Ein "deutscher Islam" ist deshalb einfach genauso vielfältig wie die hier lebenden Menschen. Und ja, darunter können ganze Gruppen sein, deren Einstellungen wieder andere altbacken oder sexistisch finden.  Darunter können aber auch Reformer sein, die den Koran anders interpretieren und in deren Moschee Frauen Gebete leiten. (bento) Und diese Reformer können aus anderen Gemeinden angefeindet werden. Und nichts davon muss notwendigerweise mit der deutschen Identität verknüpft werden.

Deswegen ist die Frage, wie ein deutscher Islam aussehen könnte, irrelevant. Die Frage ist viel mehr, wie ein friedliches Zusammenleben möglich ist. Ich will, dass wir in Deutschland endlich nach vorne schauen und uns fragen, wie wir in einer pluralistischen Gesellschaft friedlich zusammenleben können. 

Ich möchte, dass meine Existenz nicht infrage gestellt wird, sondern als selbstverständlich angesehen wird. Denn die Frage nach einem deutschen Islam ist wahrscheinlich so alt wie der Seehofer selbst. Und die Antwort ist: Er ist schon längst hier. Weil wir schon längst hier sind.

Bilder aus dem Alltag von deutschen Muslimen:

Fotostrecke

Emine Akbaba - Islam in Deutschland

Die Fotos sind beim zenith-Fotowettbewerb entstanden – mehr dazu findest du hier.

 

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.