Sicherheitslage in Haiti Polizei setzt Tränengas gegen Plünderer ein

In Port-au-Prince schlägt die Verzweiflung immer häufiger in Gewalt um. Die Zahl der Plünderungen steigt - Anwohner wehren sich mit Lynchjustiz dagegen. Präsident Préval hat den Ausnahmezustand verhängt. Er bat die USA, für Sicherheit zu sorgen. Die EU erwägt, Polizisten auf die zerstörte Insel zu schicken.
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Haiti-Krise: Stau wie auf der Autobahn

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Port au Prince - Die Stimmung in Haiti wird zusehends aggressiver. Am Alten Markt im Stadtzentrum ging die Polizei mit Tränengas gegen Hunderte von steinewerfenden Plünderern vor. Mit Lastwagen fuhren die Sicherheitskräfte in die Menge und versuchten so, die Menschen auseinanderzutreiben. In vielen Straßen der in Trümmern liegenden Stadt waren Gewehrschüsse zu hören. Vermummte junge Männer zogen mit Macheten durch die Stadtviertel. Die Behörden warnten davor, dass sich die Gewalt weiter ausbreiten könnte. Mindestens zwei Plünderer wurden bereits von Anwohnern zusammengeschlagen und erschossen.

Auch gegen Präsident René Préval richtet sich der Zorn der Menschen. Bislang ließ sich Préval weder bei den Rettungskräften sehen, noch wandte er sich seit dem Beben direkt an das Volk. Deshalb mehren sich die Rufe nach einer Rückkehr von Jean-Bertrand Aristide, der 2004 abgesetzt wurde und derzeit im Exil in Südafrika lebt.

Am fünften Tag nach dem katastrophalen Erdbeben rief die haitianische Regierung den Ausnahmezustand aus. Nach Regierungsangaben vom Sonntag soll die Maßnahme vorerst bis Ende des Monats aufrechterhalten werden.

Préval

Hillary Clinton

Die haitianische Regierung ersuchte inzwischen die USA ausdrücklich, für die Sicherheit in dem Karibikstaat zu sorgen und langfristig beim Wiederaufbau des Landes zu helfen. In einem am Sonntag veröffentlichten Kommuniqué beider Staaten begrüßte die Anstrengungen der USA als wesentlich für den Wiederaufbau und die Stabilität des Landes. Die Erklärung ist Resultat eines Treffens Prévals mit US-Außenministerin am Samstag in Port-au-Prince.

Uno

Rettungskräfte finden weiter Überlebende. Allerdings sinkt die Chance für die Verschütteten von Stunde zu Stunde dramatisch. Unter den Trümmern eines eingestürzten Hotels entdeckten Helfer mit Suchhunden ein 16 Jahre altes Mädchen und bargen es. Auch auf dem Gelände des zerstörten -Hauptquartiers in der haitianischen Hauptstadt wurde am Sonntag ein Mitarbeiter aus den Trümmern gerettet. Mindestens 39 seiner Kolleginnen und Kollegen kamen dort aber um - darunter auch der Chef der Uno-Mission, Hedi Annabi.

Letzte Frist für Verschüttete

Nach Angaben der Vereinten Nationen haben mehr als 1700 Rettungskräfte bislang über 70 Menschen lebend aus den Trümmern gerettet. Verschüttete könnten unter optimalen Bedingungen bestenfalls bis Montag überleben, erklärte eine Uno-Sprecherin.

Ban Ki Moon

Generalsekretär bat die Opfer des Jahrhundertbebens um Geduld. Die Versorgungslage werde sich langsam weiter verbessern. Ban hatte am Sonntag Port-au-Prince besucht.

Nach Angaben der haitianischen Regierung sollen ab Montag rund 280 Notfallzentren in Schulen und öffentlichen Gebäuden in Haiti eröffnet werden. Wie aus Regierungskreisen verlautete, sollen diese in enger Abstimmung mit dem Welternährungsprogramm betrieben werden und der Verteilung von Hilfsgütern sowie als Notunterkünfte dienen.

Nach Angaben des kanadischen Außenministers Lawrence Cannon wollen die Geberländer in einer internationalen Konferenz am 25. Januar in Montréal über weitere Hilfsmaßnahmen für Haiti beraten. An dem Treffen sollen auch Hillary Clinton und der haitianische Ministerpräsident Jean-Max Bellerive teilnehmen.

Erschütternde Szenen spielten sich in einem stark zerstörten Altenheim ab. Für die 85 überlebenden Bewohner gibt es weder Lebensmittel noch Wasser oder Arzneimittel. Ein Bewohner sei bereits gestorben, weitere würden unweigerlich folgen, wenn nicht unverzüglich Wasser und Nahrungsmittel in dem Heim nur gut einen Kilometer vom Flughafen entfernt eintreffen, wie Leiter Jean Emmanuel sagt.

Die Europäische Union will mehr als eine Million Euro Wiederaufbauhilfe für den Karibikstaat freigeben. Wie am Sonntag aus Diplomatenkreisen verlautete, soll diese Summe am Montag auf dem Krisentreffen der EU-Entwicklungsminister in Brüssel angekündigt werden. Die Endsumme könne sogar bei mehr als 200 Millionen Euro liegen, dies hänge aber von weiteren Verfahren ab, sagte der EU-Diplomat weiter. Das Geld ist demnach für die mittel- und langfristige Entwicklung geplant und wird zusätzlich zu der bereits zugesagten Soforthilfe der EU-Länder bereitgestellt. Die Mittel sollen von EU-Fonds abgezweigt werden, deren Budget bislang noch nicht ausgegeben wurde.

EU erwägt Polizeimission

Nach Angaben des niederländischen Außenministers Maxime Verhagen erwägt die EU zudem die Entsendung einer Polizeimission in das zerstörte Land. "Wenn keine ausreichende Sicherheit gewährleistet ist, wird auch die Hilfe für die Erdbebenopfer enden", erklärte er am Sonntag nach einem Telefonat mit seinen EU-Kollegen und der neuen EU-Außenministerin Catherine Ashton. Daher werde die EU in Abstimmung mit den Vereinten Nationen entscheiden, welche Maßnahmen nötig seien, um die Sicherheit in Haiti zu gewährleisten.

Über die Zahl der Todesopfer herrscht immer noch Unklarheit. Nach Angaben der Regierung wurden bereits 70.000 Tote geborgen. Diese Zahl nannte der haitianische Ministerpräsident Jean- Max Bellerive am Sonntag dem amerikanischen Fernsehsender ABC. Viele Erdbebenopfer seien jedoch von Familienangehörigen beigesetzt worden. Dazu lägen keine Schätzungen vor. Offiziell und inoffiziell wird davon ausgegangen, dass bei dem Beben am Dienstag bis zu 200.000 Menschen ums Leben gekommen sein könnten.

ler/APN/dpa
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