Zur Ausgabe
Artikel 79 / 130

Frauenhandel Soko »Weißes Fleisch«

Eine Sondertruppe der tschechischen Polizei bekämpft den Verkauf osteuropäischer Frauen ins Ausland. Erstes Abnahme- und Transitland für die Ware Frau ist die reiche Bundesrepublik. Länderübergreifend spürt die Spezialeinheit den Hintermännern des Menschenhandels nach - mit beachtlichem Erfolg.
aus DER SPIEGEL 32/1996

Die Gäste in der »M&M-Bar« im Prager Stadtteil Nusle sitzen in rotem Schummerlicht an kleinen Holztischen, die meisten trinken Bier.

Zwei Männer betreten das Lokal, leger gekleidet in Jeans und Polo-Shirts. Die beiden sind Ermittler einer Elite-Polizeieinheit gegen organisiertes Verbrechen, intern Soko »Weißes Fleisch« genannt. Zdenek, 46, und Petr, 30, jagen Menschenhändler.

Am Ecktisch hocken zwei Männer, eine Frau und ein junges Mädchen. Das Mädchen ist schmal und blaß, die dunklen Haarsträhnen fallen auf ihre Jeansjacke. Sie hat eine schwarze Tasche bei sich, »groß genug für das nötigste Handgepäck«, sagt Zdenek. »Die sollen hier denjenigen treffen, der die Frau übernimmt.«

Für die Polizisten ist die Sache klar: Das Mädchen wird heute abend an einen neuen Besitzer verkauft, der sie als Prostituierte halten oder gleich weiterverkaufen wird, möglicherweise ins Ausland. Die »M&M-Bar« gilt bei den Ermittlern als einschlägiger Treffpunkt für Frauenhändler.

Jetzt hat die Gruppe am Tisch die Fahnder entdeckt. »Man erkennt sich«, sagt Zdenek. In dem Moment, da die Polizisten scheinbar ins Gespräch vertieft sind, verlassen die Verdächtigen wieselflink das Lokal, Zdenek und Petr rühren sich nicht. »Wir greifen nur ein, wenn wir zuverlässige Aussagen von betroffenen Frauen haben, klare Beweise«, sagt Zdenek, »bis dahin schauen wir zu.«

Tschechien ist die Drehscheibe für den Frauenhandel zwischen Ost und West. Zehntausende Frauen, rechnet der Leiter der Soko »Weißes Fleisch«, Zdenek, seien seit dem Fall des Eisernen Vorhangs durch das Land geschleust worden zum Verkauf in westeuropäische Bordelle und sogenannte Model-Appartements. Viele Abnehmer sitzen in Deutschland.

Am Prager Hauptbahnhof warten die sogenannten Treiber auf Mädchen vom Land, die in die Großstadt kommen, um hier Arbeit zu suchen. Sie sprechen die Frauen an, bieten ihnen günstige Unterkunft. Wer mitgeht, den erwartet meist ein Martyrium. Die Mädchen werden ausgehungert, geschlagen, vergewaltigt und so gefügig gemacht - »einreiten« heißt das im Jargon.

Viele Frauen werden auch per Inserat geködert, etwa im Anzeigenblatt Annonce. Vermittler locken sie als Kellnerinnen, Haushälterinnen, Erntehelferinnen oder Bardamen nach Deutschland.

Zdenek ist ein Bulle wie aus dem Fernsehen - 24 Stunden im Einsatz, immer unter Strom. Ein Kumpeltyp mit Ernst in den Augen. »Der Job lohnt schon, wenn dem eigenen Kind so was erspart bleibt«, sagt der Vater einer 21jährigen Tochter.

Zdenek ist seit 21 Jahren bei der Polizei. Der ehemalige Drogenfahnder hat schon im Sozialismus gedient und die Revolution in Tschechien ohne Karriereknick überstanden.

Die Soko »Weißes Fleisch« wurde vor eineinhalb Jahren gegründet. Die kleine Einheit, sechs Männer und eine Frau, soll der »illegalen Ausfuhr« von Frauen nachspüren, die Hintermänner dingfest machen. »Wir sind eine Top-Truppe, aber kaum mehr als ein Tropfen auf dem heißen Stein«, beklagt Zdenek.

Ausgesuchte »Spitzendetektive«, rühmt auch Jan Kubice, Direktor der »Formation gegen das organisierte Verbrechen« im Prager Innenministerium, die Soko-Mitglieder.

Die Polizisten kennen sich nicht nur in den Prager Bars aus, wo Frauen zur Prostitution genötigt werden und auf ihren Transport ins Ausland warten. Sie wissen auch viel über deutsche Klubs, in denen Tschechinnen gewaltsam festgehalten werden, etwa im Hamburger Hafen.

Wer bei der Elite-Einheit landet, macht nicht mehr Dienst nach Vorschrift: Tag und Nacht sind die Soko-Leute in Spelunken und Absteigen unterwegs. Zdeneks smaragdgrüner Skoda Felicie mit dem Funkgerät im Handschuhfach zeigt für Juni fast 10 000 gefahrene Kilometer; erst vor ein paar Tagen war er wieder in Berlin. 150 Überstunden im Monat seien »keine Seltenheit«. »Unsere Ausrüstung und Ihre Leute - das wäre die beste Mischung«, lobte ein FBI-Ausbilder, der die Soko in Ungarn schulte.

Das Team hat ein Netz von Zuträgern im ganzen Land, darunter zahlreiche Leute aus dem Milieu, die »keine andere Wahl haben«, als mit ihm zusammenzuarbeiten. Mit deren Hilfe verfolgen Zdenek und seine Mitarbeiter den Weg der verschwundenen Frauen ins Ausland, bis sie irgendwann zurückkommen: »Dann erwarten wir sie am Bahnhof.«

Die Fahnder arbeiten verdeckt, niemand in der Öffentlichkeit kennt ihre Gesichter und ihre wahren Namen. Über ihre Erfolge dringt wenig nach außen.

Doch die Bilanz ist sehr respektabel: Im Schnitt lassen Zdenek und seine Kollegen jeden Monat eine Zuhältergang hochgehen, und jeder Fall führte bisher auch zur Anklage bei Gericht.

Bei dieser länderübergreifenden Form der Kriminalität ist die tschechische Polizei auf die Zusammenarbeit mit den Kollegen in den Abnehmerländern angewiesen. Nicht immer klappt das so gut wie im Falle der tschechischen Freundinnen Petra P., 24, einer gelernten Serviererin, und der arbeitslosen Fabrikarbeiterin Michaela P., 23, aus Breclav im Südosten der Republik.

In einer Weinstube am Prager Wenzelsplatz hatte der gutgekleidete Wahl-Tscheche Radoslav L., 40, den Frauen lukrative Jobs als Kellnerinnen in einem Hotel bei Stuttgart versprochen für monatlich 2000 Mark netto.

Josip B., 45, ein »Geschäftsfreund«, holte die Mädchen am nächsten Tag in einem BMW mit deutschem Kennzeichen ab. Josip B. hatte dem Radoslav L. die Mädchen für 2000 Mark pro Kopf »abgekauft«.

Er nahm ihnen die Pässe ab und fuhr mit ihnen in eine baden-württembergische Kleinstadt. In Josip B.''s Wohnung wurden die beiden Mädchen tagsüber eingeschlossen, abends sollten sie sich in Lokalen prostituieren, um ihre »Schulden« abzuzahlen.

Der Revierkönig des Städtchens, der Jugoslawe Muharem K., 43, ein Kasino-Betreiber, zwang Josip B., ihm die Mädchen zu überlassen. Die Frauen hausten fortan, streng bewacht, im oberen Stockwerk, eines Etablissements, das Muharem K. gehörte, und mußten sich an Besucher des Lokals verdingen.

Als Petra P. mal wieder für eine Orgie außer Haus bestellt wurde, konnte sie fliehen. Sie lief zur Polizei. Dank ihrer Aussage wanderten die Männer wegen Glücksspiels, Zuhälterei, Ausbeutung, Vergewaltigung und Menschenhandels in Untersuchungshaft.

Mitunter werden die Mädchen auch direkt von der Straße gekidnappt. Romana Majerová, 24, aus dem westböhmischen Städtchen Chomutov arbeitete bereits selbständig als Prostituierte in Prag, als drei Männer sie in ein Auto zwangen und nach Dresden entführten.

In einer Kneipe vermieteten sie die junge Frau jeweils für 24 Stunden zu

150 Mark. Auch Majerová konnte schließlich fliehen.

Der übliche Handelspreis für »Frischfleisch«, so heißt der Frauen-Nachschub

in der Szene, beträgt zwischen 500 und 1500 Mark, bei Fracht ins Ausland 3000 Mark. Der Preis bemißt sich, wie es im jüngsten Bericht des tschechischen Innenministeriums heißt, nach »Fügsamkeit, Anzahl der Kunden pro Nacht und der Menge des verdienten Geldes pro Kunde und Nacht«.

Sobald die Mädchen die Grenze passiert haben, »gehören sie dem Zuhälter«, erklärt Fahnder Zdenek: »Eine neuartige Form der Sklaverei«.

Ähnlich ausgebeutet werden auch jene Mädchen, die sich freiwillig zur Prostitution in Deutschland entschlossen haben, um der wirtschaftlichen Not in ihrem Land zu entgehen: Der Sprache nicht mächtig und illegal im Land, sind sie ihrem Zuhälter hilflos ausgeliefert. Wie die Pragerin Helena, 25, erhalten sie nur einen Bruchteil vom Liebeslohn oder gar nichts - der Übergang zum Menschenhandel ist fließend.

Das Risiko für die Verbrecher, die mit den Frauen Geschäfte machen, ist nach Erkenntnis der Prager Ermittler dagegen in jedem Fall gering: An die Zeuginnen kommt die Polizei nicht heran, solange die Mädchen in der Gewalt der Zuhälter sind; auch später haben die Frauen oft kein Interesse, ihre Peiniger anzuzeigen, weil sie deren Rache fürchten.

»Wenn mal eine Frau aussagt, zieht sie ihre Angaben zu 80 Prozent vor der Hauptverhandlung wieder zurück«, klagt Ermittlungsrichter Petr Netík von den Justizbehörden in Brno, der Hauptstadt von Südmähren, 200 Kilometer südöstlich von Prag.

Bei den Eltern von Petra P. in Breclav tauchte ein Verwandter des Revierkönigs Muharem K. aus Baden-Württemberg auf, legte 5000 Mark auf den Tisch und drängte das Mädchen, seine Aussage zu widerrufen: »Wenn du es nicht tust, erschieße ich dich und deine Familie.« Doch das Mädchen ließ sich nicht einschüchtern. Sie ging zur Polizei.

Das größte Hindernis im Kampf gegen den Frauenhandel, kritisiert Soko-Leiter Zdenek, sei die Gesetzeslage in seinem Heimatland. »Verbrecher«, glaubt er, »spezialisieren sich auch deshalb auf den Einkauf aus dem Osten, weil dafür niedrigere Strafen als für den Drogenhandel drohen.«

Wer in Tschechien mit harten Drogen dealt, muß mit 15 Jahren Knast rechnen, für Frauenhandel drohen ihm allenfalls 8 Jahre.

* Mit dem Kind einer Freundin.

Zur Ausgabe
Artikel 79 / 130
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.