Skandal in Hollywood Wanzen, Fische, rote Rosen

Der Privatdetektiv Anthony Pellicano erledigte die Drecksarbeit für die Stars von Hollywood: Scheidungen, Vertragsstreitereien, Rivalitäten. Jetzt sitzt er in Haft, unter anderem wegen Verdachts auf Anstiftung zum Mord. Die Traumfabrik zittert, wen es als Nächsten erwischt.

Von , New York


New York - Eigentlich hätte man es ahnen müssen. Der Mann kommt aus Cicero, dem Vorort Chicagos, wo Al Capone aufwuchs. Er nannte seinen Sohn Luca Brazzi, nach dem Killer aus dem "Paten". Der Patenonkel seiner Tochter ist der Sohn eines echten Mafioso. Manchmal ließ er sich sogar von den eigenen Kindern "die Hand küssen, als sei er selbst der Pate", wie sich seine Ex-Frau Kat erinnert.

Hollywood zittert: Was plaudert Pellicano aus?
DPA

Hollywood zittert: Was plaudert Pellicano aus?

Anthony Pellicano, 62, war der Privatdetektiv der Stars. Er kungelte mit Studiobossen, jobbte für Oscar-Preisträger, doch er behielt stets ein Faible für die Unterwelt. Trenchcoats, Verfolgungsjagden, Telefonwanzen - er lebte ein Leben wie in einem schlechten Film Noir.

Solche Filme haben kein Happy End. Und so sitzt Pellicano jetzt hinter Gittern. Einer der Vorwürfe: Anstiftung zum Mord. Derweil zittert die Crème de la Crème Hollywoods, was er ausplaudern könnte.

Spezialität: Telefonwanzen

Jahrzehntelang hat Pellicano den Ermittlungen zufolge die Schmutzarbeit für Schauspieler, Studiochefs, Produzenten und Regisseure erledigt, indem er ihre Rivalen bespitzelte, einschüchterte und mundtot machte. Seine Spezialität: Telefone anzapfen. Er war die personifizierte Kehrseite des Glamours - eine Kehrseite, von der jeder wusste, doch über die keiner jemals sprach.

Das änderte sich im Februar. Da nahm das FBI Pellicano in Gewahrsam. 14 weitere Personen wurden seither als Komplizen oder Mitwisser angeklagt, darunter zwei Cops und Mitarbeiter der Telefongesellschaft. Diese Woche legte die Justiz noch nach: Pellicano habe versucht, aus dem Gefängnis heraus einen Belastungszeugen umbringen zu lassen. Fortsetzung folgt.

Detektiv Pellicano (2003): "Anklage gewaltigen Ausmaßes"
AP

Detektiv Pellicano (2003): "Anklage gewaltigen Ausmaßes"

Es begann mit einem toten Fisch. Den fand die Reporterin Anita Busch von der "Los Angeles Times" im Juni 2002 auf der Motorhaube ihres Audis. Es war wie eine Szene aus dem "Paten": Daneben lag eine rote Rose und ein Zettel mit dem Wort "Stop". Busch steckte gerade mitten in Recherchen über den Schauspieler Steven Seagal, und der war ein Klient Pellicanos.

Das FBI ging der Spur nach; ein Informant führte die Bundespolizisten schließlich zu Pellicano. Bei einer Razzia in dessen Büro am Sunset Strip fanden sich rund 200.000 Dollar Bargeld, zwei Handgranaten, Schusswaffen, militärischer C-4-Plastiksprengstoff - und zahllose Mitschnitte abgehörter Telefonate. Pellicano wanderte hinter Gitter; Seagal wurde später entlastet.

Klappe für "Stirb langsam"-Regisseur

Seitdem hat der Fall längst die gesamte Kundenkartei des Privatdetektivs erfasst. Denn der arbeitete für Dutzende Anwälte, die über hundert Prominente vertreten: Tom Cruise, Nicole Kidman, Stevie Wonder, Chris Rock, Kevin Costner, Demi Moore. "Das Ausmaß und die Bedeutung der Pellicano-Anklage für die Entertainment-Industrie ist gewaltig", sagte der Anwalt Lucia Coyoca der "Chicago Tribune". "Der Fall offenbart, was seit langem vermutet wurde."

Unter den Angeklagten befindet sich auch John McTiernan, der Regisseur der Filme "Stirb langsam" und "Predator". Der erlebte jetzt seine professionelle Schlussklappe: Er bekannte sich des Meineids schuldig. McTiernan hatte Pellicano demnach eingesetzt, um einen konkurrierenden Produzenten und seine Ex-Frau Donna Dubrow auszuspionieren.

Drei Namen geistern in letzter Zeit jedoch mehr als alle anderen durch die Schlagzeilen: Brad Grey, der Vorsitzende der Paramount-Studios, Ex-Disney-Chef Michael Ovitz und Bert Fields, der legendärste Entertainment-Anwalt der Stadt.

Grey heuerte Pellicano bei zwei Prozessen an, gegen den Komiker Garry Shandling und den Drehbuchautor Bo Zenga, die ihn wegen Betrugs verklagt hatten. Pellicanos Aufgabe soll es gewesen sein, Grey mit "Schmutz" über die lästigen Kläger zu versorgen. Grey will Pellicano jedoch nur "flüchtig gekannt" haben.

Mundtoter Pornodarsteller

Ovitz gab zu, Pellicano für kompromittierende Informationen über gut ein Dutzend Gegner 75.000 Dollar bezahlt zu haben - darunter Ron Meyer, jetzt Chef der Universal Studios, und Produzent David Geffen. Ovitz will aber von illegalen Methoden nichts gewusst haben.

Bert Fields, der auch Grey und Ovitz vertrat, soll nach Angaben eines Belastungszeugen mit Pellicanos Hilfe einen schwulen Pornodarsteller mundtot gemacht haben. Der Mann habe unter anderem behauptet, er habe Beweise für die Homosexualität des Megastars Tom Cruise.

Jede Menge schmutzige Wäsche also, die spätestens zu Prozessbeginn im Oktober öffentlich gelüftet wird. Eigentlich sollte die Verhandlung schon im April losgehen, doch die Verteidigung hat sich mehr Zeit erbeten. Es ist eben schwer, mit der Fülle des täglich neuen Materials mitzuhalten.

Pellicano war es auch, der belastendes Material gegen den 13-jährigen Jungen sammelte, der Pop-Ikone Michael Jackson 1993 des sexuellen Missbrauchs beschuldigte. Seinen ersten, großen Coup landete Pellicano im Jahr 1977. Da "fand" er im Laub den aus dem geschändeten Grab entwendeten Leichnam Michael Todds, des dritten Ehemanns von Liz Taylor. Todd war mit einem Diamantring beerdigt worden. Der wertvolle Ring ist bis heute verschwunden.



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