Franco-Diktatur in Spanien "Gestohlenes Baby" findet als 50-Jährige leibliche Familie

Tausende Babys sollen unter der Franco-Diktatur entführt und zur Adoption freigegeben worden sein. Die Vorkämpferin der "gestohlenen Babys" hat nun herausgefunden, dass ihr Fall etwas anders gelagert ist.

Ines Madrigal hat ihre leiblichen Brüder kennengelernt.
Sergio Perez/ REUTERS

Ines Madrigal hat ihre leiblichen Brüder kennengelernt.


Die Spanierin Inés Madrigal hat durch einen DNA-Test ihre biologische Familie wiedergefunden. Sie war von einem Gericht 2018 als "gestohlenes Baby" anerkannt worden. Dass sie nun wisse, wer ihre leiblichen Eltern und Geschwister seien, sei "die beste Nachricht, die jemand in meiner Situation bekommen kann", sagte Madrigal.

Allerdings gab sie auch bekannt, dass ihre Mutter sie freiwillig zur Adoption freigegeben habe. Das hätten ihre Brüder ihr erzählt. Die Staatsanwaltschaft in Madrid teilte mit, angesichts der neuen Wendung in dem Fall gehe man nicht mehr davon aus, dass Madrigal gestohlen wurde. Legal lief die Adoption dennoch nicht ab.

Historiker und Menschenrechtsaktivisten vermuten, dass unter der spanischen Diktatur von General Francisco Franco Zehntausende Babys ihren leiblichen Eltern gestohlen wurden. Dies geschah meist gleich nach der Geburt. Den Müttern wurde häufig erzählt, ihre Kinder seien nach der Geburt gestorben. In Wahrheit wurden sie danach zur Adoption freigegeben. Viele lernen ihre biologischen Familien nie kennen.

Ein Schicksal, das Madrigal teilte. Ihre Mutter sei zwar bereits 2013 gestorben, allerdings habe sie noch vier Brüder, sagte Madrigal. Diese habe sie inzwischen getroffen, es seien "wunderbare Menschen". Zum ersten Mal wisse sie, wer sie sei und woher sie komme. Das Rätsel ihres Lebens sei gelöst. Einzelheiten zu ihrer Familie nannte Madrigal nicht, um deren Privatsphäre zu schützen.

Madrigal hatte durch eine Klage im vergangenen Jahr ein historisches erstes Urteil in diesem Zusammenhang erwirkt. Die Richter sprachen den 85-jährigen Frauenarzt, der sie 1969 nach ihrer Geburt ihrer Mutter wegnahm, schuldig. Weil die Vorwürfe nach spanischem Recht aber verjährt waren, wurde der Arzt nicht verurteilt.

Dem Arzt macht Madrigal weiterhin schwere Vorwürfe. Er habe ihre Geburt nicht ordnungsgemäß registriert. "Er hat mich wie einen Hundewelpen behandelt. Dieser Staat wusste nie, dass ich existiere." Sie wisse nicht, ob ihre leibliche Mutter jemals versucht habe, die Adoption rückgängig zu machen, sagte sie "El País" zufolge. Selbst wenn sie es gewollt hätte, hätte sie es nicht gekonnt. Eigentlich hätte ihre leibliche Mutter sechs Monate Zeit gehabt, ihre Entscheidung zu ändern. Der Arzt hatte jedoch Madrigals Adoptivmutter als leibliche Mutter eingetragen - obwohl diese keine Kinder bekommen konnte.

Ihre Brüder hätten für sie nun "ihre Arme und ihre Herzen geöffnet". Zunächst sei durch den DNA-Test einer Firma aus den USA ein entfernter Cousin identifiziert worden, sagte Madrigal. Eine spanische Datenbank, die bei der Suche nach verschwundenen Kindern helfen soll, habe nicht funktioniert. So seien dort sowohl ihr DNA-Profil als auch das eines Bruders gespeichert gewesen, das Verwandtschaftsverhältnis sei auf der Plattform aber nicht aufgefallen. Madrigal bezeichnete die Fehlfunktion als "dramatisch".

Sie selbst hatte 1987, als 18-Jährige, erfahren, dass sie adoptiert wurde. Der Verdacht, dass sie ein "gestohlenes Baby" sein könnte, kam Madrigal 2010.

Die Praxis des Babyraubs traf nach dem Spanischen Bürgerkrieg von 1936 bis 1939 zunächst vor allem regierungskritische Eltern. Später waren auch uneheliche Kinder und Kinder von armen Eltern betroffen. Die Familien, welche die Kinder bekamen, waren meist regimetreu sowie konservativ und katholisch.

Selbst nach Francos Tod 1975 und dem Übergang zur Demokratie wurde der Diebstahl von Babys noch bis mindestens 1987 fortgesetzt. Mehr als 2000 Fälle wurden zur Anzeige gebracht, die meisten aber wegen Verjährung eingestellt.

Anmerkung: Wir haben nachträglich den Aspekt ergänzt, dass Inés Madrigal offenbar freiwillig zur Adoption freigegeben wurde, die Adoption aber dennoch nicht legal ablief.

fek/bbr/AFP/AP

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