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Mammon und Kosmetik: Die L'Oréal -Dynastie

Foto: Francois Durand/ Getty Images

Skandal um L'Oreal-Erbin Liebe, Lügen, Tonbänder

Vom Familienskandal zur Staatsaffäre: Die Fehde um Frankreichs reichste Frau Liliane Bettencourt wird nicht nur vor Gericht ausgetragen - sie erreicht auch die Regierung. Wusste Ex-Haushaltsminister Woerth von den Steuertricks der L'Oréal-Milliardenerbin?

Es ist eine Geschichte, die so verschachtelt ist wie eine russische Matrjoschka-Puppe. Es geht um ein französisches Weltunternehmen, eine ungewöhnliche Beziehung zwischen einer 87-Jährigen und ihrem 63-jährigen Freund. Es geht um Zwietracht und Eifersucht zwischen einer sehr eigenständigen alten Mutter und dem Clan ihrer Tochter, es geht um heimliche Tonbandaufnahmen, um Finanzberater, einen Butler und einen Minister - und um viel, viel Geld.

Erst war es nur Gesprächsstoff in Pariser Salons, Anlass zu verständnisinnigen Anspielungen, bissigen Aperçus, zu Klatsch unter und über die Kaste der hauptstädtischen Geldaristokratie. Dann wurden die Vorgänge um die diskrete Milliarden-Erbin Liliane Bettencourt und den Fotografen François-Marie Banier zur hässlichen Familientragödie, bei der vom 1. Juli an vor Gericht unappetitliche Details und banale Gemeinheiten aus der Duftwelt der Pariser Oberschicht ausgebreitet werden: Es geht um eine der vermögendsten Witwen Europas, die von ihrer Tochter juristisch verfolgt wird, weil die alte Dame angeblich von einem nicht ganz uneigennützigen Freund übervorteilt wurde.

Die Seifenoper aus dem Kosmetikkonzern droht obendrein noch zur peinlichen Polit-Affäre zu werden, in die Minister, Advokaten, Banker und vielleicht gar der amtierende Präsident verwickelt sein könnten.

Die Gattin des Ministers arbeitete als Bettencourts Vermögensverwalterin

Denn unterdessen sind heimliche Mitschnitte von Unterhaltungen zwischen der Milliardenerbin und ihrem Vermögensberater Patrice de Maistre aufgetaucht, in denen es um die Frage geht, wie man dem heimischen Fiskus entkommen könnte: Dachte Frankreichs wichtigste private Steuerzahlerin etwa daran, Teile ihres Vermögens ins Ausland zu transferieren?

Es wäre ein Fall, der Eric Woerth interessieren müsste, der sich als ehemaliger Haushaltsminister den Ruf erwarb, unerbittlich Jagd auf Steuerflüchtlinge zu machen.

Der Mann, der mittlerweile ins Ressort für Arbeit wechselte und dort die umstrittene Rentenreform vorantreibt, hat freilich ein Problem: Seine Frau Florence nämlich arbeitete als Vermögensverwalterin bei Madame Bettencourt - womöglich auf Bitten ihres Ehemannes.

Das schmeckt nach Interessenkonflikt oder mehr, zumal Minister Woerth bald darauf den Chef seiner Angetrauten - eben jenen Patrice de Maistre - mit dem Orden der Ehrenlegion auszeichnete.

Duft-Konzern L'Oréal und der Ruch der Staatsaffäre

Auch wenn Eric Woerth jeden Zusammenhang dementiert, Premier Fillon seinen Minister als untadeligen Charakter verteidigte und Präsident Nicolas Sarkozy eine Ehrenerklärung abgab: Die immer neuen Enthüllungen um die finanziellen Verwicklungen im Duft-Konzern L'Oréal verbreiten mittlerweile den anrüchigen Hautgout einer Staatsaffäre.

Zumal sich jetzt herausstellte, dass seit Januar 2009 die Steuerbehörden wegen Madame Bettencourt Nachforschungen anstellten - es ging dabei um Schweizer Konten und eine Seychellen-Insel, illegal abgeführte Millionen, wie ihr Vermögensberater nun einräumen musste. Wusste Eric Woerth, damals Haushaltsminister, von den Recherchen des Fiskus? Der Minister verteidigt sich mit dem Hinweis, "nie irgendwelche Untersuchungen gegen den Konzern Bettencourt behindert zu haben".

Insgesamt ein peinlicher Skandal für die Regierung und ein ziemlicher Gesichtsverlust für ein Unternehmen, das seine Handlungsmaxime gern auf die tautologische Floskel zuspitzt: "Die Schönheit der Ethik, die Ethik der Schönheit."

Um die Verästelung der Affäre nachzuvollziehen, ist ein Blick zurück nötig auf die Kapitel einer Mär, die lange so luftdicht unter Verschluss gehalten wurden wie die Cremes und Wässerchen der teuren Nobelmarke.

Die selektive Selbstdarstellung gehört allerdings zur Tradition einer Firma, die im vergangenen Jahr ihr 100-jähriges Jubiläum feierte und ihre Geschichte als makellosen Aufstieg beschreibt: Es begann mit einem Einfall des Chemikers Eugène Schueller, der Anfang des letzten Jahrhunderts in seinem Labor die ersten Zutaten für eine Haarfärbemittel erfand und in den dreißiger Jahren die ersten Sonnencremes anmischte.

Dabei blieb gerne unerwähnt, dass Firmengründer Schueller mit Frankreichs Rechtsextremisten verbandelt war und während des Zweiten Weltkrieges mit den deutschen Besatzern kollaborierte. Überliefert sind antisemitische Hassparolen: "Man muss der Dritten Republik, der Freimaurerei und der Judenheit endlich ein Ende bereiten", erklärte der Chef 1941. Auch Schwiegersohn André Bettencourt stand der Ideologie der Nazis nahe, wetterte gegen die Juden als "verlogenen Pharisäer" und schrieb: "Für alle Ewigkeit ist ihre Rasse mit dem Blut des Gerechten beschmutzt."

Die Frau, die 700.000 Euro verdient. Täglich

Alles Jugendsünden, vergessen, verdrängt oder dank bester Beziehungen zu den rechten wie linken Repräsentanten der V. Republik juristisch abgehakt oder vertuscht.

L'Oréal wird in der Boom-Phase der Nachkriegszeit als französische Erfolgsgeschichte gefeiert, noch bevor sich die biedere Familienfirma zum börsengeführten Weltunternehmen in Sachen femininer Kosmetik mausert.

Derweil wuchs Liliane, einzige Tochter von L'Oréal-Gründer Schueller, wohlbehütet in einem Internat auf und heiratete 1950 André Bettencourt, der bald in den Vorstand des Konzerns aufrückt. Als Alleinerbin besitzt sie seit 2007 rund 30 Prozent des Aktienkapitals, sie gilt als die reichste Frau Europas, die, so heißt es, 700.000 Euro verdient. Täglich.

Solche Einnahmen gestatten gewisse Freigiebigkeit. Etwa gegenüber dem langjährigen Freund François-Marie Banier - einer schillernden Figur aus dem Dunstkreis der Pariser Gliterati, der als 20-Jähriger die Nähe zu den größten Künstlern pflegte, die sich in Frankreich tummelten: Aragon, Beckett, Genet, Dali, Horowitz - als Freund, Bekannter oder zeitweiliger Lebensgefährte.

Im Umfeld dieses "Tout-Paris" trifft Bettencourt 1969 erstmal auf den jungen Banier; doch erst 1987 kommen die beiden einander näher: Damals porträtiert der Fotograf die 63-Jährige für ein Pariser Szene-Magazin - es ist der Beginn einer Beziehung, die "Paris Match" als "lange und zärtliche Intimität" beschreibt.

Denn nun wird Banier zum Hausfreund der Bettencourts, zusammen mit seinem Lebensgefährten reist man in die Bretagne oder in die Karibik, nach Mallorca oder Marrakesch. In Paris besucht man, mal zu zweit, mal zu viert, Restaurants und Ausstellungen, der charmante Banier spielt den brillierenden Alleinunterhalter, macht sich immer mehr zur unverzichtbaren Präsenz. Monsieur und Madame - man siezt sich - jetsetten um den Globus, Rio, Tokio, New York.

Wenn das Paar nicht zusammen ist, schreiben sie sich, täglich fast, Notizen, Botschaften, Billetts - Hunderte von Briefen, die laut "Paris Match" ihr "tiefes Einvernehmen" ausdrücken. Das drückt sich ab Mitte der neunziger Jahre zunehmend in Zuwendungen und "Geschenken" aus: Bettencourt fördert Foto-Ausstellungen Baniers, spendiert Schecks und teure Gemälde und überschreibt ihm offenbar mehrere Lebensversicherungen.

"Es ging nicht mehr um die Einheit der Familie, sondern das Unternehmen"

Selbst die anfallende Steuer für die Schenkungen soll die alte Dame noch beglichen haben. Insgesamt habe die großzügige Madame ihrem Begleiter seit 2002 Werte von knapp einer Milliarde überantwortet - eine kleine Sychellen-Insel gehört angeblich auch zu den Morgengaben der Witwe Bettencourt.

Die verschwenderische Nächstenliebe bringt die einzige Tochter Lilianes in Harnisch. Im Dezember 2007, Vater André ist gerade einen Monat tot, reicht Françoise Bettencourt Meyers bei der Staatsanwaltschaft Nanterre Klage ein.

Der Vorwurf lautet auf "Missbrauch der Unerfahrenheit einer Person". Will sagen: Banier habe sein Vertrauensverhältnis in Zusammenhang mit der körperlich oder geistigen Schwäche von Madame Bettencourt ausgenutzt, um daraus persönlichen Gewinn zu ziehen. Gehandelt habe sie aber erst, so Tochter Françoise, als angeblich ruchbar wurde, dass Banier in den Aufsichtsrat von L'Oréal aufsteigen wollte.

"Damit hatte sie keine Wahl mehr", erzählt einer ihrer Freunde. "Es ging nicht mehr darum, die Einheit der Familie zu schützen, sondern um die Integrität des Unternehmens."

Belegt werden die Vorwürfe mit Stellungnahmen und Zeugnissen des Personals. "Monsieur Banier bedrängte Madame Bettencourt, sie solle ihm einen Scheck ausstellen", berichtet ein Zimmermädchen, die Buchhalterin erzählt, Banier habe "zwei bis drei Millionen Euro nötig, für sein Schwimmbad und diverse Arbeiten". Und obendrein soll Banier sogar darauf gedrungen haben, von Madame adoptiert zu werden.

Die Versuche, Liliane Bettencourt für geschäftsunfähig erklären zu lassen, sind bisher fehlgeschlagen; die Erbin ließ im Februar vergangen Jahres eine Expertise anfertigen, worin ihr ein Neurologe bescheinigt, sie verfüge "vollständig über ihren eigenen Willen und ihre Urteilsfähigkeit". Sich einem Kollegium unabhängiger Ärzte zu stellen, lehnte sie im April 2009 jedoch ab. Dem illoyalen Personal wurde zwischenzeitlich gekündigt. Jetzt müssen ab Juli die juristischen Instanzen über den Rechtstreit entscheiden.

Ende der Familiensaga. Und - Anfang der politischen Affäre.

21 Stunden heimlich mitgeschnittenes Tonbandmaterial

Vorige Woche werden heimliche Mitschnitte aus dem Hause Bettencourt veröffentlicht, die der Butler zwischen Mai 2009 und Mai 2010 im Arbeitszimmer von Madame gemacht hatte. Der Majordomus, mehr als ein Dutzend Jahren in Diensten der Familie, fürchtete offenbar auch um seinen Job und wollte mit seinen Enthüllungen eine "geschwächte Frau" schützen, die, so sein Anwalt, "von ihrer Umgebung manipuliert wurde".

Die Tonbandaufnahmen, insgesamt 21 Stunden, die der Internetpublikation "Mediapart" zugespielt wurden, zeigen im Detail, wie der Finanzverwalter mit Liliane Bettencourt Möglichkeiten besprach, Vermögenswerte von Schweizer Bankkonten nach Singapur oder Südamerika zu transferieren.

Hintergrund ist ein Abkommen zwischen Frankreich und der Alpenrepublik, das seit Januar dieses Jahres bei Verdacht auf Steuerhinterziehung die Aufhebung des Schweizer Bankgeheimnisses zulässt. Eric Woerth, damals Haushaltsminister, hatte sich mit Verve für dieses Verfahren eingesetzt.

Peinlich nur: Betraut mit der Vermögensverwaltung bei Madame Bettencourt war die Firma Clymene, und dort arbeitete seinerzeit die Ehefrau des Haushaltsministers und selbsterklärten Steuersheriffs - und zwar offenbar auf dessen Betreiben.

"Keineswegs idiotisch"

Bettencourts Finanzberater Patrice de Maistre lobte Woerth gegenüber Madame als "sehr sympathisch, und zudem ist er es, der für Ihre Steuern zuständig ist". Darum sei es "keineswegs idiotisch" gewesen, Florence Woerth in der Firma einen Job zu verschaffen.

Von der glatten Zusammenarbeit zwischen der Milliardenerbin und der Politik profitierten auch Regierungsmitglieder direkt: Nach den Mitschnitten spendete Madame Bettencourt vergleichsweise bescheidene Summen für Kandidaten der konservativen Regierungspartei, aber auch für Eric Woerth wie Präsident Nicolas Sarkozy.

Im Elysée wurde der Familienstreit jedenfalls aufmerksam verfolgt. Und schon am 21. Juli kann Patrice de Maistre seiner Chefin berichten, dass die Klage von Tochter Françoise niedergeschlagen wird. "Ich freue mich für Sie, ich muss das unbedingt auch François-Marie (Banier) erzählen, was ich Ihnen jetzt sage. (...) Der juristische Berater Sarkozys hat mich angerufen, ein Mann, den ich regelmäßig für Sie besuche. Er hat mir mitgeteilt, dass der Staatsanwalt am 3. September normalerweise bekanntgeben wird, dass die Klage Ihrer Tochter abgewiesen wird. Der Fall wird geschlossen. Aber davon darf man niemandem etwas sagen. Die Anwälte müssen ihre Arbeit machen. (...) Ich bin zuversichtlich."

Verblüffend: Im Elysée wusste man schon Monate vor Ende der richterlichen Ermittlungen über deren Ausgang.

Selbst wenn die Mitschnitte illegal zustande kamen, juristisch verwertbar sind sie dennoch. Und eigentlich müssten Präsident und Premier ihrem Kabinettskollegen Woerth anraten, wenigstens vorübergehend sein Amt niederzulegen, bis die Mutmaßungen über einen Interessenkonflikt aus der Welt sind. Nicht so in Frankreich.

Moralischer Verhaltenscodex für Minister?

Zwar drängt die Opposition auf eine Untersuchung, selbst innerhalb der Regierungspartei mehrt sich Kritik. Doch vorläufig hat sich die Regierung zur propagandistischen Wagenburg um den amtierenden Arbeitsminister gestellt.

Immerhin: Angeblich denken Elysée und der Premier darüber nach, ob man - angesichts einer ganzen Reihe von Fehltritten amtierender Kabinettsminister - eine Art moralischen Verhaltenscodex verabschieden wird.

Unter Zugzwang durch die Veröffentlichungen ließ Liliane Bettencourt am vergangenen Montag mitteilen, dass sie ihre Schweizer Vermögen nach Frankreich zurückholen werde - und am gleichen Tag verkündete Eric Woerth, seine Frau Florence werde ihren Job beim Beratungsunternehmen Clymene aufgeben.

Frankreichs Justiz beschäftigt sich derweil freilich nicht mit den mitgeschnittenen Bekenntnissen, sondern beriet zunächst über die Klage der belauschten Liliane Bettencourt gegen das Internetseite Mediapart und das Magazin "Le Point", das ebenfalls aus den Tonbändern zitiert hatte.

Indessen wurde bekannt, dass Eric Woerth dem Finanzberater von L'Oréal-Erbin Bettencourt, Patrice le Maistre, im Januar 2008 den Orden der Ehrenlegion überreichte - als seine Frau bereits bei Clymene beschäftigt war. Der Minister verlieh die Auszeichnung für den "Chef des Unternehmens" auf dessen Wunsch persönlich, im Beisein der Familie Bettencourt. Wie sagt das Sprichwort: "Honi soit qui mal y pense."

Ein Schuft, wer Böses dabei denkt.

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