Siegesfeier Tifosi feiern magische Nacht

Grenzenloser Jubel in Italien, fassungslose Trauer in Frankreich. Nach dem verwandelten Elfmeter von Grosso im WM-Finale kochten die Emotionen über. Es war die längste italienische Nacht.


Hamburg - Sie zitterten, sie beteten, sie bangten - dann der Jubelsturm. Italien ist Weltmeister 2006. Millionen Tifosi strömten im Land auf die Straßen, schrien vor Freude, tanzten, lagen sich in den Armen. Eine phantastische Fußball-WM hat einen würdigen Sieger gefunden. Blitzartig brach in den italienischen Metropolen der Verkehr zusammen. Einen Fahnenmeer in grünweißrot bestimmte die Szenerie.

Allein im Circo Massimo fielen sich mehr als 150.000 Fans nach dem Elfmeterschießen in die Arme. Schon Minuten nach dem Ende der Partie gegen Frankreich rasten hunderte Motorroller lärmend über die Piazza Venezia. Am Ufer des Tiber wurden Feuerwerke und Rauchkanonen gezündet.

In Mailand feierten rund 150.000 Fans ihre Mannschaft auf der Piazza del Duomo. "Das ist ein wunderbarer Sieg", sagte der Bürgermeister von Rom, Walter Veltroni. "Ganz Italien umarmt die Azzurri und morgen wird Rom ihnen den Tribut geben, den sie verdienen."

Freudentaumel auch rund um die Piazza Navona in der römischen Altstadt: Junge Leute tanzten auf den Straßen, andere sangen die Nationalhymne - wieder ander riefen einfach mit heiserer Stimme "Italia, Italia". In vielen Bars, wo die Menschen zuvor fiebernd und zitternd vor dem Fernseher saßen, schäumte die Stimmung über. "Wir sind die Besten der Welt, wir sind die Besten aller Zeiten", rief ein junger Mann immer wieder.

Auch in Deutschland feierten Italiener und Deutsche vielerorts den WM-Sieg. Allein auf der Berliner Fanmeile sahen nach Veranstalterangaben rund eine Million Menschen das Spiel; darunter viele Italiener. In der gesamten Hauptstadt waren 6000 Polizeibeamte im Einsatz. Sowohl auf dem Public-Viewing-Gelände zwischen Brandenburger Tor und Siegessäule als auch in der Stadt blieb alles friedlich, wie die Polizei mitteilte.

In Hamburg war die Resonanz etwas verhaltener. Auf das Gelände am Heiligengeistfeld strömten rund 40.000 Fans; die Kapazität liegt bei 70.000. Auf dem Fanfest im Münchener Olympiapark versammelten sich rund 22.000 Zuschauer; das entspricht nur rund der Hälfte der Kapazität. Auf der Leopoldstraße feierten einige hundert Fans; Autos mit italienischen Fahnen fuhren durch die Stadt. Zwischenfälle gab es nicht. Auf dem Frankfurter Fanfest, der MainArena, waren laut Polizei zum Endspiel rund 40.000 Fans.

Aus der Traum

Ganz anders in Frankreich. Wie paralysiert verfolgten die Fans den Fehlschuss von Trezeguet und die folgenden Elfmeter der Italiener. Wut machte sich breit - über den Schiedsrichter und über Kapitän Zinedine Zidane, der kurz vor Schluss nach einem Kopfstoß gegen Materazzi die Rote Karte bekam.

Enttäuscht verließen Hunderttausende von Franzosen rasch die Stadien, Plätze und Cafés, auf denen sie auf Großbildschirmen die Niederlage ihrer Equipe im Endspiel verfolgt hatten. Auf den für den Verkehr gesperrten Champs-Elysées hatten sich Zehntausende von Fans während des Endspiels in Berlin versammelt. Die Niederlage ihrer Mannschaft quittierten sie mit einem einzigen lauten Schrei der Enttäuschung. Dessen ungeachtet feuerten andere ihre Feuerwerksraketen ab.

"Das war kein gutes Match, ich gehe nach Hause", sagte der konsternierte Bleus-Anhänger Michel. Am Pariser Italien-Platz feierten unterdessen italienische Wahlpariser den Sieg ihres Teams. In dem Pariser Stadion Charléty, in dem 35.000 das Elfmeter-Drama hatten sehen können, war es schon während des Spiels mehrfach zu Schlägereien zwischen jungen Krawallmachern und Ordnungskräften gekommen. Allein in Paris hatte Innenminister Nicolas Sarkozy 3000 Polizisten eingesetzt, um Ausschreitungen nach dem Match einzudämmen.

rüd/AP/dpa



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