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21. April 2009, 11:26 Uhr

Somalia

Piraten verschmähen Euro als Lösegeld

Vor der Küste Somalias weiten Piraten ihr Einsatzgebiet aus, in dem riesigen Seegebiet droht ihnen kaum Gefahr. Bei rund 130 Geiselnahmen durch die Seeräuber hat Ex-FBI-Agent Jack Cloonan die Lösegeldverhandlungen geführt. Im SPIEGEL-Interview erklärt er ihre Taktik.

SPIEGEL: Mr. Cloonan, wie übergibt man Lösegeld an Piraten? Mit schnellen Motorbooten?

Jack Cloonan: Die Übergabe ist tatsächlich ein besonders heikler Moment des Prozesses. Wenn man sich in den Verhandlungen geeinigt hat, muss man das Lösegeld auch liefern. Eine zeitlang haben wir in Mombasa Schlepper gechartert, aber nachdem jetzt neulich ein Schlepper gekapert worden ist, fordern einige der Kapitäne für eine solche Mission inzwischen mehr Geld, als die Piraten an Lösegeld verlangen. Man fährt also zu einer vorher vereinbarten Position und wartet. Wenn die Kidnapper in Sicht sind, bringt ein Kurier das Geld zu den Piraten. Das ist ein übler Moment - die Kidnapper sind alle bis an die Zähne bewaffnet, und der Kurier sitzt da in seinem kleinen Schlauchboot. Und dann hoffst du, dass sich die Piraten jetzt auch richtig verhalten.

SPIEGEL: Könnte man das Geld nicht auf andere Weise übergeben?

Cloonan: Theoretisch besteht auch die Möglichkeit, das Lösegeld im Tiefflug an einem Fallschirm abzuwerfen. Wir haben die Technologie zwar, aber sie kam so noch nicht zum Einsatz. Eine Million in Scheinen wiegt übrigens etwa 14 Kilogramm, und es ist nicht so leicht, so viel Bargeld durch Afrika zu bewegen. Es wäre nett, wenn die Überweisungen akzeptieren würden. Aber das tun sie nicht.

SPIEGEL: In welcher Währung müssen Sie zahlen?

Cloonan: Oh, nur in Dollars, Euro nehmen sie in unserem Fall nicht. Und es lohnt sich in Somalia übrigens nicht, die Geldscheine zu markieren.

SPIEGEL: Wir erreichen Sie die Piraten - per Satellitentelefon?

Cloonan: Wir haben bis jetzt immer die Kommunikationstechnik der Schiffe genutzt, was die Piraten gerne zu ihrem Vorteil nutzen. Sie können so mit den Reedern in Verbindung treten oder die Geiseln mit ihren Familien sprechen lassen. Manchmal konfiszieren sie auch die Satellitentelefon an Bord, um ihre eigene Familie anzurufen. Sie feuern auch schon mal während des Telefonats einen Schuss ab und erzählen, sie hätten gerade einen erschossen. Das macht Druck auf die Reederei.

SPIEGEL: Wie verständigt man sich?

Cloonan: Die Sprache ist manchmal ein Problem, nicht immer findet sich jemand unter den Kidnappern, der Englisch spricht, aber häufig kann dann jemand aus der Crew aushelfen und dolmetschen. Übrigens sind die vielen verschiedenen Sprachen an Bord ein Vorteil für uns, weil die Wahrscheinlichkeit, dass die Piraten etwa Japanisch oder Ukrainisch sprechen, sehr gering ist ...

SPIEGEL: ... und dann gelingt es Ihnen, heimlich Botschaften unterzubringen?

Cloonan: Ganz genau.

SPIEGEL: Und die Piraten schöpfen keinen Verdacht?

Cloonan: Nach einer Weile schon, aber es ist dann mein Job, dass wir in Kontakt bleiben und die Gespräche weiterlaufen. Tage ohne Verbindung zu den Geiselnehmern - das will man nicht. Passiert uns natürlich oft genug, dass wir da anrufen - und keiner antwortet. Für unsere Klienten ist das immer eine schlechte Nachricht, weil man dann nicht weiß, was die Typen vorhaben. Wollen sie das Schiff auf den Strand setzen? Gibt es einen wirtschaftlichen Totalschaden? Oder noch eine Umweltkatastrophe dazu? Besteht Gefahr, dass sie die Geiseln töten? Reeder haben eine Riesenangst, dass sie später verklagt werden.

SPIEGEL: Sie müssen mit juristischen Konsequenzen rechnen?

Cloonan: Ja, erst das Kidnapping - und dann werden sie nachher auch noch verklagt. Da kann man erfolgreich verhandelt und das Lösegeld bezahlt haben - und dann gehen die Seeleute hin und verklagen ihren Reeder: Dass er keine ausreichenden Vorsichtsmaßnahmen ergriffen hat, dass er seine Leute unnötig gefährdet hat, dass er das Schiff besser hätte schützen müssen, dass er die Verhandlungen in die Länge gezogen hat.

"Die Piraten können fast ohne Gefahr operieren"

SPIEGEL: Aus Ihrer Erfahrung - was sind die Piraten für Leute? Einfache Kriminelle?

Cloonan: Sie sind jedenfalls nicht dumm. Sie wissen, dass sie ein erfolgreiches Geschäftsmodell haben. Und sie wissen natürlich auch, dass sie in einem riesigen Seegebiet fast ohne Gefahr operieren und sich ihre Beute nach Belieben aussuchen können. Außerdem passen sie ihre Strategie schnell an: Seit sie mitbekommen haben, dass die Experten vom International Maritime Bureau (IMB) den Kapitänen rät, 200 Meilen vor der Küste zu bleiben, fahren die Piraten eben weiter raus. Wenn die Schiffe erst einmal in ihre Reichweite geraten, ist es für die Piraten ein Leichtes, sie zu kapern. Sie sind effektiv, dass muss man sagen. Mit der Pistole zu ballern und so tun, als hätten sie jemanden erschossen - das ist ziemlich effektiv. Oder die Drohung, ein Schiff auf den Strand zu setzen - auch effektiv. Die entführten Schiffe in Sichtweite ankern zu lassen - sehr intelligent. Manche sind wirklich sehr kreativ.

SPIEGEL: Können Sie etwas über die Hierarchie innerhalb der Piratenverbände sagen?

Cloonan: Wenn sie an Bord kommen, sieht man ziemlich schnell, wer das Kommando hat. Aber die Person des Sprechers wird häufig ausgetauscht. Zwei Tage lang hat man mit Ahmed zu tun, dann ist er frustriert und ein Kumpan übernimmt. Erst wenn die Verhandlungen an den entscheidenden Punkt gelangt sind, tritt der eigentliche Entscheider auf den Plan. Ich sage immer, es ist wie beim Gebrauchtwagenkauf in den Staaten. Man verhandelt mit einem Verkäufer - und irgendwann sagt er: "Alright, jetzt muss ich erst mit meinem Manager sprechen." Wir gehen jedenfalls davon aus, dass es eine feste Organisationsstruktur gibt, und wenn wir merken, dass wir nicht vorankommen, fragen wir nach dem Mann, der die Entscheidungen fällt. Manchmal ist er an Land, manchmal an Bord.

SPIEGEL: Der Chef der Piraten-AG ...

Cloonan: Das ist eine richtige Piraten-AG, genau. Organisiertes Verbrechen zur See. Diese Gangster sind eben im lukrativen Kaper-Geschäft. Sie haben eine erkennbare Kommandostruktur, nicht wie beim deutschen oder amerikanischen Militär, aber doch mit einer klaren Befehlskette. Und Empfängern am Ende der Nahrungskette. Leute müssen bezahlt und belohnt werden.

SPIEGEL: Wo kommen die Piraten her - sind es ehemalige Fischer?

Cloonan: Am Freitag sind sie Fischer, am Wochenende dann Piraten, und am Montag wieder Fischer - so erklären wir uns das. Aber wenn man vor der Frage steht, wie man seine Existenz rettet, und es keine andere Alternative gibt, dann mag Piraterie eine Möglichkeit sein. Ich denke, das ist absolut verständlich.

SPIEGEL: Mit welchen Konsequenzen muss man nach der gewaltsamen Geiselbefreiung durch die Amerikaner rechnen?

Cloonan: Vorher haben wir nicht einmal das Wort "Rache" gehört, jetzt schwören die Piraten Vergeltung. Ich frage mich, ob US-Bürger in künftigen Entführungsfällen mit einer schlechteren Behandlung rechnen müssen als Geiseln anderer Nationen.

SPIEGEL: Stellen die Piraten manchmal seltsame Forderungen?

Cloonan: Die stellen wir selber, wenn wir darauf bestehen, ein Schiff mit Lebensmitteln zu beliefern. Wenn die Vorräte knapp werden und die Geiseln nur noch eine Mahlzeit pro Tag bekommen, können die Piraten diesen Umstand nutzen, um die Spannung zu verschärfen. Manchmal sagen sie auch: "Das Schiff treibt führerlos, wir haben keinen Treibstoff mehr."

SPIEGEL: Und das funktioniert?

Cloonan: Die Reeder haben eine recht genaue Vorstellung davon, wie viel noch an Bord ist. Sie wissen, wann zuletzt Treibstoff gebunkert wurde, wie lange die Maschine lief, wann sie gestoppt wurde, wie viel noch in den Tanks ist. Der Trick funktioniert also nicht. Und häufig können wir ja in einer Sprache, die sie nicht verstehen, mit den Kapitänen reden, und die geben uns eine ungefähre Lagebeschreibung, etwa so: "Es sind zwölf Piraten. Sie haben Sturmgewehre, sie haben Maschinengewehre. Und ja, wir können uns bewegen. Sie stehen hier, sie stehen dort."

SPIEGEL: Was lässt sich über das Selbstverständnis der Piraten sagen?

Cloonan: Angesichts der Tatsache, dass sie sich mit Amerika und den Nationen Westeuropas anlegen, finden sie sich sehr erfolgreich. Sie denken, dass sie ein Leben in Elend geführt haben - und dass sie jetzt zu Helden geworden sind.

SPIEGEL: Was machen sie mit der Beute?

Cloonan: Es gibt tatsächlich Berichte, dass sie in Immobilien investieren. Wenn man sich ihre Städte ansieht, dann fallen einem diese ungewöhnlich großen Villen auf - und wir wissen, dass mancher Dollar aus Lösegeldern stammt.

SPIEGEL: Wie lassen sich die Piraten besiegen?

Cloonan: Ich denke, man muss zweierlei tun: Zum einen müssen sich die Reedereien überlegen, ob sie nicht besser auf Routen fahren, die diese Region komplett umgehen. Und dann muss man wirklich Gegenmaßnahmen ergreifen. Die Schiffe in diesem Seegebiet brauchen eine Eskorte. Das funktioniert zwar schon ganz gut, aber es gibt immer noch Ausnahmen - und die schnappen sich die Piraten. Schiffe, die allein fahren, die nachts mit Beleuchtung fahren, die sich nicht an die Empfehlungen des IMB halten. Das mindeste, was sie brauchen, sind Abwehrmechanismen, die ohne Waffen auskommen. Und sie müssen sich anderweitig Begleitschutz anheuern, denn die internationale Anti-Piraten-Koalition kann das nicht alles leisten. Solange die Reeder nicht einsehen, dass sie sich nicht allein auf das Militär verlassen können, werden wir solche Episoden immer wieder erleben.

Das Interview führte John Goetz, Übersetzung: Olaf Kanter

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