Seilbahnunglück "Man hätte den Piloten nie da raufschicken dürfen"

Nach dem tragischen Seilbahnunglück von Sölden erhebt ein ehemaliger Pilot der Hubschrauberfirma Knaus schwere Vorwürfe gegen das Unternehmen. Schon öfters haben demnach Helikopter des Unternehmens Lasten verloren. Knaus sieht in der Kritik lediglich eine Kampagne der Konkurrenz.
Von Dominik Baur

Hamburg - Roy Knaus hat viel zu bereden dieser Tage. Nein, der Chef von Knaus Helicopter sei noch in einer Besprechung, werden Anrufer stundenlang beschieden. Nun sind die Fragen, die Journalisten dem 29-jährigen Alleineigentümer der Hubschrauberfirma stellen wollen, auch keineswegs angenehm. Das Unternehmen steht nach dem Seilbahnunglück im Tiroler Sölden stark in der Kritik.

Am Montag waren neun deutsche Skitouristen ums Leben gekommen, nachdem ein Hubschrauber des Typs Lama SA 315 B einen mehr als 700 Kilo schweren Betonkübel hat fallen lassen. Die Last traf die Seilbahn, eine Gondel raste in die Tiefe, aus einer weiteren wurden sechs Kinder in den Tod geschleudert.

Wie konnte es zu diesem Unglück in den Ötztaler Alpen kommen, fragen sich nun alle. "Eine Verkettung unglücklicher Umstände", war die hilflose Erklärung des österreichischen Verkehrsministers Hubert Gorbach. Der leitende Notarzt meinte gar: "Da ist es genauso wahrscheinlich, dass man von einem Meteoriten getroffen wird."

Vielleicht nicht ganz. Der Helikopter flog nach einem Augenzeugenbericht sehr häufig über die Seilbahn - teilweise angeblich sehr dicht. Warum sich aber die Last löste, dafür hat noch niemand eine befriedigende Erklärung. Der Pilot, der nach dem Unglück unter Schock stand, gab zumindest an, den entsprechenden Haken weder elektronisch noch mechanisch gelöst zu haben.

Jetzt allerdings stehen immer mehr Vorwürfe gegen die Betreiberfirma Knaus im Raum. Vor allem ein ehemaliger Pilot des Unternehmens übte gleich mehrfach heftige Kritik. ORF, die Wiener Zeitung "Die Presse" und die Münchner "Abendzeitung" berichten unter Berufung auf Rudolf Holzinger, in den Jahren 2002 und 2003 habe es schon vier Fälle gegeben, in denen Hubschrauber Lasten verloren hätten. Außerdem habe der Pilot eine viel zu gefährliche Route genommen. Im Betriebshandbuch sei eindeutig festgelegt, dass der Flugweg so zu wählen sei, dass keine Personen gefährdet würden. Der Helikopter hätte also überhaupt nicht über der Seilbahn fliegen dürfen.

Zweifel äußerte der frühere Knaus-Mitarbeiter auch an der Flugpraxis des Piloten. "Die Presse" berichtet, laut ihr vorliegenden Informationen habe der 26-Jährige vor einem Jahr erst 210 Stunden als verantwortlicher Pilot absolviert. Für Materialtransporte seien aber 850 Flugstunden vonnöten. "640 Stunden in einem Jahr - das schafft nicht einmal ein Profiflieger", zitiert die Zeitung Holzinger. Selbst wenn, sei es "unverantwortlich, jemanden in so kurzer Zeit durchzupushen". Einen so unerfahrenen Piloten hätte man "nie da raufschicken dürfen", so Holzinger auch in der "Abendzeitung". Außerdem sei Knaus Helicopter "chronisch unterbesetzt", im vergangenen Winter habe der Chef zwei Monate lang die Gehälter nicht zahlen können.

Firmengründer starb bei Absturz

Knaus will die Kritik zum großen Teil nicht gelten lassen. Schließlich verweist die Zentrale an einen vorübergehend eingesetzten Sprecher: Georg Hofer gibt im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE zwar zu, dass es in der Firmengeschichte bereits Fälle gegeben habe, wo Lasten verloren wurden und dass die wirtschaftliche Situation zu Anfang des Jahres sehr angespannt gewesen sei, worauf die Angestellten zwei Monate lang auf ihr Gehalt verzichtet hätten. Im Gegenzug hätte es aber keine betriebsbedingten Kündigungen gegeben. Das Gehalt sei längst nachgezahlt.

Die Behauptung, der Pilot habe nicht ausreichend Flugerfahrung besessen, sei dagegen absolut falsch. Allein während der dreieinhalb Jahre bei Knaus habe er 740 Flugstunden gesammelt - gleichmäßig über den Zeitraum verteilt. Auch die Flugroute werde von erfahrenen Piloten als die in jeder Hinsicht günstigste betrachtet. Der Hubschrauber sei nicht dicht über der Bahn geflogen, sondern mindestens in einem Abstand von 150 bis 200 Metern. Man habe von keinerlei Gefährdung ausgehen können. Insgesamt sieht Hofer in den Vorwürfen Hölzingers die "subjektive Wahrnehmung eines Konkurrenten". Der ehemalige Knaus-Pilot sei der Sohn eines anderen Flugunternehmens in der Region.

Die Firma machte jedenfalls nicht zum ersten Mal Schlagzeilen - nicht nur, weil Firmengründer Hans Knaus 1988 Johannes Paul II. durch Österreich fliegen durfte. Neun Mal kam es nach Firmenangaben in 16 Jahren zu einem Unfall oder einer Notlandung. Bei einem Absturz, 1997, verlor der heutige Firmenchef seinen Vater Hans. Bruder Philip, der ebenfalls in der Maschine saß, ist seither körperbehindert. Ein technischer Defekt sei der Grund gewesen, sagt Hofer. Bei einem Rettungseinsatz starb eine verletzte deutsche Skitouristin.

Im Alter von 21 musste Roy Knaus, seinerzeit der jüngste Berufspilot Österreichs, das Unternehmen für Transport- und Rettungsflüge übernehmen. Heute besitzt die Firma eine Flotte von 13 Hubschraubern in Österreich sowie je einem in Berlin und in Kanada. Jährlich fliegt Knaus allein in Österreich 2200 Rettungseinsätze. Dazu kommen 3000 Transportflugstunden.

Angesichts der Vorwürfe ließ sich das Berliner Blatt "B.Z." jetzt sogar zu der Behauptung hinreißen, die Berliner hätten Angst, weil die Firma Knaus Helicopter auf dem ehemaligen Flughafen Johannisthal einen Hubschrauber-Standort einrichten will und von dort aus Flüge über der Stadt unternehmen werde.

Was wirklich den tödlichen Unfall in Sölden verursachte, ist jedoch noch völlig offen. Der Leiter der zuständigen Staatsanwaltschaft in Innsbruck, Rudolf Köll, sagt SPIEGEL ONLINE, die Untersuchung des beschlagnahmten Geräts werde erst in der kommenden Woche beginnen. Bis jetzt habe man zwar schon etliche Zeugen vernommen, aber noch keine entscheidenden Erkenntnisse gewonnen. "Es gibt noch kein Gesamtbild." Vor allem sei immer noch ungeklärt, wie hoch der Hubschrauber eigentlich geflogen sei. Auch die auf deutscher Seite zuständige Staatsanwaltschaft München II ist nicht weiter. "Das Ganze ist dermaßen diffus", sagt der Leitende Staatsanwalt Rüdiger Hödl. "Man kann die Zeugenaussagen noch gar nicht bewerten."

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