Sexueller Missbrauch Wie deutsche Bischöfe die Taten ihrer Priester dulden

Die katholische Kirche in Deutschland hält sexuellen Missbrauch durch Priester weiter für ein Randproblem. Doch die jüngsten Fälle zeigen viele Parallelen zum Pädophilen-Skandal in den USA.

Der Pfarrer von Ebersdorf wartete nicht, bis die Kindlein zu ihm kamen. Am liebsten holte der Gottesmann sie im eigenen Auto ab. Bei der Fahrt zu Messen, Taufen, Andachten oder Eheschließungen griff der 60-jährige Herr dann, so steht es im Urteil des Landgerichts Coburg, "mit der rechten Hand von hinten in die Unterhose". Hochwürden "streichelte sodann die Gesäßfalte" seines erst elf Jahre alten Ministranten.

Der pädophile Priester Wolf-Dieter W. wurde immer dreister. Einem Schüler griff er sogar während des Religionsunterrichts in die Hose. Und bei einem Sternsinger hat sich der Seelsorger "an Oberschenkel und Glied gerieben".

Viele wussten um die verbrecherische Neigung. Doch der Pfarrer durfte seine Gemeinde in der Nähe Coburgs betreuen, als wäre alles in Ordnung. Erst der Vater eines Opfers machte dem Spuk ein Ende. Vorm Weihnachtshochamt 1999 erklärte er der versammelten Gemeinde: "Der Mann, der hier das Wort Gottes verkünden soll, hat meinen Sohn mehrere Male missbraucht."

Im Juli 2000 wurde der katholische Geistliche zu einer Freiheitsstrafe von zwei Jahren auf Bewährung verurteilt. Er hatte sich nachweislich an drei Messdienern, zwischen acht und elf Jahre alt, vergangen. Selbst das Urteil veranlasste seinen Arbeitgeber, das Bistum Würzburg, zunächst nicht, endgültige Konsequenzen zu ziehen. W. wurde erst in der vorvergangenen Woche in den Ruhestand versetzt.

Die plötzliche Entschlossenheit ist allerdings weniger einer späten Einsicht geschuldet denn von außen erzwungen worden. In den USA wurden seit Jahresbeginn annähernd 60 Geistliche suspendiert, nachdem die Pädophilen-Skandale der Kirche Hunderte Klagen eingebracht hatten. Die Bischöfe gaben zu, die Priester lediglich versetzt statt angezeigt zu haben. Zudem sollen eine Milliarde Dollar Schadensersatz und Schweigegeld geflossen sein.

In der vergangenen Woche wurden die US-amerikanischen Bischöfe im Vatikan vom Papst zurechtgewiesen. Johannes Paul II. hatte in jüngster Zeit mehrfach dazu aufgefordert, die kirchenschädigenden Vorgänge, "die so viel Leid und Schock für junge Leute" verursacht hätten, offensiver als bisher anzugehen - überall in der Welt.

Doch die Bischofskonferenz in Deutschland hatte vorigen Montag kaum mehr als eine gute Stunde Zeit für das einstige Tabuthema. Auf der Sitzung im Kloster Himmelspforten nahe Würzburg mussten sich die Kirchenoberen eingestehen, weder einen Überblick über die sexuellen Vergehen deutscher Geistlicher noch eine für alle 27 Bistümer gültige Verfahrensordnung für den Umgang damit zu haben. Als hätte man alle Zeit der Welt, wurde nur der Arbeitsauftrag für eine schon bestehende Kommission erneuert. Die Herren Bischöfe waren sich allein in einer Glaubensfrage einig: Der Zölibat, hieß es, sei nicht ursächlich für die Missbrauchsfälle.

Doch der Schulterschluss, das Böse allen internationalen Reaktionen zum Trotz noch immer nicht an sich heranzulassen, könnte zum Problem werden. Die jüngsten Fälle von Übergriffen der Priester zeigen, dass die Verhaltensmuster, die jetzt in den USA zum Eklat führten, auch in deutschen Bistümern verbreitet sind. Mangelnde Transparenz, verschwiemelte Reaktionen auf Verdachtsmeldungen, Geheimhaltung und defensives Kleinreden sind im Klerus noch immer gang und gäbe. Straffällig gewordene Priester wurden bislang lediglich versetzt und mitunter sogar vor dem Zugriff der Staatsanwaltschaft geschützt. Sie konnten daher munter weiter sündigen.

Den Fall des fummelnden Priesters von Ebersdorf prägen alle Züge dieses kirchlichen Versagens bis zum letzten Tag: Der Mann war schon früher in anderen Bistümern wegen sexuellen Missbrauchs aufgefallen, von der Kirche aber immer wieder nur versetzt worden. Die Familie eines der Opfer, die den Skandal aufdeckte, wurde lange Zeit von Kirchenmitgliedern angefeindet, statt geschützt zu werden.

Selbst nach seiner Verurteilung wurde W. noch die Betreuung eines Kirchenheims angetragen, das einer Ministrantengruppe als Domizil dient. Dieser Umstand will dem verantwortlichen Würzburger Bischof Paul-Werner Scheele erst durch die massiven Elternproteste aufgefallen sein.

Der katholische Therapeut Wunibald Müller, der sich seit zehn Jahren in der Abtei Münsterschwarzach um Geistliche in Krisensituationen kümmert und auch privat Priester behandelt hat, die Minderjährige missbraucht haben, fordert verbindliche Richtlinien, aber auch Reformen bei der Ausbildung und den Verzicht auf den Zwangszölibat.

Ihre Gleichgültigkeit bleibt für die Bischöfe meist folgenlos. In Fulda waren die Eltern nicht über das Vorleben eines in ihre Gemeinde versetzten Priesters informiert worden. Als der Mann sich erneut an Kindern vergriff, hatten Anzeigen gegen dessen Vorgesetzte keinen Erfolg.

Wie stark die Verdrängungsmechanismen im katholischen Milieu immer noch sind, zeigt der jüngste Missbrauchsfall. Der 40-jährige Priester der St.-Michael-Kirche im nordfränkischen Sandberg, bekannt für seine engagierte Jugendarbeit, unternahm mit einem elfjährigen Ministranten am 11. März einen Ausflug ins Schwimmbad. Dabei soll er, so die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft Schweinfurt, das Kind zweimal unsittlich angefasst haben.

Die Eltern versuchten über Wochen erfolglos, den Pfarrer zu Konsequenzen zu bewegen. Vom Bistum Würzburg kam wieder lange keine Hilfe. Der Pfarrer durfte am Weißen Sonntag sogar noch die Erstkommunion zelebrieren. An diesem Tag bot das Bistum den Eltern an, ihnen "bis zum Abklingen des ersten Wirbels" einen Urlaub zu bezahlen - wohl so etwas wie die bayerische Variante von Schweigegeld und Wiedergutmachung nach amerikanischem Muster. Die junge Familie lehnte ab: "Wir wollen kein Geld, wir wollen unser Recht." Am 9. April wurde der Priester dann angesichts des Drucks der Eltern suspendiert. Er gestand und zeigte sich am gleichen Tag selbst an.

Als die Vorwürfe in dem 3000-Seelen-Dorf in der Rhön bekannt wurden, wendete sich die Stimmung plötzlich gegen die Familie. In ihrer Not ließen sich die Eltern schließlich auf Interviews für Boulevard-Magazine ein. Erst daraufhin organisierte die Kirche Mitte April eine klärende Aussprache mit den Gemeindemitgliedern.

Der Priester, so der Bistumssprecher, weilt derzeit in einem geheim gehaltenen "klosterähnlichen Therapiezentrum der Kirche für solche Fälle außerhalb unseres Bistums".