Sicherheitslage an russischen Flughäfen "Mit deutschem Standard nicht zu vergleichen"
SPIEGEL ONLINE:
Wie scharf sind die Sicherheitsvorkehrungen in Russland?
Markus Kischneck: Auf jeden Fall besteht ein immenser Nachholbedarf, was die technische Ausstattung betrifft. Es geht ja auch nicht nur um die Durchleuchtung der Fluggäste. Es gibt international die Vorgabe, dass 100 Prozent des Gepäcks untersucht werden müssen. Ich habe große Zweifel, ob die mir bekannten Geräte an den russischen Flughäfen das leisten können.
SPIEGEL ONLINE: Die in Südrussland abgestürzte Tupolew-154 mit mehr als 40 Insassen an Bord soll kurz vor dem Absturz per Signal eine Entführung gemeldet haben. Ist eine solche Notruf-Funktion internationaler Standard?
Kischneck: Ja, es handelt sich dabei um eine Zahlenkombination, die für den Fluglotsen am Radar zu erkennen ist. Dabei gibt es drei gängige Codes: einen für Funkausfall, einen für Notfälle technischer Art und einen für Entführung.
SPIEGEL ONLINE: Sind in russischen Flugzeugen zusätzliche Sicherheitskräfte, so genannte Skymarshalls, an Bord?
Kischneck: Das war schon vor den Terroranschlägen in den USA auch in Russland üblich. Wie diese Sicherheitsmaßnahmen konkret aussehen, ist mir allerdings nicht bekannt.
SPIEGEL ONLINE: Worin unterscheiden sich die russischen Security-Maßnahmen von den deutschen?
Kischneck: Nach meinen Beobachtungen sind die Sicherheitsvorkehrungen an den russischen Flughäfen mit dem deutschen Standard nicht zu vergleichen. Die Russen haben neben dem Problem mit vollkommen veralteten Geräten bekanntermaßen auch mit Korruption zu kämpfen. Es gibt zwar auch einen Pilotenverband wie bei uns, der ist allerdings nicht so organisiert wie wir.
SPIEGEL ONLINE: Gibt es internationale Organisationen, in denen die russische Luftfahrt vertreten ist?
Kischneck: Die Russen versuchen, bei den internationalen Symposien dabei zu sein. Man merkt allerdings, dass hier nationalstaatliche Interessen eine große Rolle spielen. Da geht es in erster Linie darum, den russischen Flugverkehr gut darzustellen und möglichst auszuweiten. Eine konstruktive Zusammenarbeit kann man das noch nicht nennen. Das ist alles noch im Aufbau begriffen.
SPIEGEL ONLINE: Gibt es einen deutsch-russischen Austausch in puncto Sicherheit an Bord?
Kischneck: Auf staatlicher Ebene ist mir nichts bekannt. Wir selbst schicken allerdings Piloten aus unserer Vereinigung zu Vertretern des russischen Pilotenverbandes, den es seit 1989 gibt. Wir wollen den Kollegen helfen, Strukturen aufzubauen, die mit den deutschen vergleichbar sind. Auch wenn es bei uns ein paar winzige Lücken gibt, hat Deutschland doch immer noch absolute Vorbildfunktion. Materielle Unterstützung gibt es von unserer Seite allerdings nicht.
Das Gespräch führte Annette Langer