Somalia Piraten verschmähen Euro als Lösegeld

Vor der Küste Somalias weiten Piraten ihr Einsatzgebiet aus, in dem riesigen Seegebiet droht ihnen kaum Gefahr. Bei rund 130 Geiselnahmen durch die Seeräuber hat Ex-FBI-Agent Jack Cloonan die Lösegeldverhandlungen geführt. Im SPIEGEL-Interview erklärt er ihre Taktik.


SPIEGEL: Mr. Cloonan, wie übergibt man Lösegeld an Piraten? Mit schnellen Motorbooten?

Jack Cloonan: Die Übergabe ist tatsächlich ein besonders heikler Moment des Prozesses. Wenn man sich in den Verhandlungen geeinigt hat, muss man das Lösegeld auch liefern. Eine zeitlang haben wir in Mombasa Schlepper gechartert, aber nachdem jetzt neulich ein Schlepper gekapert worden ist, fordern einige der Kapitäne für eine solche Mission inzwischen mehr Geld, als die Piraten an Lösegeld verlangen. Man fährt also zu einer vorher vereinbarten Position und wartet. Wenn die Kidnapper in Sicht sind, bringt ein Kurier das Geld zu den Piraten. Das ist ein übler Moment - die Kidnapper sind alle bis an die Zähne bewaffnet, und der Kurier sitzt da in seinem kleinen Schlauchboot. Und dann hoffst du, dass sich die Piraten jetzt auch richtig verhalten.

SPIEGEL: Könnte man das Geld nicht auf andere Weise übergeben?

Cloonan: Theoretisch besteht auch die Möglichkeit, das Lösegeld im Tiefflug an einem Fallschirm abzuwerfen. Wir haben die Technologie zwar, aber sie kam so noch nicht zum Einsatz. Eine Million in Scheinen wiegt übrigens etwa 14 Kilogramm, und es ist nicht so leicht, so viel Bargeld durch Afrika zu bewegen. Es wäre nett, wenn die Überweisungen akzeptieren würden. Aber das tun sie nicht.

SPIEGEL: In welcher Währung müssen Sie zahlen?

Cloonan: Oh, nur in Dollars, Euro nehmen sie in unserem Fall nicht. Und es lohnt sich in Somalia übrigens nicht, die Geldscheine zu markieren.

SPIEGEL: Wir erreichen Sie die Piraten - per Satellitentelefon?

Cloonan: Wir haben bis jetzt immer die Kommunikationstechnik der Schiffe genutzt, was die Piraten gerne zu ihrem Vorteil nutzen. Sie können so mit den Reedern in Verbindung treten oder die Geiseln mit ihren Familien sprechen lassen. Manchmal konfiszieren sie auch die Satellitentelefon an Bord, um ihre eigene Familie anzurufen. Sie feuern auch schon mal während des Telefonats einen Schuss ab und erzählen, sie hätten gerade einen erschossen. Das macht Druck auf die Reederei.

SPIEGEL: Wie verständigt man sich?

Cloonan: Die Sprache ist manchmal ein Problem, nicht immer findet sich jemand unter den Kidnappern, der Englisch spricht, aber häufig kann dann jemand aus der Crew aushelfen und dolmetschen. Übrigens sind die vielen verschiedenen Sprachen an Bord ein Vorteil für uns, weil die Wahrscheinlichkeit, dass die Piraten etwa Japanisch oder Ukrainisch sprechen, sehr gering ist ...

SPIEGEL: ... und dann gelingt es Ihnen, heimlich Botschaften unterzubringen?

Cloonan: Ganz genau.

SPIEGEL: Und die Piraten schöpfen keinen Verdacht?

Cloonan: Nach einer Weile schon, aber es ist dann mein Job, dass wir in Kontakt bleiben und die Gespräche weiterlaufen. Tage ohne Verbindung zu den Geiselnehmern - das will man nicht. Passiert uns natürlich oft genug, dass wir da anrufen - und keiner antwortet. Für unsere Klienten ist das immer eine schlechte Nachricht, weil man dann nicht weiß, was die Typen vorhaben. Wollen sie das Schiff auf den Strand setzen? Gibt es einen wirtschaftlichen Totalschaden? Oder noch eine Umweltkatastrophe dazu? Besteht Gefahr, dass sie die Geiseln töten? Reeder haben eine Riesenangst, dass sie später verklagt werden.

SPIEGEL: Sie müssen mit juristischen Konsequenzen rechnen?

Cloonan: Ja, erst das Kidnapping - und dann werden sie nachher auch noch verklagt. Da kann man erfolgreich verhandelt und das Lösegeld bezahlt haben - und dann gehen die Seeleute hin und verklagen ihren Reeder: Dass er keine ausreichenden Vorsichtsmaßnahmen ergriffen hat, dass er seine Leute unnötig gefährdet hat, dass er das Schiff besser hätte schützen müssen, dass er die Verhandlungen in die Länge gezogen hat.



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