"Locker-room-talk": Was Männer sich in der Umkleidekabine erzählen

Ich habe jahrelang Wasserball gespielt. Was ich in den Umkleidekabinen gehört habe, prägt mich bis heute.
Von Lou Zucker und Leonard Grütte

Dieser Beitrag wurde am 24.09.2020 auf bento.de veröffentlicht.

An einem Montag in der Männerumkleide vor dem Wasserballtraining: Einer meiner Mitspieler kommt herein, grinst über beide Ohren und verkündet stolz: "Am Samstag war Nummer vier fällig". Mit "Nummer vier" meint er eine Frau, mit der er angeblich am Samstag geschlafen hat. Wir sind damals beide 15 Jahre alt, so wie die meisten aus der Mannschaft, ich bin noch Jungfrau. Bilder von ihr werden herumgereicht, Kommentare über ihr Aussehen gemacht. 

Was ich in Umkleidekabinen gelernt habe 

Zehn Jahre lang war ich im Wasserballverein aktiv, von zwölf bis zweiundzwanzig. Was ich in dieser Zeit von meinen Mitspielern über Frauen lernte, war vor allem: Sie sind "nur zum Ficken gut", was zählt ist die Anzahl der Frauen, mit denen man geschlafen hat und deren Aussehen. Und um eine Frau "ins Bett zu kriegen", ist jedes Mittel erlaubt, inklusive Lügen, Fremdgehen oder sie mit Alkohol "abfüllen". Denn: Frauen sind Objekte. Dieses Bild wurde uns jahrelang eingetrichtert, ohne dass auch nur einer von uns es kritisch hinterfragt hätte. Keiner meiner vielen Trainer hat je etwas dagegen gesagt. Wir alle dachten, das sei normal, das sei der "natürliche Lauf der Dinge". 

Und das war nicht nur in einer Mannschaft so, in jeder der vielen Mannschaften, in denen ich gespielt habe, ging es mehr oder weniger so zu. Alle Männer, mit denen ich über dieses Thema gesprochen habe, haben ähnliche Geschichten erzählt. Männern wird in Sportumkleiden ab der Pubertät beigebracht, dass sie besser sind als alle Anderen und dass es vollkommen normal ist, schlecht über Frauen zu reden und zu denken und sie dementsprechend zu behandeln.  

Der "locker room talk", hat es mir schwer gemacht, meine eigene Sexualität und Art zu Lieben frei zu entdecken.

Leonard Grütte

Donald Trump hat das einmal als "locker room talk" verharmlost, als er mit Tonaufnahmen konfrontiert wurde, auf denen er damit prahlt, Frauen sexuell zu belästigen. Das Ganze ist aber alles andere als harmlos. Der "locker room talk", den ich jahrelang miterlebt habe, hat es mir schwer gemacht, meine eigene Sexualität und Art zu Lieben frei zu entdecken. Vor allem aber fördert dieses Denken ein soziales Umfeld, in dem sexuelle Gewalt normalisiert und gerechtfertigt wird - die sogenannte rape culture. Ich habe viele Jahre gebraucht, um die Denkweisen von damals — zu großen Teilen — abzulegen. Ein Rest ganz tief drin wird wohl immer bleiben. 

Rassistische Sprüche vom besten Freund

Einmal kam einer meiner Mitspieler zwei Wochen lang nicht zum Training. Als er wiederkam, erzählte er uns in der Umkleide voller Stolz: "Ich hab eine Frau klargemacht und dann beim Ficken aus Versehen das Falsche Loch genommen, dabei ist meine Vorhaut gerissen." Wir lachten alle darüber — auch ich. Niemand dachte darüber nach, wie unser Mitspieler überhaupt dazu gekommen war, mit so viel Gewalt in den Anus seiner Sexpartnerin einzudringen, dass seine Vorhaut dabei gerissen war. Der Gedanke, welche Schmerzen sie dabei gehabt haben muss, dass dort wahrscheinlich ihre Grenzen überschritten worden waren, kam mir damals nicht. Stattdessen dachte ich nur: "Hoffentlich kriege ich das hin, wenn es passiert."  

Die Kommentare in der Umkleide waren oft nicht nur sexistisch, sondern auch rassistisch. Als ich einmal eine Affäre mit einer Schwarzen Frau hatte, musste ich mir anhören: "Geil Alter, da hast du gleich einen neuen Kontinent abgehakt." Der Spruch kam von meinem damaligen besten Freund. Dass die Frau in Berlin aufgewachsen war, hätte ihn kaum interessiert. Ich sagte nichts. Daran muss ich heute noch denken.  

Beziehungen galten als Gefängnis für den Mann

Solcher locker room talk ist nicht nur bei pubertierenden Jungs an der Tagesordnung. Mit 16 begann ich, für unsere Bundesliga Männermannschaft zu spielen, in der die meisten Spieler schon Anfang 20 waren. Wer in einer Beziehung war, wurde dafür ausgelacht, dass er jetzt "eine Alte am Start hat, die sagt wo es langgeht". Die vorherrschende Meinung im Team war: Nur Männer, die nicht in einer Beziehung sind, können wirklich frei sein. Heute finde ich solche Sprüche beleidigend, sie schaffen das Bild einer Frau, die ihrem Freund nur Schlechtes will. Damals ermutigten mich diese klischeehaften Darstellungen von Beziehungen nicht gerade, mich zu verlieben. 

Als ich mich ein Jahr später doch verliebte, konnte ich mit niemandem über meine Gefühle reden. Ich fing sogar an, die sich entwickelnde Beziehung zu verstecken und vor meinen Mitspielern zu verheimlichen. Irgendwann ging ich meiner Freundin fremd. Ich hatte zu Recht ein schlechtes Gewissen, es zerfraß mich förmlich von innen. Von meinem Team jedoch hörte ich die wildesten Erklärungen und Rechtfertigungen für mein Verhalten: "Männer sind halt so", "Wir denken mit dem Schwanz", "Jawoll, jetzt bist du endlich ein richtiger Stecher". Diese dämlichen Sprüche sorgten dafür, dass ich mich auf einmal sehr männlich fühlte und mein schlechtes Gewissen langsam verschwand. Meine Freundin verzieh mir — und ein paar Wochen später machte ich mit ihr Schluss. Auf die denkbar unsanfteste Art: zwischen zwei Trainingseinheiten. In der zweiten Trainingseinheit erntete ich dafür von meinen Mitspielern High-Fives. Ich war jetzt wieder einer von ihnen. Wieder auf der "Jagd". 

Das "Stecher-Sein" musste immer wieder neu bewiesen werden — wurde aber auch immer wieder aufs Neue belohnt. Zum Beispiel, wenn wir ein Spiel gewonnen hatten, uns danach gemeinsam besoffen und in den Club gingen. Frauen wurden angelabert, angetanzt, angegrabscht — und wer es schaffte, mit einer rumzumachen, wurde vom Team gefeiert. Einmal, als wir in einer Studentenbar waren, log ich eine Frau wegen meines Alters an, um sie ins Bett zu kriegen. Sie war in Wirklichkeit fünf Jahre älter als ich und ich noch minderjährig.  

Ich grabschte nicht, aber ich lachte mit, wenn mir jemand davon erzählte. Heute denke ich, dass auch antanzen schon eine Form der sexuellen Belästigung sein kann.   

Keiner von uns hat je zu einem anderen gesagt, dass er zu weit gegangen sei. Nicht ein einziges Mal. Wir wollten uns nicht gegenseitig im Weg stehen und als Spielverderber oder "Schwuchtel" angesehen werden. Eine "Schwuchtel" sein war ein absolutes No-Go. Ich frage mich bis heute, wie es jenen Sportlern geht, die in Teams spielen und schwul sind, dies jahrelang verstecken und sich regelmäßig anhören müssen, wie andere oder sie selbst so beleidigt werden. 

Der unsensible Ton richtete sich irgendwann auch gegen mich

Als ich 18 war, kam es zu einem großen Bruch mit meinem Verein und schließlich wenige Jahre später auch mit Wasserball als Sport: Ich hatte eine schwere Verletzung, einen doppelten Sehnenabriss am linken Ellenbogen. Mein Arm war eingegipst. Alles was mein Trainer zu sagen hatte, war: "Du kannst ja auch mit Gips schwimmen, oder?" Zum ersten Mal richtete sich der unsensible Umgangston in meinem Verein gegen mich persönlich. Ich habe mich dort nicht mehr wohl gefühlt und entschieden: Ich muss hier weg. 

Nach und nach fing ich an, das Frauenbild, das ich in der Gesellschaft — insbesondere in meinem Team — mitbekommen hatte, intensiver zu hinterfragen. Sicherlich haben mir meine beiden Schwestern und meine zweite Freundin dabei geholfen. Sie waren schon immer sehr politisch, mit ihnen konnte ich Themen wie Sexismus und Rassismus vertiefen. Ohne ihre emotionale Arbeit wäre es mir oft nicht bewusst geworden, wenn ich mich selbst mal sexistisch verhalten habe. Über Twitter erfuhr ich mehr zu verschiedenen Diskriminierungsformen und intersektionalem Feminismus, ich begann Bücher darüber zu lesen.   

Der Ton in Umkleidekabinen sollte sich ändern

Ich flirte immer noch gerne, aber anders als früher. Es geht mir jetzt mehr um einen Austausch, ums miteinander Reden und Zuhören — und es geht mir um Einvernehmlichkeit, also darum, dass beide damit einverstanden sind, was gerade passiert. Von meinen damaligen Mitspielern habe ich mich entfernt. Meine heutigen Freunde und Freundinnen sind sich größtenteils darüber im Klaren, dass es strukturelle Diskriminierung gibt und dass das ein Problem ist. Unter meinen männlichen Freunden fällt schon manchmal ein dummer Spruch, aber das ist jetzt ein Anlass sich darüber auszutauschen, anstatt sich ein High-Five zu geben. 

Sicher hatte nicht jeder meiner früheren Teamkollegen ein Umfeld, das ihnen dabei half, ihre sexistischen Denkmuster zu hinterfragen. Sicher hätte es auch nicht jeder von ihnen gewollt. Locker room talk ist keine Bagatelle. Solange das von Trainer*innen geduldet und von der Gesellschaft als "boys will be boys" abgetan wird, kann sich nichts ändern. Wir brauchen ein fundamentales Umdenken in Erziehung und sexueller Aufklärung, damit sexistische Sprüche nicht zum Alltag so vieler Jungs gehören — und damit rape culture nicht in der Sportumkleide von einer Generation an die nächste weitergegeben wird. 

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