Singapur Julia Bohl bleibt in Untersuchungshaft

Die wegen eines Drogendelikts in Singapur inhaftierte Deutsche Julia Bohl wird weiter in Haft bleiben. Da ihr Anwalt dem Gericht bei der heutigen Vorverhandlung "neues entlastendes Material" vorgelegt hatte, erbat sich die Staatsanwaltschaft Zeit zur Prüfung.

Von Jürgen Kremb, Singapur


Angeklagte Bohl
DDP

Angeklagte Bohl

Singapur - Erleichtert griff Subhas Anandan in die Hosentasche, zog ein sauberes Taschentuch heraus und wischte sich erst mal den Schweiß aus dem Gesicht. Weniger als 20 Minuten hatte die vorgerichtliche Erörterung zwischen Staatsanwalt, Richter und dem indischen Verteidiger in Saal 24 des Singapurer Amtsgerichtes gedauert. Dann war für den Vertreter der Deutschen klar: "Das ist eine gute Nachricht für uns und Julia."

"Wenn die Staatsanwalt sich Bedenkzeit erbittet," sagt der wohl renommierteste Strafverteidiger des Stadtstaates zu SPIEGEL ONLINE, "heißt das immer, dass sie bereit sind, auf unsere Linie einzuschwenken". Die Aufnahme des Hauptverfahrens, das über das Strafmaß entscheidet, wird jetzt erst in zwei Wochen erwartet.

Die Berufsschülerin Julia Bohl, die an der deutschen Schule in Singapur Mitte Februar ihre Ausbildung zur Groß- und Außenhandelskauffrau abgeschlossen hatte, war am 13. März der gestrengen Drogenpolizei ins Netz gegangen. Da sich in der von ihr gemieteten Wohnung ein Haschischblock von 687 Gramm fand, bestand zunächst die Befürchtung, die Deutsche könne nach den strengen Gesetzen des südostasiatischen Landes hingerichtet werden.

Eltern Susanne und Wolfgang Bohl
AP

Eltern Susanne und Wolfgang Bohl

Bei Besitz von mehr als 500 Gramm Cannabis geht das Gesetz davon aus, dass der Straftatbestand des "Drogenhandels" vorliegt. Dafür ist die Todesstrafe zwingend vorgeschrieben. Eine von den Behörden vor Ort vorgenommene Reinheitsanalyse ergab jedoch Mitte April, dass es sich bei dem Fund um weniger als 290 Gramm reines Haschisch handelte.

Das rettete der jungen Frau zwar das Leben, doch Grund zur Entwarnung gibt es noch nicht. In 14 Punkten, so die Anklageschrift, habe Julia Bohl gegen die Drogengesetze verstoßen. Im Maximalfall droht damit eine Höchststrafe von 40 Jahren Haft.

Dass es dazu nicht kommen wird, daran lässt der Bohl-Verteidiger Anandan wenig Zweifel. In Justizkreisen wird allgemein davon ausgegangen, dass die Anklage des Drogenhandels in zwei Fällen, vor Gericht kaum Chancen auf Bestand hat. Die Wohnung der Angeklagten in einem Abbruchhaus wurde nämlich als eine Art Wohngemeinschaft bewohnt. Weder befand sich das Drogenlager in Bohls Zimmer, noch ließ sich die Wohnung abschließen. Durch ein "Oberlicht" so ein mit dem Prozess vertrauter, "konnte jedermann in die Unterkunft einsteigen und die Drogen ablegen".

Auch wird die Staatsanwaltschaft und Polizei Fragen nach dem Verbleib von Julia Bohls ehemaligen Lebensgefährten beantworten müssen. Der junge Malaie, der sich offenbar illegal in Singapur aufhielt und nur unter dem Namen "Ben" bekannt ist, gilt als der Haupttäter in dem Fall. Doch gleichwohl Singapurs Drogenbüro die jungen Leute Wochen vor dem Zugriff beobachtet hatte, konnte sich "Ben" ins Ausland absetzen.

Wenn alles gut läuft, so ein Kenner des Verfahrens, könnte Julia Bohl mit wenigen Monaten Gefängnis davonkommen. Für die Deutsche wäre das wahrlich Strafe genug. In Singapur sind die Haftbedingungen zwar deutlich besser als in anderen Staaten der Region, doch immer noch hart genug.

Julia Bohl verbringt die ganze Zeit in einer Einzelzelle. Die Folgen einer Asthmaerkrankung setzen ihr schwer zu. Als Nachtlager steht der jungen Frau nur eine aufrollbare Bambusmatte zur Verfügung. Außer Dusche und Toilette gibt es keine Einrichtungsgegenstände. Untersagt ist es, in der Zelle Gymnastik zu machen. Doch empfängt sie einmal am Tag Besuch von ihren Eltern, die sich in Singapur aufhalten.

"Den Umständen entsprechend haben wir wenig Grund zur Klage," sagt Mutter Susanne Bohl zu SPIEGEL ONLINE. Alle zwei Wochen darf sie ihrer Tochter ein Buch mitbringen. Und Julia Bohl bekommt sogar Toastbrot anstatt der für andere Gefangene üblichen Reissuppe zum Frühstück.



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