Leserwettbewerb zum Social Design Award Wie wollen Sie wohnen?

Wie sieht das Wohnen der Zukunft aus? Rund 150 Vorschläge wurden beim Social Design Award eingereicht. Zehn davon stehen auf der Shortlist. Wählen Sie jetzt Ihren Favoriten!

Affordable Palace

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Die Verdichtung der Städte, die Instabilität von Familien, der knappe Wohnraum - all das beeinflusst, wie wir in Zukunft leben werden. Aber welche guten Ideen gibt es, was ist schon Realität geworden, was ist eine überzeugende, innovative Idee?

"Wie wollen wir wohnen?", lautet die Frage des Social Design Award, den SPIEGEL ONLINE und SPIEGEL WISSEN, mit Unterstützung des Fachmarkts Bauhaus, in diesem Jahr zum sechsten Mal ausgeschrieben haben. Rund 150 Einsendungen gingen ein, aus Deutschland, der Schweiz, aber auch aus den USA oder Ghana. Die Expertenjury hat jetzt eine Shortlist der zehn besten Projekte zusammengestellt, die wir Ihnen hier vorstellen.

Nun sind Sie gefragt: Wählen Sie Ihren Favoriten für den Publikumspreis! Stimmen Sie bis zum 22. Oktober ab - das Voting finden Sie am Ende der Shortlist. Der Publikumspreis ist mit 2500 Euro dotiert. Die Gewinner werden am 12. November auf SPIEGEL ONLINE bekannt gegeben.

1. Affordable Palace

"Affordable Palace verwandelt den Royal Palace in eine innovative Co-Living-Struktur", so heißt es nüchtern in der Beschreibung des Projekts. Doch dahinter versteckt sich eine revolutionäre Idee: Der Buckingham Palace in London soll um sechs Etagen aufgestockt werden und Wohnraum für 50.000 Menschen bieten. Dass die Queen & Co. 775 Zimmer und 79 Bäder für sich beanspruchen, halten die jungen Architekten des Münchner Büros Opposite Office nicht mehr für zeitgemäß in Zeiten von Wohnungsknappheit und Mietpreisexplosion.

Ihr Entwurf sieht Cluster vor, in denen die privaten Schlafräume sich um gemeinsame Ess- und Wohnzimmer gruppieren. Flexible Trennwände ermöglichen flexible Lebens- und Wohnmodelle. Natürlich soll auch der Mietpreis gedeckelt werden, und zwar bei acht Euro pro Quadratmeter. Eine effiziente Planung macht es möglich, dass nur relativ wenig Fläche für Flure und Treppenhäuser verbraucht wird. Die Architekten wissen natürlich, dass ihre Idee eine Idee bleiben wird. Sie möchten aber mit "Affordable Palace" einen provokanten Beitrag zur Diskussion über das Recht auf Wohnraum und soziale Gerechtigkeit leisten.

2. Bring Together

Wer Nachbarn kennenlernen will, kann sich bei der Internetplattform nebenan.de anmelden. Was aber tun, wenn man überhaupt erst ein Nachbar werden will? Und vor allem, wenn man nicht irgendwelche Nachbarn sucht, sondern in einem gemeinschaftlich orientierten Projekt leben will? In diese Lücke stößt die 2015 in Leipzig gegründete Plattform "bring-together", die inzwischen 80 Projekte und 400 Projektsuchende in elf Ländern miteinander vernetzt und seit kurzem auch Gemeinnützigen Vereinen oder Kommunen die Möglichkeit gibt, ein Profil anzulegen.

Dahinter steht das Unternehmen "Patchwork Communities": "Unser Ziel ist die Förderung und Realisierung von gemeinschaftlichen Lebens- und Wohnformen sowie die Stärkung nachhaltiger und solidarischer Handlungsprozesse in der Gesellschaft. Mit unserem Vorhaben möchten wir einen Lösungsansatz bieten, der fehlende Familienstrukturen erneuert und Menschen wieder in Gemeinschaftsdenken bringt."

3. Green Urban Micro (Moritz Schreber Relaunch. Now!)

Einen Schrebergarten hatte der Düsseldorfer Architekt und Szenograf Hans Hermann Hofstadt gepachtet, musste aber feststellen, dass er zum Gärtnern ungeeignet ist. Berichte darüber, dass in den Großstädten Kleingärten für Wohnungsbau geopfert werden, und die hohe Miete seiner Tochter für ihre Studentenbude brachten ihn auf eine Idee: Wie wäre es, wenn man in jeden Schrebergarten zwei Tiny Houses für Studenten oder für ältere Menschen stellen würde?

Er lud Studenten zu einem Workshop in den Schrebergarten ein, in dem diese Bilder ihres Wunsch-Tiny-Houses in eine Abbildung von Hofstadts Schrebergarten kleben. Der Architekt hat ausgerechnet: Wenn jedes Tiny House 30.000 Euro kostet, dann kommt man mit Tilgung, Zinsen und Nebenkosten auf eine Miete von 200 Euro. Und wenn in jedem zweiten der rund eine Million deutschen Schrebergärten eins stünde, dann könnte man - rein statistisch - fast alle Studienanfänger dort unterbringen. Vielleicht würden sie ja auch ein bisschen Gartenarbeit machen.

4. Hebammenhaus

Mitten im Dschungel von Ghana, an der Grenze zu Togo, zieht sich an einer Durchgangsstraße das Dorf Havé entlang. 8000 Menschen leben hier, die Hälfte davon sind Kinder. Schon deshalb ist die Geburtsstation das Herzstück von Havé. Der Einzugsbereich ist groß, weshalb viel Geburtshelferinnen gebraucht werden. Diese haben selbst Familien, und das war das Problem: Es gab keinen Wohnraum für diese Familien, weshalb die Hebammen jahrelang getrennt von Mann und Kindern lebten.

Auf Initiative des Kölner Vereins Meeting Bismarck e.V. entwarf und baute eine Gruppe von rund 50 deutschen und us-amerikanischen Studenten, deutschen Handwerksauszubildenden und ghanaischen Berufsschülern eine Hebammenschule und ein Wohnheim mit vier Einheiten von jeweils 30 Quadratmetern mit eigener Küche, Wohnraum und sechs Schlafplätzen. Der Entwurf greift auf die traditionelle "Compound Siedlung" zurück, in der die Familien in engem Zusammenschluss rund um eine gemeinsame Fläche wohnen, und ist mit seinem passiven Klimakonzept konzipiert für die schwierigen Bedingungen im Dschungel.

5. Hinterhof-Dinner

"In größeren Wohnblocks wohnen Menschen Tür an Tür und kommen doch nie ins Gespräch" - diese Beobachtung war Startpunkt für das "Hinterhof-Dinner". Weil gemeinsames Essen Menschen miteinander in Verbindung bringt, kam der Leipziger Verein "Kollektiv Plus X" auf die Idee, gemeinsam mit einem Hausbewohner Nachbarn zum Dinner einzuladen. Und zwar im Hinterhof, wo dann in einer mobilen Küche gemeinsam gekocht wird.

Ziel ist, dass alle sich in eine Kontaktliste eintragen, damit sie auch Kontakt halten können. Denn aus einer anonymen Nachbarschaft werde dann "ein Netzwerk mit gemeinsamen Interessen". Das "Kollektiv Plus X" hat unter anderem schon mit der Bespielung von Brachen auf sich aufmerksam gemacht. Es bewegt sich mit seinen Aktionen "an der Schnittstelle von Kunst, Raumplanung, Design und Sozialer Arbeit".

6. Mittendrin

Ein Fahrradausflug war es, der das Hamburger Duo "Gogtile" auf die Idee zu "Mittendrin" brachte: Bei der Tour entdeckten die beiden an der Tatenberger Schleuse Brückenpfeiler und einen asphaltierten Weg, der mal für etwas anderes gebaut war als für Radfahrer: für die Bahngleise zum KZ Neuengamme. Gegen das "Über-Asphaltieren von Geschichte" stellt "Gogtile" seinen Entwurf eines Wohnhauses, das auf einem neuen Brückenpfeiler ruht und über eine Betonplattform mit dem alten Brückenpfeiler verbunden ist.

Das Haus soll aus ökologischen Materialien gebaut und von Menschen bewohnt werden, die ihren Besitz miteinander teilen und Recycling-Möbel nutzen. Das Wohnzimmer soll nach draußen in die Natur verlegt werden, als ein Café und Treffpunkt für alle, die dort vorbeikommen. "Der Entwurf ist als ein Plädoyer für verantwortungsvolleres Wohnen zu verstehen. Wir sollten uns weniger von der Umwelt abschotten, kritischer die eigene Komfortzone hinterfragen und versuchen, das Undenkbare zu denken."

7. Nika

Zwei Versuche, ein Grundstück oder Gebäude zu kaufen und in ein Wohnprojekt umzuwandeln, hatten sich schon zerschlagen, doch dann klappte es endlich: Im Spätsommer 2016 erhielt eine Gruppe von Frankfurtern, die gern gemeinschaftlich wohnen wollten, die Zusage der Stadt, ein altes Bürogebäude im Bahnhofsviertel kaufen zu können.

Die Grundrisse für die Wohngemeinschaften sehen vor, dass alle Schlafräume exakt gleich groß sind, außerdem gibt es in der siebten Etage Gemeinschaftsräume und eine gemeinsame Dachterrasse. Im Erdgeschoss sitzt eine Beratungsstelle für Roma, ein "Community Room" steht verschiedenen Initiativen für ihre Arbeit zur Verfügung, ein dritter Raum ist für Kunstausstellungen oder Workshops gedacht. Seit Juni 2019 leben 42 Menschen im Projekt "Nika", das dem Mietshäusersyndikat angehört.

8. Urbanes Leben auf dem Lande

Ein Hof aus dem 19. Jahrhundert, 1200 Quadratmeter Wohnfläche, Nebengebäude für Ateliers, Werkstätten, Co-Working-Space, alles gelegen auf einem 60.000-Quadratmeter-Grundstück, 50 Kilometer vom Zentrum Berlins entfernt: Das sind die Eckpunkte des Projekts, das ein Ehepaar aus Celle mit seinen in Berlin lebenden erwachsenen Kindern gestartet hat.

Zwölf Familien, aber auch Paare oder Singles, sollen in vier Häuser auf dem Gelände in Brandenburg einziehen, raus aus Berlin und rein in ein naturnahes gemeinschaftliches Leben, in dem man sich Autos, Fahrräder und Gemeinschaftsräume teilt, die Kinderbetreuung gemeinsam regelt, füreinander da ist. Wasser und Gasanschluss sind inzwischen gelegt, nun werden nach und nach die Häuser renoviert, innen Lehmputz, außen Hanfdämmung. Das "urbane Leben" soll auch aus "interkulturellen Veranstaltungen" bestehen, womit nicht nur Kleinkunst gemeint ist, sondern auch Diskurse zu den Fragen unserer Zeit.

9. we-house

we-house.life

Warum eigentlich muss man jedes einzelne Neubauprojekt wieder ganz neu denken? Wie wäre es, wenn man ein wirklich gutes und nachhaltiges Konzept erarbeitet und dieses dann an verschiedenen Standorten umsetzt? Das "we-house" des Stuttgarter Architekturbüros Archy-Nova versucht genau das. Es besteht aus ökologischen Materialien, verbraucht 80 Prozent weniger Energie als konventionelle Bauten, hat eine begrünte Fassade, nutzt Brauchwasser und hat als Extra einen Pool, der mit Regenwasser befüllt und mit Solarenergie geheizt ist und noch die Pflanzen im Gewächshaus wässert.

we-house.life

Autos, Räder und vieles mehr gibt es im Sharing, in der Gemeinschaftsküche wird für alle Bewohner mittags und abends gekocht. Und kommunizieren kann man über eine eigene App. Ein we-house plant das Büro in einem Hochbunker in Herne, ein weiteres in Stuttgart, und auch in die Hamburger HafenCity möchten die Architekten gern eines stellen.

10. #wohnenmorgen

Wie sieht die ideale Stadt von morgen aus? Was wollen wir beibehalten aus der Stadt von gestern und von heute? Das sind die Fragen, die das Wiener Architekturbüro AllesWirdGut in Workshops und Umfragen stellte. Denn das Büro versteht Planen als einen Prozess, an dem auch die künftigen Nutzer beteiligt werden. Konkret waren dies die Besucher zweier Ausstellungen in Stuttgart und im tschechischen Brno, die ihre Ideen für ein prototypisches Gebäude, den "Stadtbaustein von morgen", einbringen konnten.

Außerdem betrieb das Büro Feldforschung bei jenen, die in einer von AllesWirdGut entworfenen Wohnung lebten. Bei Hausbesuchen wurden die Bewohner gefragt, wie zufrieden sie sind oder was eine gute, was eine missglückte Planung war? Die Wiener Architekten möchten mit ihrem Ansatz zu innovativen Projekten kommen, da die aus Wettbewerben resultierende Architektur sowie die Profitorientierung im Wohnungsbau innovatives Denken verhindere.


Wer ist Ihr Favorit? Stimmen Sie ab mit dem Voting von Quiz-maker:

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Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version dieses Artikels hieß es, "Kollektiv Plus X" sei ein Berliner Verein. Tatsächlich stammt er aus Leipzig. Wir haben die Stelle im Text korrigiert.



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