Pro und Kontra zur Knallerei Bäm! vs. Böllerwahn

Böllern - oder besser nicht? Zum Jahreswechsel debattiert die Republik die Feuerwerksfrage. Hier sind zwei sehr unterschiedliche Meinungen.

Feuerwerk
DPA

Feuerwerk

Ein Pro und Kontra von und Margret Hucko


Kontra

Margret Hucko

SPIEGEL ONLINE

Willkommen in der Gefahrenzone

Finden Sie es gut, wenn Ihr Auto plötzlich Schmauchspuren aufweist? Ihr Hund jaulend unter dem Sofa liegt? Oder das Nachbarskind sich beim Spiel mit dem Feuerzeug die Finger verbrennt?

Sie müssen schon ziemlich schräg gepolt sein, wenn Sie das alles kaltlässt. Oder - und das ist fast schon zu entschuldigen - am Silvestertag unter dem massiven Einfluss von Alkohol stehen. Nur so lässt sich aus meiner Sicht erklären, warum die meisten Menschen um den 31. Dezember herum massenweise Raketen in die Luft jagen.

Rational gibt es für dieses Verhalten jedenfalls keine Entschuldigung. Denn die Böllerparade bedeutet gesamtgesellschaftlich eine ökologische wie ökonomische Katastrophe.

Jedes Jahr werden durch Feuerwerkskörper laut Umweltbundesamt 5000 Tonnen Feinstaub freigesetzt - das entspricht 17 Prozent der Menge, die der gesamte Straßenverkehr während eines Jahres ausstößt. Vor diesem Hintergrund mutet die richtige und wichtige Diskussion um Dieselfahrverbote in den Städten schon fast komisch an. 60.000 Todesfälle führt die Europäische Umweltagentur pro Jahr auf Feinstaub zurück.

Ganz abgesehen von den vielen Unfällen, die durch Knallkörper verursacht werden. Tausende von Notrufen, Polizeieinsätzen in Deutschland - oft wegen Verletzungen mit Pyrotechnik. Ganze Innenstädte werden zu Gefahrenzonen. Wer sich dem entziehen will, hat nur die Chance zu Hause zu bleiben. Die eigene Freiheit? Drastisch eingeschränkt. Der vermeintliche Spaß der Sprengmeister geht zulasten aller. Deshalb gehören Böller verboten!

Der einzige Profiteur des fragwürdigen Zeitvertreibs sind die Hersteller und Vertreiber von Feuerwerken. In Deutschland wurde im Jahr 2016 Pyrotechnik im Wert von 137 Millionen Euro verkauft. Wie irrwitzig das ist, zeigt ein Vergleich: Ende des Jahres haben 60 Kommunen insgesamt zwölf Millionen Euro an Hilfe bekommen, um Pläne für eine bessere Luft zu entwickeln. Was soll man dazu noch sagen? Erst einmal nur zwölf Milliönchen... Lächerlich. Bei diesem Gedanken könnte ich vor Ärger in die Luft gehen.

Pro

Frauke Böger

Christian O. Bruch/ laif

BÄM!

Da sind sie wieder, die Spielverderber und Angsthasen und Wollsockenstricker. Jetzt möge man doch bitte das Böllern in der Silvesternacht verbieten. Alle sollen brav einem professionell gemachten und vermutlich vom Staat bezahlten Feuerwerk zugucken - und dann ab ins Bettchen um halb eins.

In den Rufen nach einem Böllerverbot schwingt ein elitärer Unterton mit, wie er unangenehmer nicht sein könnte: Der Pöbel auf der Straße kann sich nicht benehmen - da muss man doch einschreiten. Und die Leute mit einem Cabrio vor der Tür fürchten um ihr Soft-Top. Geht's noch? Sollen sie mit ihren teuren Karren doch wegfahren und dem Pöbel die Stadt zum Böllern überlassen.

Mit dem SUV jeden Tag die lieben Kleinen zum Kindergarten fahren, ist schlimmer - und wird ja auch nicht verboten. Und SUVs fordern bestimmt mehr Tote und Verletzte im Jahr als die einmalige Knallerei. Und mit Feinstaub haben die Dinger vermutlich auch was zu tun.

Ach so ja, die armen Hunde haben doch so schreckliche Angst. Och Gottchen. Waldi zittert mal ein paar Stunden, das geht ja nun wirklich nicht. Dem armen Vieh wird noch alle Lebensfreude geraubt. Alles für den Hund und fürs Kind - da darf es nicht mal eine Nacht geben, in der alle anderen zum Zuge kommen und sich auf bekloppt-laute Art die Hoheit über die Straße ergattern.

Und wer zu blöd ist, einen fetten Böller weit weg genug zu werfen, um sich nicht zu verletzen, ist vermutlich auch zu blöd für den Straßenverkehr. Aber deswegen wird er ja auch nicht gleich eingesperrt. Blöde Menschen tun blöde Dinge, egal, ob sie Böller haben oder nicht. Blödheit lässt sich nun mal leider nicht verbieten.

Sich mit lautem Knall vom Jahr zu verabschieden, tut gut. Was war 2017 nicht alles Mist - das muss man mal wegknallen dürfen, mit Sekt und Wumms. Ein bisschen absurde Hoffnung, dass mit einem Knall Krieg und Trump verschwinden, Deniz noch am Neujahrstag aus dem Knast kommt und Italien doch noch zur WM darf - die wird man ja wohl noch haben dürfen.

Und überhaupt: Verbote sind doof. "Das darf man aber nicht." Wenn, dann gehört dieser urdeutsche Satz verboten. Immer gibt es für alles eine Regel. Wenn in Deutschland mal eine Nacht lang Chaos herrscht und man sich fragt, wie bescheuert das denn bitte ist - das erfrischt den Geist.

Wer mit einer Wunderkerze in der Hand das Jahr ausklingen lässt, der will auch nicht, dass sich was ändert. Alles soll schön gemütlich, merkelich langweilig sein. Sorry, aber das ist ja schon an 364 Tagen im Jahr so. Let it bäm!



insgesamt 90 Beiträge
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Seite 1
angst+money 30.12.2017
1.
Die Diskussion passt zum Zustand in der Politik: Auf der einen Seite einfach Zahlen, auf der anderen Seite "laaangweilig", "stellt euch nicht so an" und "wir werden von der Elite unterdrückt".
Ohnesorg77 30.12.2017
2. Alle Jahre wieder
die gleiche Diskussion - nur mit offensichtlich sinkendem Niveau - immerhin finden ökologische und ökonomische Aspekte noch bei der "Kontra"- Kommentierung Berücksichtigung, Frau Bröger beschränkt sich auf Beschimpfungen / Herabsetzungen (Wiederholung des Attributes "blöd"), die natürlich an den statistischen Tatachen wenig ändern. Wahrscheinlich hatte sie einfach keine Lust, ihre Wortwahl gegen Jahresende zu überprüfen und in einem Online-Medium sind solche Einlassungen ja ohnehin zulässig und falls nicht, dann zumindest ebenso schnell vergessen wie geschrieben...
Freidenker10 30.12.2017
3.
So schön wie auf dem Bild oben sehen die Feuerwerke in deutschen Städten doch gar nicht aus! Da Pfeift es, dann ploppen 2 Fünkchen darnieder und nach 2 Minuten sieht man nichts mehr weil es nur noch qualmt! Ist doch voll für den Ar...! Wegen mir sollte jede Stadt ein professionelles Feuerwerk ( das sieht nähmlich wirklich toll aus) organisieren und die dämlichen Kracher verbieten! Das spart so ganz nebenbei auch ein paar Amputationen und Brandwunden und den ganzen Dreck hinterher gäbs auch nicht!
kroganer 30.12.2017
4. Für die Kids ist es
ein Spaß, wenn ich die nicht hätte könnte ich auch gut darauf verzichten! Das schlimmste sind eigentlich die besoffenen die alles unkontrolliert knallen lassen.
Crom 30.12.2017
5.
Aber ich wähle die Freiheit, daher wird wieder geknallt, einfach weil es Spaß macht. Den ein bisschen Spaß muss auch mal sein.
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