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08. Februar 2010, 20:02 Uhr

Skandal an Jesuiten-Schulen

Papst prangert Kindesmissbrauch durch Priester an

Papst Benedikt XVI. hat den Missbrauch von Kindern durch Priester verurteilt. Einen direkten Bezug zum aktuellen Skandal in Deutschland nahm der Papst jedoch nicht. Unterdessen wurde bekannt, dass die Fälle am Berliner Canisius-Gymnasium verjährt sind.

Rom - Zum ersten Mal seit Bekanntwerden von zahlreichen möglichen Missbrauchsfällen an katholischen Schulen in Deutschland hat sich Papst Benedikt XVI. zum Thema Kindesmissbrauch geäußert - allerdings waren seine Aussagen eher allgemein gehalten.

Die Kirche habe sich über Jahrhunderte hinweg für die Würde und Rechte von Minderjährigen eingesetzt. "Leider haben dennoch auch einige Kirchenmitglieder diese Rechte verletzt", sagte das Oberhaupt der katholischen Kirche am Montag. Dieses Verhalten habe die Kirche stets missbilligt und verurteilt, und das werde sie auch künftig tun, betonte Benedikt bei einer Versammlung des vatikanischen Familienrats anlässlich des 20. Jahrestags des Inkrafttretens der UN-Kinderrechtskonvention.

Der Papst nahm in seiner Ansprache jedoch nicht ausdrücklich Bezug auf den Missbrauchsskandal an deutschen Jesuiten-Schulen, der von Enthüllungen am Berliner Canisius-Kolleg ausging.

Der Vatikan hatte sich zuvor hinter die Bitte um Entschuldigung des deutschen Jesuiten-Chefs Stefan Dartmann gestellt; diese sei "umfassend". Dartmann hatte vor einer Woche im Namen des Ordens bei den "Opfern von Übergriffen unserer ehemaligen Mitbrüder" um Vergebung gebeten.

Verantwortlich sein sollen drei Patres, die jahrzehntelang an verschiedenen Orten als Lehrer und Jugendseelsorger tätig waren. Bislang meldeten sich bundesweit etwa 30 potentielle Opfer. Die Leitung der Jesuiten gab zu, dass der deutsche Orden schon in den achtziger Jahren Hinweise auf mögliche Missbrauchsfälle hatte. Die Ordensführung habe keine Anzeigen erstattet und versucht, das Problem intern zu regeln.

Am Montag wurde bekannt, dass der sexuelle Missbrauch am Canisius-Gymnasium in den Siebzigern und Achtzigern keine strafrechtlichen Konsequenzen haben wird. "Die Taten sind verjährt", sagte der Sprecher der Staatsanwaltschaft, Martin Steltner.

"Keinen Sexualkontakt gehabt"

Ein beschuldigter Ex-Lehrer des Berliner Canisius-Kolleg hat den Missbrauch von Kindern abgestritten. Einem Bericht der "Tageszeitung" (taz) zufolge räumte Wolfgang S. ein, Kinder geschlagen zu haben. Zu sexuellen Übergriffen sei es aber nicht gekommen. S. wird vorgeworfen, sich an Minderjährigen an Schulen in Berlin, Hamburg und St. Blasien im Schwarzwald vergangen zu haben.

"Es ist richtig, dass ich in den vergangenen Jahren meiner Lehrtätigkeit Minderjährige, die mir anvertraut und in gewisser Weise von mir abhängig waren, unter Missbrauch meiner pädagogischen und kirchlichen Autoritätsstellung teilweise mit beträchtlicher Härte durch Schläge misshandelt habe", sagte S. in einem Schreiben, das der Zeitung vorliegt. Allerdings habe er zu keiner Zeit und an keinem Ort mit Kindern und Jugendlichen "Sexualkontakt im Sinne von Genitalberührung, Penetration, Vergewaltigung, Exhibitionismus oder Voyeurismus" gehabt, betonte der ehemalige Priester, der heute in Chile lebt.

Der Sprecher der deutschen Jesuitenprovinz, Thomas Busch, sagte der Zeitung, es habe bei S. "nach derzeitigem Kenntnisstand keine Hinweise sexueller Übergriffe" gegeben.

Einer Umfrage des SPIEGEL unter allen 27 deutschen Bistümern zufolge hat es in der katholischen Kirche in Deutschland in den vergangenen 15 Jahren mindestens 94 Verdachtsfälle auf Kindesmissbrauch gegeben.

Auch in anderen Ländern haben Skandale um pädophile Geistliche die katholische Kirche erschüttert. Im Dezember entschuldigte sich Benedikt XVI. für die Vergehen in Irland. Ein Bericht der irischen Regierung hatte zuvor aufgedeckt, dass vier frühere Erzbischöfe von Dublin systematisch katholische Geistliche schützten, die sich des sexuellen Missbrauchs schuldig gemacht hatten. In der Vergangenheit hatte sich der Papst bereits für die Misshandlungen von Kindern durch Priester in den USA, Australien und Kanada entschuldigt.

siu/dpa/AFP/apn

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