Selbstmordankündigung bei Facebook Hilflos im Netzwerk

1048 Facebook-Freunde hatte eine 42-jährige Frau aus England, doch keiner von ihnen griff rechtzeitig ein, als sie ihren Selbstmord ankündigte. Im Gegenteil: Einige reagierten mit hämischen Kommentaren. Das berichten mehrere britische Zeitungen. Jetzt meldet sich die Mutter der Toten zu Wort.

Hamburg - Es war an Weihnachten, als Simone B., 42, folgendes tippte: "Habe alle Pillen genommen, werde bald tot sein, bye bye everyone."

Dann drückte sie die Enter-Taste, und die Wörter erschienen in ihrer Status-Zeile bei Facebook; waren zu sehen für jeden ihrer 1048 Facebook-Friends, der an diesem Tag online ging. So berichten es am Mittwoch übereinstimmend die britischen Zeitungen "Daily Telegraph" und "Daily Mail".

Doch keiner der Online-Kontakte von Simone B. sei ihr zu Hilfe geeilt, wie die Zeitungen schreiben. Im Gegenteil: Einige verfassten demnach hämische Kommentare. Einer soll sie eine Lügnerin genannt haben, ein anderer soll geschrieben haben: "Ist ihre Entscheidung."

Den Berichten zufolge war es schließlich die Mutter der Toten, die am nächsten Tag die Polizei alarmierte. Jemand hatte ihr demnach eine SMS geschrieben und von der Selbstmord-Ankündigung ihrer Tochter berichtet. Als die Polizei die Wohnung von Simone B. aufbrach, war diese bereits tot.

Niemand aus der unmittelbaren Umgebung reagierte

Die Zeitungen zitieren die Mutter mit den Worten, es sei empörend, dass niemand ihrer Tochter vorher geholfen habe. Niemand habe sie alarmiert, 17 Stunden lang, bis schließlich die SMS angekommen sei.

Allerdings hatten offenbar einige Facebook-Freunde, die weiter entfernt wohnten, versucht, die Telefonnummer und Adresse von Simone B. herauszufinden, um ihr zu helfen. Doch niemand aus ihrer unmittelbaren Umgebung im südenglischen Brighton, der online mit ihr befreundet war, habe reagiert.

Nachdem Simone B. gepostet hatte, dass sie nach der Pilleneinnahme bald sterben werde, schrieb einer ihrer Facebook-Freunde den Berichten zufolge, sie nehme dauernd zu viele Pillen. Jemand anderes antwortete, er hoffe, ihre Ankündigung sei eine Lüge, sonst "werdet ihr Euch schuldig fühlen".

"Alle haben einfach weiterdiskutiert"

Von immerhin einem Kommentator wird berichtet, der sich um Simone B. sorgt. Der Schreiber fragt demnach, ob jemand persönlich nach ihr gesehen oder den Notruf alarmiert habe. Empört fragt der Facebook-Nutzer, ob das Online-Gelaber wirklich wichtiger sei als Simone selbst.

Die Zeitungen zitieren außerdem eine Freundin der Toten: "Alle haben bei Facebook einfach weiter diskutiert, als ob das Ganze nicht passieren würde." Manche der Facebook-Freunde hätten nur wenige Meter entfernt gewohnt von Simone B. "Wenn nur einer seinen Computer verlassen hätte und zu ihr hinübergegangen wäre, hätte man sie retten können."

Selbstmord-Ankündigungen bei Facebook sind kein neues Phänomen. So ermittelte etwa die Polizei in Hongkong im Herbst 2009 gegen den Urheber von zwei Facebook-Gruppen, in denen sich Nutzer offenbar gegenseitig in ihren Suizid-Absichten bestärkten.

Auf der Facebook-Seite von Simone B. postete die Mutter dem "Telegraph" zufolge noch folgenden Eintrag: "Meine Tochter Simone ist heute von uns gegangen, bitte lasst sie jetzt in Ruhe."

otr
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