Proteste gegen "Pickup"-Seminare Sexuelle Gewalt als Geschäftsmodell

Julien Blanc nennt sich "Pickup Artist", prahlt damit, wie er angeblich Frauen zum Sex zwingt - und bietet für die Firma RSD Seminare an. RSD will jetzt in Deutschland aktiv werden. Politikerinnen wollen das verhindern.
Von Marius Münstermann
Julien Blanc: "Der meistgehasste Mann der Welt?"

Julien Blanc: "Der meistgehasste Mann der Welt?"

Foto: YouTube/ RSDJulien

"In Tokio kannst du als weißer Mann machen, was du willst. Ruf einfach Pokémon oder Pikachu und greif sie dir." So schildert Julien Blanc seinen Besuch in Japan. Blanc ist ein selbsternannter "Pickup Artist", der anderen Männern beibringen will, wie sie Frauen ins Bett bekommen. In einem Video, das im Internet kursiert, erzählt Blanc, mit welchen Methoden er dieses Ziel verfolgt: "Ich lief durch die Straßen und zog ihre Köpfe an meinen Schwanz." Eine weitere Szene zeigt, dass Blanc es ernst meint: In Tokio führte er seine vermeintlichen Anbaggertricks tatsächlich auf der Straße und in Klubs vor.

Dutzende Männer, die ebenfalls in dem Video zu sehen sind, lauschen Blancs Erzählungen gebannt. Manche lachen. Sie haben an einem der Seminare teilgenommen, die Blanc als "Bootcamp" anpreist. Nach einer verbalen Einstimmung sollen die Teilnehmer seine Methoden selbst erproben - an Frauen "in freier Wildbahn".

Dass dabei auch Gewalt angewendet werden darf, offenbaren Videos, die Blanc selbst mit dem Hashtag #ChokingGirlsAroundTheWorld ("Mädchen Würgen auf der ganzen Welt") in sozialen Medien verbreitet.

"Ziel ist, dass diese Firma verschwindet"

Blanc ist einer von mehreren "Trainern", die ihre Seminare weltweit im Namen des US-Unternehmens Real Social Dynamics (RSD) anbieten und sich in eigenen YouTube-Kanälen präsentieren. Teilnahmegebühr für ein Seminar laut RSD: Bis zu 3000 Dollar. Gründer von RSD ist ein Mann, der auf der Website nur als Nick auftritt. Seine Anhänger nennen ihn "Papa".

Nun ist bekannt geworden, dass RSD auch in Deutschland Seminare veranstalten will. In Berlin, wo am Freitag das erste RSD-Seminar stattfinden soll, hat sich ein Trainer angekündigt, der im Netz unter dem Namen "Ozzie" firmiert. Er ist Autor des Buches "The Physical Game", Untertitel: "Wie man Frauen physisch führt und ins Bett kriegt". Laut Website von RSD sei das Berliner Seminar ausgebucht.

Gegen die frauenverachtende Geschäftsidee formiert sich Protest, den vor allem Julien Blanc zu spüren bekommt. Das "Time Magazine" fragt bereits : "Ist dies der meistgehasste Mann der Welt?" Auf Twitter rufen Aktivisten unter den Hashtags #takedownrsd und #takedownjulienblanc zu Demonstrationen an den Veranstaltungsorten der RSD-Seminare auf.

Jennifer Li, die Initiatorin der Hashtags, sagte der BBC : "Ziel ist, dass diese Firma verschwindet."

Dem schloss sich auch Gesine Agena an, die frauenpolitische Sprecherin der Grünen: "Sexualisierte Gewalt an Frauen darf nicht toleriert werden. Wir fordern Hotels und andere Anbieter dazu auf, ihre Räumlichkeiten nicht für gewaltverherrlichende Bootcamps der Firma RSD zur Verfügung zu stellen", sagte sie SPIEGEL ONLINE.

RSD hält bislang geheim, wo die für Berlin, München, Frankfurt und Hamburg angekündigten Seminare stattfinden sollen. Bis zur Veröffentlichung dieses Artikels hatten weder Julien Blanc noch RSD auf eine Anfrage reagiert.

Deutliche Worte findet dafür die SPD-Bundestagsabgeordnete Mechthild Rawert: "Julien Blanc und seine Mitstreiter haben auf deutschem Boden nichts verloren. Ihre Ideologie verstößt in grässlicher Weise gegen eine auf Gleichstellung und Vielfalt geprägte Gesellschaft."

Einreiseverbot für Blanc?

Die Münchner Grünen-Politikerin Lydia Dietrich sagt: "Die Inhalte sind ein offener Aufruf zur Misshandlung und Erniedrigung von Frauen." Sie fordert vom Münchner Stadtrat, das RSD-Seminar in der Bayerischen Landeshauptstadt zu verhindern. Begründung: "Das Grundrecht der Meinungsfreiheit lässt viel Raum. Doch dieses Grundrecht endet da, wo es dazu missbraucht wird, zu Straftaten aufzurufen und Frauen ihrer Menschenwürde zu berauben." Außerdem ruft Dietrich die Bundesregierung auf, ein Einreiseverbot gegen RSD-Redner zu verhängen.

Diesen Schritt prüft zurzeit auch Kanada, wo demnächst ebenfalls RSD-Seminare stattfinden sollen. Australien, wo RSD bereits Seminare veranstaltete, setzte Julien Blanc am vergangenen Donnerstag auf die Liste unerwünschter Personen und entzog ihm das Visum.

Für die Einreise in Deutschland benötigen US-Bürger wie Julien Blanc kein Visum. Das Bundesinnenministerium und die Polizeibehörden der Länder diskutieren zurzeit ein mögliches Vorgehen gegen Blanc und seine Kollegen. Bislang heißt es lediglich, die Polizei greife ein, sobald ein Redner während eines RSD-Seminars strafrechtlich relevante Aussagen träfe.

Damit hat Julien Blanc bereits Erfahrung: Es gibt noch ein anderes Video, in dem Blanc seinem Publikum erzählt, er habe eine Frau gegen deren Willen penetriert. Dass diese Aussage dem Geständnis einer Vergewaltigung gleichkommt, hat offenbar auch RSD verstanden. Die Firma hat das Video inzwischen von ihrer Website genommen.

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