Spanien Naturschützer gegen Open-Air-Bordell

Umweltschützer und Opposition sind empört: Aus einem beliebten Park in Madrid ist das größte Freiluft-Bordell Spaniens geworden.


Prostituierte sorgen zurzeit in Madrid für Ärger
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Prostituierte sorgen zurzeit in Madrid für Ärger

Madrid - Bis vor wenigen Jahren gehörte Madrids größter Park "Casa de Campo" ganz den Familien und Ausflüglern. Eltern nehmen hier sonntags mit ihren Kindern zwischen Büschen und Bäumen ein Picknick ein oder paddeln mit Booten auf einem künstlichen See. Diese Idylle ist nun gestört. In dem 1700 Hektar großen Areal erlebte die Prostitution in letzter Zeit einen solchen Boom, dass der Park - vor allem in den Nachtstunden - zum größten Freiluft-Bordell Spaniens wurde.

Die Zahl der Liebesdienerinnen, die an den Durchfahrtsstraßen des einstigen Jagdreviers der spanischen Könige auf den Strich gehen, verdoppelte sich innerhalb eines Jahres von 400 auf 800. Je mehr in der "grünen Lunge" der Hauptstadt die Prostitution blüht, desto lauter werden auch die Proteste. Zuerst beklagten sich Eltern darüber, dass ihre Kinder beim Sonntagsausflug halbnackte Frauen am Straßenrand sahen, Kondome auf den Spazierwegen finden und peinliche Fragen stellten. Bei Kindern und Jugendlichen ist die Casa de Campo beliebt, weil sich auf dem Gelände der Zoologische Garten und der Vergnügungspark befinden.

Nach den Eltern laufen nun auch die Umweltschützer Sturm gegen das Freiluft-Bordell. Sie meinen, dass die Freier mit ihren Autos zu einer Umweltgefahr für den Park geworden seien. Pro Tag fahren 35.000 Wagen durch die Casa de Campo. Man schätzt, dass fast ein Drittel der Fahrer nach Prostituierten sucht. Manche Freier mit Geländewagen biegen, wenn sie eine Liebesdienerin gefunden haben, von der Straße ab und suchen in den Grünanlagen einen stillen Halteplatz. Besonders in Mitleidenschaft gezogen ist ein Eichenwald, für dessen Aufforstung die Stadt erst kürzlich 3,7 Millionen Mark ausgegeben hatte. Von den jungen Pflanzen blieb kaum etwas übrig, nur einige 150 Jahre alte Bäume erwiesen sich als unverwüstlich.

Die Lage spitzte sich durch eine neue "Mode" noch weiter zu. Pfiffige Unternehmer bieten Gruppen von Junggesellen nächtliche Ausflugsfahrten mit Bussen in die Casa de Campo an. Der Bus wird irgendwo abgestellt, an Bord wird kräftig gefeiert, und wer Lust hat, kann aussteigen und sich ein Mädchen "angeln". In diesem Sommer gingen auch einige Liebesdienerinnen dazu über, nach der "Arbeit" nicht nach Hause zu fahren, sondern den Rest der Nacht im Park unter freiem Himmel zu campen.

Die Folge: Je mehr Freier und Prostituierte es in den Park drängt, desto größer werden dort die Müllberge. Kondome, Taschentücher und Essensreste werden achtlos in Büsche geworfen. Die Reinigungsdienste kommen nicht mehr nach. Im vorigen Jahr versuchten die Behörden, das Geschäft mit der käuflichen Liebe in eine ferne Ecke des Parks abzudrängen. Sie scheiterten aber am Widerstand der Prostituierten.

Dann glaubte Polizei-Stadträtin Maria Tardón, eine Lösung gefunden zu haben: Die Eltern, die mit ihren Kindern obszöne Szenen am Wegesrand beobachteten, sollten die Prostituierten wegen "Exhibitionismus vor Minderjährigen" verklagen. Aber Madrids oberster Staatsanwalt Mariano Fernandez Bermejo belehrte die konservative Politikerin. Die Frauen könnten wegen ihres halbnackten Auftretens nicht belangt werden. Sie trügen lediglich ihre "Arbeitskleidung", meinte der Jurist.

Die Umweltschützer und die Opposition der Sozialisten fordern nun eine Radikallösung. Der gesamte Park der Casa de Campo solle für den Autoverkehr gesperrt werden. Dagegen sträubt sich aber die regierende Volkspartei. "Es ist absurd zu glauben, man könnte auf diese Weise das Problem der Prostitution beseitigen", meinte die stellvertretende Bürgermeisterin Adriana García Loygorri. "Damit würde man allenfalls erreichen, dass der Straßenstrich sich in einen anderen Stadtteil verlagert."



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