Somalia Piraten verschmähen Euro als Lösegeld

2. Teil: "Die Piraten können fast ohne Gefahr operieren"


SPIEGEL: Aus Ihrer Erfahrung - was sind die Piraten für Leute? Einfache Kriminelle?

Cloonan: Sie sind jedenfalls nicht dumm. Sie wissen, dass sie ein erfolgreiches Geschäftsmodell haben. Und sie wissen natürlich auch, dass sie in einem riesigen Seegebiet fast ohne Gefahr operieren und sich ihre Beute nach Belieben aussuchen können. Außerdem passen sie ihre Strategie schnell an: Seit sie mitbekommen haben, dass die Experten vom International Maritime Bureau (IMB) den Kapitänen rät, 200 Meilen vor der Küste zu bleiben, fahren die Piraten eben weiter raus. Wenn die Schiffe erst einmal in ihre Reichweite geraten, ist es für die Piraten ein Leichtes, sie zu kapern. Sie sind effektiv, dass muss man sagen. Mit der Pistole zu ballern und so tun, als hätten sie jemanden erschossen - das ist ziemlich effektiv. Oder die Drohung, ein Schiff auf den Strand zu setzen - auch effektiv. Die entführten Schiffe in Sichtweite ankern zu lassen - sehr intelligent. Manche sind wirklich sehr kreativ.

SPIEGEL: Können Sie etwas über die Hierarchie innerhalb der Piratenverbände sagen?

Cloonan: Wenn sie an Bord kommen, sieht man ziemlich schnell, wer das Kommando hat. Aber die Person des Sprechers wird häufig ausgetauscht. Zwei Tage lang hat man mit Ahmed zu tun, dann ist er frustriert und ein Kumpan übernimmt. Erst wenn die Verhandlungen an den entscheidenden Punkt gelangt sind, tritt der eigentliche Entscheider auf den Plan. Ich sage immer, es ist wie beim Gebrauchtwagenkauf in den Staaten. Man verhandelt mit einem Verkäufer - und irgendwann sagt er: "Alright, jetzt muss ich erst mit meinem Manager sprechen." Wir gehen jedenfalls davon aus, dass es eine feste Organisationsstruktur gibt, und wenn wir merken, dass wir nicht vorankommen, fragen wir nach dem Mann, der die Entscheidungen fällt. Manchmal ist er an Land, manchmal an Bord.

SPIEGEL: Der Chef der Piraten-AG ...

Cloonan: Das ist eine richtige Piraten-AG, genau. Organisiertes Verbrechen zur See. Diese Gangster sind eben im lukrativen Kaper-Geschäft. Sie haben eine erkennbare Kommandostruktur, nicht wie beim deutschen oder amerikanischen Militär, aber doch mit einer klaren Befehlskette. Und Empfängern am Ende der Nahrungskette. Leute müssen bezahlt und belohnt werden.

SPIEGEL: Wo kommen die Piraten her - sind es ehemalige Fischer?

Cloonan: Am Freitag sind sie Fischer, am Wochenende dann Piraten, und am Montag wieder Fischer - so erklären wir uns das. Aber wenn man vor der Frage steht, wie man seine Existenz rettet, und es keine andere Alternative gibt, dann mag Piraterie eine Möglichkeit sein. Ich denke, das ist absolut verständlich.

SPIEGEL: Mit welchen Konsequenzen muss man nach der gewaltsamen Geiselbefreiung durch die Amerikaner rechnen?

Cloonan: Vorher haben wir nicht einmal das Wort "Rache" gehört, jetzt schwören die Piraten Vergeltung. Ich frage mich, ob US-Bürger in künftigen Entführungsfällen mit einer schlechteren Behandlung rechnen müssen als Geiseln anderer Nationen.

SPIEGEL: Stellen die Piraten manchmal seltsame Forderungen?

Cloonan: Die stellen wir selber, wenn wir darauf bestehen, ein Schiff mit Lebensmitteln zu beliefern. Wenn die Vorräte knapp werden und die Geiseln nur noch eine Mahlzeit pro Tag bekommen, können die Piraten diesen Umstand nutzen, um die Spannung zu verschärfen. Manchmal sagen sie auch: "Das Schiff treibt führerlos, wir haben keinen Treibstoff mehr."

SPIEGEL: Und das funktioniert?

Cloonan: Die Reeder haben eine recht genaue Vorstellung davon, wie viel noch an Bord ist. Sie wissen, wann zuletzt Treibstoff gebunkert wurde, wie lange die Maschine lief, wann sie gestoppt wurde, wie viel noch in den Tanks ist. Der Trick funktioniert also nicht. Und häufig können wir ja in einer Sprache, die sie nicht verstehen, mit den Kapitänen reden, und die geben uns eine ungefähre Lagebeschreibung, etwa so: "Es sind zwölf Piraten. Sie haben Sturmgewehre, sie haben Maschinengewehre. Und ja, wir können uns bewegen. Sie stehen hier, sie stehen dort."

SPIEGEL: Was lässt sich über das Selbstverständnis der Piraten sagen?

Cloonan: Angesichts der Tatsache, dass sie sich mit Amerika und den Nationen Westeuropas anlegen, finden sie sich sehr erfolgreich. Sie denken, dass sie ein Leben in Elend geführt haben - und dass sie jetzt zu Helden geworden sind.

SPIEGEL: Was machen sie mit der Beute?

Cloonan: Es gibt tatsächlich Berichte, dass sie in Immobilien investieren. Wenn man sich ihre Städte ansieht, dann fallen einem diese ungewöhnlich großen Villen auf - und wir wissen, dass mancher Dollar aus Lösegeldern stammt.

SPIEGEL: Wie lassen sich die Piraten besiegen?

Cloonan: Ich denke, man muss zweierlei tun: Zum einen müssen sich die Reedereien überlegen, ob sie nicht besser auf Routen fahren, die diese Region komplett umgehen. Und dann muss man wirklich Gegenmaßnahmen ergreifen. Die Schiffe in diesem Seegebiet brauchen eine Eskorte. Das funktioniert zwar schon ganz gut, aber es gibt immer noch Ausnahmen - und die schnappen sich die Piraten. Schiffe, die allein fahren, die nachts mit Beleuchtung fahren, die sich nicht an die Empfehlungen des IMB halten. Das mindeste, was sie brauchen, sind Abwehrmechanismen, die ohne Waffen auskommen. Und sie müssen sich anderweitig Begleitschutz anheuern, denn die internationale Anti-Piraten-Koalition kann das nicht alles leisten. Solange die Reeder nicht einsehen, dass sie sich nicht allein auf das Militär verlassen können, werden wir solche Episoden immer wieder erleben.

Das Interview führte John Goetz, Übersetzung: Olaf Kanter

Moderne Piraten - Gefahr am Horn von Afrika
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Maschinengewehre statt Enterhaken
Fernab aller Seeräuberromantik ist die moderne Piraterie eine Form der organisierten Kriminalität. Nach dem Seerechtsübereinkommen von 1982 gelten als Piraterie räuberische oder erpresserische Überfälle auf Schiffe auf hoher See. Angriffe innerhalb nationaler Hoheitsgewässer werden als Strandpiraterie bezeichnet.

Am gefährlichsten sind die Gewässer vor Afrika. Somalia, Nigeria und Tansania sind Schwerpunkte der Angriffe. Vor der Küste Somalias operieren Piraten oft von Mutterschiffen aus, von denen sie auf pfeilschnellen Booten mit Maschinenpistolen und Panzerfäusten bewaffnet zu Raubzügen aufbrechen. Die gekaperten Schiffe werden dann vor die Küste gebracht.
Piratennest Puntland
Puntland ist eine Region am Horn von Afrika, rund 212.000 Quadratkilometern groß, 2,4 Millionen Einwohner. Vor zehn Jahren erklärte sich der trockene Landstrich zum autonomen Teilstaat von Somalia. Tonangebend sind die Stammesstrukturen der Darod, die dort ihr Hauptsiedlungsgebiet haben. Zwei Drittel der Menschen hier sind Nomaden, nahezu alle sunnitische Muslime. Einst lebten sie vom Fischfang vor der 1300 Kilometer langen Küste am Indischen Ozean sowie der Zucht von Kamelen, Schafen und Ziegen.

Gemessen an somalischen Verhältnissen galt die Region bisher als stabil, nach Selbstmordanschlägen auf Regierungsgebäude im Oktober wird aber befürchtet, islamistische Terroristen könnten auch im Puntland Fuß fassen. Inzwischen herrscht auch hier weitgehende Gesetzlosigkeit. Kriminelle Banden verdienten viel Geld mit dem Schmuggel von Flüchtlingen aus Somalia und Äthiopien auf die arabische Halbinsel. Dazu kommen Piratenüberfälle. Die Machthaber von Puntland wurden wiederholt beschuldigt, die Piraten zu unterstützen und einen Teil des Lösegeldes für Schiffe und Besatzungsmitglieder selbst zu kassieren.
Stützpunkte
Das berüchtigtste Piratennest ist Eyl. Gegenwärtig haben Piraten laut Amnesty International nahe der Küstenstadt mehr als 130 Menschen als Geiseln genommen. Insgesamt befinden sich in der Region noch knapp 250 Seeleute und Dutzende Schiffe in der Gewalt der Piraten. Verhandlungen über Lösegeld laufen vielfach.
Lukratives Geschäft
Piraterie in somalischen Gewässern hat sich in den vergangenen Jahren zu einem lukrativen Geschäftszweig ausgeweitet: Erfolgreiche Entführungen bringen nach Schätzungen des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung Lösegelder in Höhe von einer bis fünf Millionen US-Dollar. Der fast 20 Jahren tobende Bürgerkrieg und die damit einhergehende Verarmung und Militarisierung Somalias haben den Angriffen den Nährboden bereitet.
Zunehmende Entführungen
Somalischen Piraten gelingt es immer häufiger, Schiffe in ihre Gewalt zu bringen. Einem Anfang November veröffentlichten Uno-Bericht zufolge wurden trotz des Einsatzes der internationalen Flotte vor der Küste Somalias in den ersten neun Monaten 2011 37 Schiffe gekapert - im Vorjahreszeitraum waren es noch 33.

Es sei "erschreckend", dass die Piraten mittlerweile 438 Besatzungsmitglieder und Passagiere sowie 20 Schiffe in ihrer Gewalt hätten, sagte der Uno-Untergeneralsekretär B. Lynn Pascoe. Es müsse mehr getan werden, um die Ursachen von Raubüberfälle und Entführungen zu beseitigen.

Doch noch ist von einer Lösung keine Spur, im Gegenteil: Die Angriffe werden brutaler. Am 7. November 2011 erschossen somalische Piraten einen Mann, der die von ihnen gekaperte Yacht nicht verlassen wollte. Die anderen Geiseln - darunter eine Frau und ein Junge - wurden Augenzeugen zufolge an Land gebracht. Bislang kam die Tötung von Geiseln selten vor.
Folgen für Reedereien
Die zunehmenden Angriffe haben die Einfahrt ins Rote Meer bereits so unsicher gemacht, dass erste Reedereien Schiffe nicht mehr von dort durch den Suez-Kanal, sondern auf die weit längere Route um das Kap der Guten Hoffnung schicken. So sollen extrem hohe Versicherungsprämien wegen des Piraten-Risikos oder Kosten für eigene Sicherheitsmannschaften an Bord vermieden werden.

Britische Reedereien und Versicherer haben die Idee einer Privatarmee erneut in die öffentliche Diskussion gebracht.
Anti-Piraten-Missionen
Internationale Streitkräfte versuchen im Rahmen der NATO-Mission "Ocean Shield" und der EU-Mission "Atalanta", die Piraterie zu bekämpfen. Doch während die Kriegsschiffe im besonders gefährdeten Golf von Aden zwischen Somalia und Jemen patrouillieren, haben die Seeräuber ihren Aktionsradius zunehmend auf den Indischen Ozean verlagert. Manchmal gelingen allerdings auch Erfolge: Im April 2010 konnte die niederländische Fregatte "Tromp" den deutschen Frachter "Taipan" aus der Hand von Piraten befreien.



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