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Stars So deutsch, so sauber

Mit einem Vertrag über 16 Millionen Mark avancierte die Deutsche Claudia Schiffer zum bestbezahlten Fotomodell der Welt.
aus DER SPIEGEL 26/1992

Nein, es genügt nicht, daß man tintenblaue Augen hat und goldblondes Haar, daß man eine Figur hat wie Barbie und den Schmollmund der Brigitte Bardot. Man muß auch etwas können. Beispielsweise ausatmen, so wie sie.

Wann immer irgendwo eine Kamera klickt, strömt ihr dieser leichte Hauch über die Lippen, der den Mund aufplustert und die Schnute süß und rund werden läßt. Auftritt für Claudia Schiffer, 21, geboren in Rheinberg bei Düsseldorf, zu Hause in New York und Paris: Sie weiß, was sie tun muß, sie beherrscht diese Tricks, als sie sich der Horde Fotografen stellt. Lächeln, hauchen, strahlen, ein paar Worte dazu. Perfekt.

Von erregtem Gemurmel ist ihr Auftritt begleitet, von respektvollen und gierigen Blicken auf dieses glatte, regelmäßige Gesicht. Aber die echte Faszination geht nicht von den Reizen der jungen Frau aus, die sich hier im amerikanischen Konsulat von Paris den Massen stellt.

An diesem Tag im Juni, bei der Presse-Präsentation der niedlichen Blonden, reden sie von Schönheit und denken an Geld. 10 Millionen Dollar, also 16 Millionen Mark, verdient Claudia Schiffer damit, daß sie der Firma Revlon für drei Jahre ihr Gesicht und ihre Gestalt vermietet: dafür, daß sie den Körper unter Kontrolle hat und im richtigen Moment den richtigen Muskel bewegt. Das ist eine Leistung, die für Bewunderung sorgt. Die Weltpresse ist da, die International Herald Tribune ("Eine Heldin unserer Zeit"), der Pariser Figaro ("Das teuerste Mädchen der Welt"), das Fernsehen und, natürlich, Bild mit der Frage aller Fragen: »Ist diese Frau 16 Millionen wert?« Antwort: »Ja.«

Es ist nur ein paar Jahre her, da mußte man noch in Hollywood glänzen oder ein Popstar sein, als echte Prinzessin zur Welt kommen oder wenigstens Tennis spielen können, um soviel Glamour zu verströmen, um in der Quick und der Bunten gefeiert und in der gesamten gelben Presse zu Hause zu sein. Vorbei.

Die achtziger Jahre haben neue Maßstäbe gesetzt. Im Kino liefen Filme wie »Diva« oder »9 1/2 Wochen«, blaustichig wie Campari-Werbung, kühl wie die Farben von Philip Morris light. Filmkritiker trauerten den Stars von früher nach; eine Kim Basinger würde niemals eine Rita Hayworth sein, soviel stand fest. Glamour wurde zum Begriff für etwas Altmodisches. Dafür wollte die Reklame plötzlich Kino sein. Werbung sei Kunst, verkündete in Düsseldorf der Profi Michael Schirner, in Cannes wurden verkaufsfördernde 90-Sekunden-Filmchen als ästhetische Errungenschaften präsentiert, und in Wiesbaden wie in Wuppertal, in Berlin wie in München nahm das Publikum der Video-Ära Kaugummispots und Seifenreklame so wichtig wie den neuen Godard.

Eine Frage der Zeit nur, bis sich die Werbung ihre eigenen, zeitgemäßen Helden schuf. Passend zum Designjahrzehnt, zum allseits gefeierten schönen Schein, wurden Kleiderträgerinnen, Lippenstiftmodels, Kosmetikprinzessinnen zu Stars: Linda Evangelista und Cindy Crawford, Naomi Campbell und Tatjana Patitz, und dann, der Liebling der Blätter, das deutsche Fräulein Schiffer vom Rhein.

Mehr als 300mal hat sie bisher von Titelbildern gelächelt, und die Auflage ihrer Karriere-Storys inklusive Körperbeschreibung, wie sie seither von der bunten Presse erzählt werden, kann es mit religiösen Bestsellern aufnehmen. Entdeckt wurde sie »in einer Düsseldorfer Diskothek«, weiß das Magazin New York, im »Checker's«, präzisiert Tempo, und daß sie »kilometerlange Beine, himmelblaue Augen und einen Kußmund, King-Size« hat. Über die »Baby Bardot aus Germany« berichtet das britische Sky-Magazin, und der Stern schwärmt vom »Lolita-Lulu-BB-Lächeln«.

Der »Königin-Macher Lagerfeld« (Bunte) sieht in ihr »das Gesicht der Neunziger« (Time) und den »ganz neuen Chanel-Typ: runder, weicher, heller« (Stern). Dann aber, zur Zeit des Golfkriegs, läßt das »Topmodell Lagerfeld sitzen« (Hamburger Abendblatt) - Schiffer erscheint nicht zur Chanel-Show, es folgt der »endgültige Bruch« (Bunte). Und Bild sorgt sich, ob »unsere Claudia« auf dem Abstieg ist: Sie hat einen Posterkalender gemacht und ihre Kollegin Elle MacPherson auch, und »Elles Kalender ist drei Dollar teurer als Claudias«. Das Ende?

Keine Sorge, im Juni 1992 in Paris ist alles wieder gut. Fräulein Schiffer hat sich mit Herrn Lagerfeld versöhnt und verdient mit ihrer Werbung für das Revlon-Parfüm »Guess« mehr als dreimal soviel wie Cindy Crawford, ihre Vorgängerin. Freundlich strahlend blickt das Mädchen bei dem kurzen Auftritt in die Runde; sie fühlt, was ihr Image verlangt. Daß sie »so deutsch, so sauber«, so »normal, gesund und frisch« ist, hat einst die Fotografin Ellen von Unwerth registriert, und der verdankt sie den ersten Erfolg: Die hat ihre Ähnlichkeit mit der Bardot entdeckt, sie in Sechziger-Jahre-Bustiers gesteckt, sie in BB-Posen gezwungen und das Fräulein Schiffer als Mädchen mit Baby-Appeal in der Modewelt etabliert.

Mal im Wollkostüm, mal mit Abenddekolleté, mal im knappen Schwarzen, mal im hautengen Badetrikot: Munter und fröhlich bietet sie seitdem die Illusion vom sauberen, anständigen Sex. Kein Geheimnis lauert hinter diesen lüsternen Blicken, nichts Dunkles oder Gefährliches: Selbst wenn sich die Schiffer im Einteiler räkelt und ziemlich viel Busen zeigt, wenn sie aufreizen und verführen soll, wirkt das alles wie ein kindliches Spiel: In den sexy Posen steckt immer noch Claudia von nebenan, die nette Kleine, deren Blick die Laszivität in Frage stellt. »Ich mein's ja gar nicht so«, sagen die tiefblauen Mädchenaugen.

Vor allem im prüden Amerika kommt das an. In diesem Land, wo man Blondinen ohnehin bevorzugt, sind »Frauleins« aus Deutschland besonders beliebt. Wer dazu noch so anständig aussieht wie Fraulein Claudia, wer nicht raucht, nicht trinkt, früh schlafen geht, wer die Familie liebt, Präsident Bush für einen großen Mann hält, wer katholisch ist und konservativ wählt - oder das alles zumindest in Interviews behauptet hat -, kann eigentlich nur Karriere machen in den USA.

Lieb und natürlich muß sie sein, und sie hat aus früheren Fehlern gelernt. Anfangs hat sie noch, ganz beiläufig, Dinge erzählt, die einiges aussagen über ihr Verhältnis zu Menschen und zum Geld. Sie gebe Taxifahrern »niemals Trinkgeld«, hat sie einmal verraten, denn »die sehe ich ja sowieso nie wieder«. So etwas riecht nach Berechnung, so was kommt heute nicht mehr vor.

Image ist Geld, das weiß sie genau: Wegen ihrer »Frische« und »Reinheit« hat sie den Revlon-Vertrag bekommen, und das ist »das Höchste, das man haben kann«. Nacktfotos, hat Revlon verlangt, sind tabu. So erklärt sich der Anfall von Prüderie, den Claudia Schiffer im Mai dieses Jahres erlitt, als ein Paparazzo ein heimlich geschossenes Bild vom blanken Busen der jungen Frau publizierte - sie drohte eine Zivilklage an, denn der Revlon-Vertrag stand auf dem Spiel.

Vertrag gerettet, alles in Ordnung. Claudia Schiffer stellt sich in Paris zur Schau, sie lächelt und wirkt, als sei sie tatsächlich zufrieden mit sich und der Welt. Sie träumt nicht, sie plant: die nächsten Verträge, die Zukunft, »vielleicht Kunsthandel, oder so«.

Die Träume anderer sind ihr Geschäft: »Die Menschen wollen träumen«, hat sie gelernt, und sie selbst lädt herzlich dazu ein. Der Traum, den sie verkörpert und verkauft, hat nichts mehr mit Abenteuer und großen Gefühlen und Leidenschaften zu tun. Es ist der Traum, der eigentlich ein Alptraum ist: daß alle Träume erfüllbar sind.

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