Shelter-Now-Mitarbeiter Rettung à la Hollywood

Acht Mitarbeiter der deutschen Hilfsorganisation "Shelter Now" sind seit Donnerstag nach mehr als dreimonatiger Gefangenschaft in Afghanistan wieder frei. Ihre Rettung in einem US-Hubschrauber beschreiben sie als hollywoodreif.


Freigelassene Shelter-Now-Mitarbeiter vor der Deutschen Botschaft in Islamabad
AP

Freigelassene Shelter-Now-Mitarbeiter vor der Deutschen Botschaft in Islamabad

Islamabad - Die Taliban hatten sie wegen Missionierung angeklagt und ihnen den Prozess gemacht. Auf der Flucht vor der Nordallianz hatten sie die Shelter-Mitarbeiter, vier Deutsche, zwei Australier und zwei Amerikaner, von Kabul nach Ghasni verschleppt. Dort waren die Gefangenen freigekommen. Bis es soweit war, machten die acht Gefangenen eine 48-stündige Tortur durch.

Rennen auf dem Raketenwerfer

Sie begann damit, dass sie auf einem Raketenwerfer der fliehenden Taliban Kabul verlassen mussten. "Wir waren wie versteinert, denn wir wussten nicht, was passieren würde", sagt die aus Vienna/Virginia stammende Heather Mercer, 24. Erst als die Gefangenen wenige Tage später auf einem dunklen Feld abgesetzt worden waren, ihre Kopftücher angezündet hatten, um mit dem Feuer auf sich aufmerksam zu machen und schließlich von US-Hubschraubern nach Pakistan ausgeflogen wurden, waren die Stunden der Angst zu Ende.

"Es war wirklich eine Hollywood-Rettung", sagte Mercer während einer Pressekonferenz in der US-Botschaft in Islamabad. Eine Rettung voller Dramatik. Dayna Curry, 30, ergänzt, sie hätten nicht gewusst, ob ihre letzte Stunde nun geschlagen habe, als sie aus Kabul geschafft wurden.

Taliban sprachen von Liebe

Während ihrer Gefangenschaft seien sie von den Taliban meist gut behandelt worden, sagte Curry. Einige der Wachen hätten sie gar Schwestern genannt und gesagt, sie liebten sie. Montagnacht allerdings war die "friedliche Koexistenz" vorbei. Soldaten der Taliban seien ins Gefängnis gestürmt und hätten sie auf den Lkw mit aufgebautem Raketenwerfer gebracht.

In einem Konvoi von Panzern und anderen Fahrzeugen seien sie in einer Art Rennen in Richtung Süden gen Kandahar aus der Stadt gebracht worden. Obwohl sie große Furcht hatten, so Curry, hätten sie auf der dreistündigen Fahrt Lieder gesungen und hin und wieder sogar gelacht. "Heather hat uns etwas vorgelesen, um uns Hoffnung zu machen und Mut zu geben", sagte Curry.

Der Deutsche Georg Taubmann, Leiter der Kabuler Shelter-Now-Gruppe, sagte: "Wir wussten, wenn sie uns bis nach Kandahar gebracht hätten, hätten wir möglicherweise nicht überlebt." Doch als der Konvoi sich am Montag Ghazni genähert habe, hätten örtliche Milizen das Feuer eröffnet, um die Fahrzeuge zu stoppen. Die acht Gefangenen wurden daraufhin in einen Container gesperrt. "Wir wurden ohne Decken eingeschlossen, und die ganze Nacht durch war es bitterkalt."

"Das ist nicht dein Land"

Am anderen Morgen wurden die acht Helfer in eine Gefängnis in Ghazni gebracht - dem, so Taubmann, schlimmsten der fünf Gefängnisse, in die sie seit dem 3. August gesperrt worden waren. Als sich Taubmann, der 17 Jahre in Afghanistan und Pakistan gearbeitet hat, auf Paschtu über den Schmutz und die überlaufenden Toiletten beschwerte, bekam er von einem Taliban-Kämpfer nur zu hören: "Das ist nicht dein Land, das ist Afghanistan."

Kabul, 8. September: Eine Shelter-Now-Mitarbeiterin verlässt den Obersten Gerichtshof
AP

Kabul, 8. September: Eine Shelter-Now-Mitarbeiterin verlässt den Obersten Gerichtshof

Kurze Zeit später bombardierten die Amerikaner Ghazni. Die Wände des Gefängnisses wackelten durch die nahen Explosionen. Die Gruppe hörte, wie außerhalb des Gefängnisses geschrien und geschossen wurde. Offenbar hatten sich die Einwohner der Stadt gegen die Taliban gewandt und sie aus der Stadt gejagt. Als die Shelter-Now-Leute hörten, wie im Gefängnis die Metalltüren geöffnet wurden, dachten sie zunächst, die Taliban würden sie jetzt nach Kandahar mitnehmen. Doch es kam anders: Der Mann, der die Zellentür öffnete rief: "Frei, frei!" Als sie das Gefängnis verlassen hätten, seien Leute aus ihren Häusern gekommen, um sie zu umarmen. "Sie klatschten alle in ihre Hände", sagte Taubmann, "es war wie eine große Feier."

Am Donnerstag, zwei Uhr nachts, fanden sich die acht Shelter-Now-Mitarbeiter auf einem Feld nahe der im Südosten des Landes gelegenen Stadt Ghazni wieder. In der Ferne hörten sie Helikopter, die offenbar nach ihnen suchten. Panik überkam sie bei dem Gedanken, möglicherweise nicht entdeckt zu werden. Mit Kopftüchern und Teilen der Kleidung gelang es ihnen, ein Feuer zu entfachen, damit die Hubschrauber einen Anhaltspunkt für ihren Aufenthaltsort hatten. Örtliche Anführer halfen ihnen sogar, indem sie Holz auf das Feuer legten.

Als die Helikopter endlich landeten, sprangen Soldaten von US-Special Forces aus den Maschinen und riefen: "Seid ihr die Gefangenen?" "Es war das aufregendste, das ich je erlebt habe", sagte Mercer, "von einer Regierung gefangen genommen worden zu sein und dann befreit zu werden von einer anderen Regierung."



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