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Presse Sexy ist okay

Mädchenzeitschriften verkaufen sich besser denn je - und verbreiten ein vorwiegend konservatives Rollenbild.
aus DER SPIEGEL 31/1994

Der Sommer ist die beste Zeit zum Verlieben. »Die Sonne läßt die Stimmung wie das Barometer steigen, und die Flirtbereitschaft wird groß«, verkündet Bravo Girl! und erläutert auch gleich »die besten Flirttricks": prüfen, ob der Badeanzug ("auch von hinten") sitzt, ins Schwimmbad gehen, den auserwählten Boy in der Schlange am Eisstand ansprechen und um Sonnenöl bitten.

Für die Wahl des erfolgversprechendsten Badeanzugs zur Vertuschung mangelhafter Körperformen gibt Mädchen Ratschläge: Der Corsagenschnitt sei eine »Mogelpackung« und mache »mehr aus einem Mini-Busen«, Lycra halte »den Bauch schön in Form«, und der »Hit« seien großzügig geschnittene Bikinihosen, »die von Pölsterchen ablenken«.

Diese Tips gruppieren sich um die Grundfrage: »Wie finde ich einen Mann?« - und das Versprechen, darauf eine Antwort zu geben, verkauft sich blendend: Die Auflage von Mädchen stieg innerhalb von sieben Jahren von 134 000 auf 493 000; Bravo Girl! verkauft im Zwei-Wochen-Rhythmus sogar 738 000 Hefte, vor sechs Jahren waren es nur 415 000. Und die Verlagsgruppe Jürg Marquard plant jetzt noch ein weiteres Magazin für junge Mädchen, das, so die Chefredakteurin Isabell Flohr, »zwischen Mädchen und Cosmopolitan« liegen soll.

Der Markt ist riesig, die Botschaft simpel: Frauen müssen schön sein, um anzukommen. Da werden auf schreiend rosa Bildseiten Mädchen zu Barbie-Puppen gestylt, »schnipp-schnapp« Kurzhaarfrisuren präsentiert, mit einem Test kann der eigene Wert auf dem Bekanntschaftsmarkt ermittelt werden ("Bist du ein Typ, der Jungen reizt?").

Mädchen sind dazu da, Männer glücklich zu machen - das ist die aus dem Muff der fünfziger Jahre stammende Devise von Mädchenzeitschriften. Ebenso verstaubt sind die Rollenklischees, von denen vor allem die Fotogeschichten leben: Die Mädchen sind die hilflosen, naiven Schönen, die abgefeimten Lustmolchen fast zum Opfer fallen, aber schließlich doch noch von einem jungen Prinzen gerettet werden.

Als hätte es die Frauenbewegung und den Kampf um weibliche Emanzipation in der Männergesellschaft nie gegeben, überziehen Mädchen und Bravo Girl! die Jahrzehnte der Aufklärung und Erziehung zum Selbstbewußtsein mit dem süßlich-seichten Zuckerguß der Niedlichkeit. Daß auch Frauen denkende Wesen sind, ist eine Erkenntnis, die sich die jungen Leserinnen anderswo beschaffen müssen.

»Sich schön und sexy zu machen ist okay«, sagt Karin Kampwerth, Redakteurin bei Mädchen, »aber Mädchen haben auch andere Interessen.« Schöne Männer zum Beispiel, wie der junge Adonis im Flanellhemd, der in Mädchen seine haarlose Brust präsentiert (für weniger Aufgeschlossene sind auf der Rückseite Elefanten beim Flirten abgebildet). Oder wie der durchtrainierte Roman, 19, der ausführlich und ohne Tabu unterm Wasserfall in Bravo Girl! seine Reize ausstellt, Penis inklusive. Klar, daß bei der Konkurrenz die gleichaltrigen Jungen schwer unter Leistungsdruck geraten.

Diese Präsentation männlicher Schönheit trifft offenbar die Bedürfnisse der Leserschaft: 44 Prozent der Jugendlichen, so ein Ergebnis der letzten Shell-Jugendstudie, begeistern sich für Bodybuilding. Für 28 Prozent ist der Schauspieler Tom Cruise, der Prototyp eines Bravo Girl!-Dreamboys, ein Idol. Und weil 77 Prozent der Jugendlichen Umweltschützer wie die Helden von Greenpeace bewundern, findet sich in den Heften auch schon mal eine Reportage über den Walfang.

Das Bekenntnis zur eigenen Lust, von der Frauenbewegung seit Jahren verkündet, haben die Teenie-Zeitschriften übernommen - weil sich Sex verkauft und zudem das interessanteste Thema für Pubertierende ist. »Sex macht Spaß«, heißt die Botschaft, »mach es, wann du willst, wie oft du willst und wie du willst.«

Sextips im Stil jener Ratschläge, mit denen Dr. Sommer in Bravo Generationen von Jugendlichen aufklärte, treffen offenbar immer noch auf immensen Bedarf: »Wann ist die beste Zeit für Sex?« wird da gefragt oder das Problem diskutiert, »daß bei mir eine Schamlippe länger ist«.

»Wir gehen davon aus, daß unsere Leserin noch keinen Freund hat«, erklärt die stellvertretende Chefredakteurin von Bravo Girl!, Yvonne Jotz. Doch auf den bereiten die Zeitschriften dann vor: Da werden beim »Heavy Petting - so machst du ihn verrückt« Anleitungen im Stil von Softpornos gegeben ("Ich fühlte seinen steifen Penis, der sich an meinen Pobacken rieb") oder Trainingsanweisungen für den gelungenen Zungenkuß vermittelt ("Zum Üben kannst du deine Ellenbeuge knutschen").

Die Alternative zu Sex und Schönheit versucht, bei geringerem Verkaufserfolg (Auflage 156 000), Brigitte Young Miss mit Schönheit pur - plus etwas Anspruch. Die Durchschnittsleserin sei ein Mädchen, das »die Nase voll hat von all dem Sex-Gelaber«, sagt Ulrike Fischer, Redaktionsleiterin von Young Miss. »Romantik-Styling« ist daher die Alternative zum Erotik-Fotoroman: Nackenkraulen statt heißer Küsse im Bett. Ansonsten druckt die Zeitschrift Reportagen zum Thema Rassismus oder stellt ausführlich ungewöhnliche Berufe vor. Wie das Muttermagazin Brigitte verzichtet auch Young Miss nicht auf Kosmetik-Tips und Kochrezepte.

In den USA dagegen, wo die Rollenklischees noch viel stärker ausgeprägt sind als in Deutschland, ist ausgerechnet ein Mädchen-Magazin erfolgreich, das sich am weitesten von den langweiligen Normen des Schönseins und des Liebseins entfernt hat: Das Monatsmagazin Sassy (zu deutsch: »frech") hat innerhalb von nur fünf Jahren eine Auflage von 800 000 Heften erreicht.

Der Name ist Konzept: Da werden Teenie-Idole wie Andrew Shue demontiert, wird über Außenseiterthemen berichtet ("Mädchen in der Klapsmühle") oder sogar die Leserin beschimpft ("Such dir einen Job, Faulpelz"). Anstatt wie Mädchen einen Wettbewerb auszuschreiben, um als »Jeans-Model« Karriere zu machen, druckt Sassy eine Reportage darüber, wie gräßlich es ist, Fotomodell zu werden.

Vermutlich hätte Sassy in Deutschland keinen Erfolg. Denn die letzte politische Protestaktion junger Mädchen gegen die überangepaßten Magazine, die Aufsehen erregte, liegt elf Jahre zurück. Eine Mädchengruppe besetzte damals die Redaktionsräume von Mädchen und forderte: »Unsere Ausbildungschancen sind schlecht, wir haben Angst vor einem Atomkrieg - kümmert euch endlich um unsere Probleme.«

Es scheint, als hätten Mädchen keine Probleme mehr. Y

»Zum Üben die Ellenbeuge knutschen«

Der Markt ist riesig und die Botschaft simpel

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