Sexueller Missbrauch Scham fressen Seele auf

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2. Teil: "Das Opfer hat es doch gewollt"


"Durch das Geld wird ein Schaden nicht geringer, aber für das Opfer ist es eine Form der Anerkennung", sagt Denef. Seither führt Denef einen weiteren Kampf - gegen das deutsche Zivilrecht. Denn das regelt, dass der Anspruch auf Schadensersatz bereits drei Jahre nach dem 21. Geburtstag verfällt. Strafrechtlich sind solche Fristen in der Regel nach zehn Jahren verjährt, gezählt wird ab der Volljährigkeit des Opfers.

Wenn sich ein Opfer also nicht mit spätestens 27 Jahren an die Behörden gewandt hat, kommt der Täter ungestraft davon. Doch vielen geht es wie Norbert Denef, sie brechen aus Scham und Angst erst Jahrzehnte nach der Tat ihr Schweigen. Zu spät, um das Vergehen strafrechtlich zu ahnden, zu spät, um Schadensersatzansprüche geltend zu machen. Verjährungsfristen zählen somit zu den wichtigsten Problemen für Missbrauchsopfer. "Der Tote hat die besten Chancen auf Schadensersatz", kommentiert Denef verbittert.

Er will, dass die Verjährungsfrist im Zivilrecht aufgehoben wird. So sollen die Opfer wenigstens einen finanziellen Ausgleich erhalten. Der Gesetzgeber mache sich "mitschuldig an dem leidvollen Schweigen der Opfer", weil er "eine Aufarbeitung der Verbrechen behindere", schrieb Denef in seiner Petition an den Deutschen Bundestag.

Der lehnte sie ab. Jetzt sammelt Denef Unterschriften für eine Beschwerde beim Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte. Mehr als 7000 hat er bereits zusammen. Doch es müssen noch mehr werden, um die Politik zum Einlenken zu bewegen.

Die Anklage: Seelenmord

"Du hast dich schon mit dem mächtigsten Haufen der Welt angelegt, der Kirche, da brauchst du jetzt nicht auch noch die Politik", habe er anfänglich gedacht, sagt Denef. Doch seine Tochter sei es gewesen, die in animiert habe, weiterzumachen, sein Anliegen auch in die Politik zu tragen.

Denef sagt, ihm gehe es um eine Änderung des Zivilrechts, weil dieses sich um die Opfer bemühe - anders als das Strafrecht, das vorrangig den Täter im Blick habe. "Die Gesetze sind ein Spiegelbild der Gesellschaft. Und sie folgen immer noch der Verführungstheorie. Nach dem Motto: Das Opfer hat es doch gewollt."

Das Opfer hat in einem zivilrechtlichen Verfahren die Beweispflicht. Ihr nachkommen zu können wird schwieriger, je länger die Tat zurückliegt. Es ist jedoch, wie der Fall von Norbert Denef zeigt, nicht unmöglich.

Doch genau darauf hat sich der Deutsche Bundestag berufen, als er Denefs Petition im Dezember 2008 ablehnte: "Verjährungsregelungen sind zur Aufrechterhaltung des Rechtsfriedens und der Rechtssicherheit unabdingbar", heißt es in der Begründung. Und weiter: "Der Rechtsverkehr benötigt klare Verhältnisse und soll deshalb vor einer Verdunkelung der Rechtslage bewahrt werden, wie sie bei später Geltendmachung von Rechtsansprüchen auf Grund längst vergangener Tatsachen zu befürchten wäre."

"Wir haben ein Täterschutz- und kein Opferschutzgesetz", resümiert Denef bitter. Er selbst habe "35 Jahre dafür gekämpft", das ihm widerfahrene Unrecht auszusprechen. "Die gesetzlichen Regelungen müssen zum Ausdruck bringen, dass wir als Gesellschaft den Seelenmord anklagen."

Bei "richtigem" Mord diskutiere man ja auch nicht "so blödsinnig".

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razorfish, 12.02.2010
1. Beim geringsten Veracht anzeigen!
Schon beim geringsten Verdacht anzeigen, das kann die alleinige Konsequenz sein. Natürlich haben wir eher Täter- denn Opferschutz. Umso wichtiger ist es, bei begründeten Verdachtsmomenten den Gang zur Polizei nicht zu scheuen und Anzeige zu erstatten. Ich komme selbst aus einem kleinen, erzkatholischen Ort. Zu meiner Schulzeit hatte der ortsansässige Pfaffe und Religionslehrer in Personalunion den Ruf, gerne mal zu grabschen. Darüber hat man nicht nur unter den Jugendlichen gesprochen, passiert ist aber nichts, zumindest habe ich nichts mitbekommen, zumal der Paffe gefühlte 50 Jahre im Amt war. Vielleicht war nichts dran, vielleicht aber doch. Heutzutage muss man sich trauen, dann auch Anzeige zu erstatten, im Zweifel lieber einmal zu oft!
philosoph123 12.02.2010
2. keine Verjährung bei sexuellenm Missbrauch
Sexueller Missbrauch ist eine so schlimme Tat - es hinterlässt eine so zertstörte Seele. Wozu dann noch eine Verjährungsfrist, die den Täter schützt? Ich fordere keinerlei Verjährunb bei sexuellem Missbrauch in Straf und Zivilrecht.
dasky 12.02.2010
3. Mutter
Seinen eigenen Angaben zufolge ist Herr Denef im Alter von sieben Jahren erstmals Opfer sexueller Gewalt geworden, sexueller Gewalt durch seine *Mutter* (http://forum.spiegel.de/showpost.php?p=3128908&postcount=78). Es fragt sich also, wie weit seine Mutter die Opferkarriere des Herrn Denef wesentlich mitbestimmt hat. Sexueller Missbrauch von Kindern durch Frauen und Mütter dürfte die wohl tabuisierteste (http://www.scribd.com/doc/15960670/M-Matussek-Die-Vaterlose-Gesellschaft) Form des sexuellen Missbrauchs (Matussek, S.185 ff.) sein.
mwille64, 12.02.2010
4. Es gibt da nur eine Antwort zur Loesung des Problems...
Alle Katholiken muessen geschlossen aus der Kirche austreten, weil das einzige was die Institution Kirche versteht GELD ist. Da Deutschland das einzige Katholiken Land der Welt ist das automatisch mit der Mitgliedschaft einen Teil des Einkommens erhaelt ist das ein sehr maechtiges instrument. Das waere im uebrigen auch im Sinne unseres Gruenders, der solche schweinereien mit Sicherheit nicht geduldet haette. Das hat nichts mit Sippenhaft fuer alle Priester zu tun, sondern mit der Tatsache das die Kirche als Institution tabula rasa in den eigenen Reihen machen muesste, aber genau das Gegenteil tut. Es ist eine gnadenlose Schande die mich als Katholik tief beschaemt und ich mich jeden Sonntag fragen muss ob ich den Glaubensschwur auf die Kirche wirklich noch persoenlich verteten kann.
town621903 12.02.2010
5. Wen wundert die Kirche noch?
Was hier passiert, zeigt eigentlich nur die menschenverachtende Denkweise der katholischen Kirche. Über Jahrhunderte wurden entweder von der Kirche selbst (siehe Inquisition) und mit Wohlwollen / Wegschauen der Kirche (drittes Reich, jede moderne Diktatur) Andersdenkende verfolgt, gefoltert und ermordet. Selbst heute noch akzeptiert die katholische Kirche, daß "Brüder" den Holocaust leugnen. Die jetzt offengelegten Vergewaltigungen Minderjährigen zeigen zwei Dinge: 1. Die katholische Kirche hat dasselbe menschenverachtende Weltbild wie in den letzten Jahrhundert: Nehme Dir, was Du willst, egal was es andere kostet, denn wir haben immer recht. 2. Wenn erkannt wird, daß doch eine Straftat begangen wurde, soll alles möglichst verschwiegen werden - man versetzt den "fehlgeleiteten Bruder" und hofft, daß es nicht mehr vorkommt. Beides sind die Seiten derselben Medaille mit dem Namen Menschenverachtung. Nächstenliebe und Fürsorge sieht anders aus.
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