Rechtsextreme Nachrichten in der Polizei Die seltsamen Rituale des Frankfurter SEK

Die Spezialkräfte der Frankfurter Polizei haben offenbar ein seltsames Eigenleben entwickelt. Ein Beamter spricht von einem »übersteigerten Eliteverständnis«, Hessens Innenminister von »Verrohung«.
Von Matthias Bartsch, Frankfurt am Main
SEK-Mitglieder auf Schießstand in hessischem Lorch: Innerhalb der Polizei genießen sie den Ruf einer Elitetruppe

SEK-Mitglieder auf Schießstand in hessischem Lorch: Innerhalb der Polizei genießen sie den Ruf einer Elitetruppe

Foto: imago images / Michael Schick

Das Bild des verstorbenen Kollegen war »überlebensgroß«, so berichten es Augenzeugen. Ein Beamter des Frankfurter SEK, Deckname »Junior«, der 2019 im Einsatz ums Leben kam, sollte mit dem Portrait in den Einsatzräumen offenbar posthum geehrt werden. Das Foto des Verstorbenen sei so prominent am Ende eines Ganges platziert worden, dass es jedem ins Auge gefallen sei, der die besonders gesicherten SEK-Räume im Polizeipräsidium in Frankfurt am Main betrat.

Und mehr noch: Die SEK-Leute hätten davor eine Stange für Klimmzüge angebracht. Wer dort vorbeiging, sollte Übungen zu Ehren des toten Kameraden ausführen. Das sei eine Art Ritual gewesen, heißt es.

Verunsicherung und Befremden

Solche Geschichten aus dem Innenleben des Spezialeinsatzkommandos in Frankfurt am Main haben auch in Führungskreisen der hessischen Polizei für Verunsicherung und Befremden gesorgt. Landesinnenminister Peter Beuth (CDU) hatte die Spezialtruppe vergangene Woche formal aufgelöst. Zuvor war bekannt geworden, dass die Staatsanwaltschaft gegen 18 aktive und zwei frühere SEK-Beamte ermittelt, die Chatgruppen angehört haben sollen, in denen wohl auch rechtsextreme Inhalte geteilt wurden. Drei der Beschuldigten sind Vorgesetzte, die sich zwar nicht selbst aktiv daran beteiligt, aber davon gewusst und nichts dagegen unternommen haben sollen.

Die Ermittlungen gehen zurück auf einen 38-jährigen SEK-Beamten, dem der Besitz und die Verbreitung kinderpornografischen Materials vorgeworfen wird. Bei der Durchsuchung stießen Staatsanwaltschaft und hessisches Landeskriminalamt auf sieben Chatgruppen mit teilweise rechtswidrigen Inhalten, in denen insgesamt 49 hessische Polizisten und sieben weitere Teilnehmer angemeldet waren. Bei 24 Chat-Teilnehmern habe sich bislang »keine Vorwurfslage« ergeben, so Beuth.

Mittlerweile wurden sämtliche SEK-Beamte aus Frankfurt am Main abgezogen und in eine Unterkunft der hessischen Bereitschaftspolizei in Wiesbaden versetzt. Auslöser dafür war eine Besichtigung der Diensträume im Frankfurter Polizeipräsidium. Was er dort gesehen habe, zeuge nicht nur von einer befremdlichen Trauerkultur, sagt der Wiesbadener Polizeipräsident Stefan Müller, der jetzt für eine »Neustrukturierung« der Einheit sorgen soll.

Abgeschottet und nicht für jedermann zugänglich

In den Diensträumen soll es eine Unmenge von »Erinnerungsstücken« und verherrlichenden Aufnahmen der Arbeit des SEK gegeben haben: Beamte, die in voller Einsatzmontur vor der Frankfurter Skyline posieren, bildliche und textliche Inszenierungen von Stärke und Macht. Müller kritisiert ein »übersteigertes Elitebewusstsein« und einen »zur Schau gestellten Korpsgeist« der Frankfurter Truppe.

Skeptisch wurde Müller zudem bei zahlreichen Devotionalien aus dem Film »300«, die er in den SEK-Räumen gesehen habe. In der US-amerikanischen Comicverfilmung aus dem Jahr 2006 geht es um eine fiktive Geschichte von heldenmütigen Spartanern, die ihre abendländische Heimat gegen eine Übermacht aus Persien verteidigen müssen. Symbole aus dem Film würden auch in rechtsextremen Kreisen verwendet, heißt es aus Führungskreisen der hessischen Polizei.

Auch der Frankfurter Polizeipräsident Gerhard Bereswill, in dessen Verantwortungsbereich das SEK bis vor wenigen Tagen arbeitete, spricht von einer »Glorifizierung und Selbstbeweihräucherung« der Truppe, die ihm unangemessen erscheine. Die Diensträume des SEK seien innerhalb des Polizeipräsidiums abgeschottet und nicht für jedermann zugänglich gewesen. Die SEK-Männer hätten dort Waffen und Ausrüstungsgegenstände gelagert, aber auch nach Einsätzen »Wäsche getrocknet« oder »Schuhe zum Ausdampfen hingestellt«. Als er die Räume am vergangenen Wochenende inspizierte, sei ihm allerdings nichts aufgefallen, was explizit auf Ausländerfeindlichkeit oder Rechtsextremismus hinweisen würde, sagte Bereswill.

Der Auswahlprozess gilt als anspruchsvoll

SEK-Angehörige werden in einer meist über viele Jahre dauernden Ausbildung auf komplizierte Einsätze gegen Terroristen und Schwerverbrecher sowie auf Geiselbefreiungen vorbereitet. Die Anforderungen sind hoch, der Auswahlprozess gilt als extrem anspruchsvoll. Innerhalb der Polizei genießen die Spezialkräfte den Ruf einer Elitetruppe. Hessens Innenminister Beuth kritisiert eine »offenkundige Verrohung in Teilen des SEK«. Er kündigte an, die Einheit mit einer »neuen Führungsphilosophie« umzuformen, damit sie »fachlich und ethisch höchste Standards« einhalte.

Innerhalb der Polizei kam Beuths Intervention allerdings nicht durchweg gut an. »Die Anzahl der Straf- und Disziplinarverfahren und die Tatsache, dass der an den Chatgruppen beteiligte Personenkreis sich über mehrere Polizeidienststellen verteilt, ist natürlich besorgniserregend«, so Dirk Peglow vom Bund Deutscher Kriminalbeamter. »Wir sollten trotzdem die weiteren Ermittlungen abwarten und erst anschließend darüber urteilen, ob es sich um rechte Netzwerke handelt oder nicht.« Er warne davor, nun alle Beamten sofort über einen »Nazikamm« zu scheren.

Der Landesverband der Deutschen Polizeigewerkschaft (DPolG) mahnte, dass für die betroffenen Beamten die Unschuldsvermutung gelten müsse, solange sie nicht rechtskräftig verurteilt seien. Zudem dürfe nicht das gesamte SEK für Verfehlungen Einzelner in Haftung genommen werden, sagte der hessische DPolG-Vorsitzende Engelbert Mesarec. Er stelle »mit Entsetzen« fest, so Mesarec, dass Beuth sich durch die Auflösung des SEK an die Spitze derer gestellt habe, die der Polizei »mit Fackeln und Heugabeln zu Leibe rücken«.

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