In Spanien vermisster Zweijähriger "Wir haben immer noch Hoffnung, dass er lebt"

Mehr als 72 Stunden sind vergangen, seit José Rosellós Sohn in ein tiefes Bohrloch gerutscht sein soll. Die Helfer wollen sich über zwei neue Tunnel dem Zweijährigen nähern. Doch niemand weiß, wie es dem Jungen geht.

Alvaro Cabrera/ EPA-EFE/ REX

Aus Totalán berichtet


Zwischen Palmen und grünen Hügeln auf einem kleinen Parkplatz in Totalán, etwa 15 Kilometer von der Küstenstadt Málaga entfernt, spricht José Roselló in die Mikrofone. "Wir haben immer noch Hoffnung, dass er lebt", sagt er ganz leise.

Am vergangenen Sonntag soll Rosellós Sohn Julen auf einer Finca, nur wenige Kilometer von dem Parkplatz entfernt, in einen 110 Meter tiefen Brunnenschacht gefallen sein. Die Familie habe dort den Tag mit Freunden verbracht, die Kinder hätten auf der Wiese gespielt, ganz in der Nähe der Erwachsenen, die gerade eine Paella kochten. Sowohl Roselló als auch seine Frau Victoria María García hätten gesehen, wie der Zweijährige in das Loch gefallen sei. Erst hätten sie ihn noch weinen gehört, dann sei es still gewesen.

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Spanien: Dramatische Suche nach Zweijährigem in Bohrloch

Mehr als hundert Helfer von der Feuerwehr, der Polizei, des Zivilschutzes, von Universitäten und in- und ausländischen Unternehmen arbeiten seither an Julens Rettung. Über 60 Unternehmen aus der ganzen Welt sollen ihre Hilfe angeboten haben, berichtet die Polizei. Seit mehr als drei Tagen versuchen sie, zu dem Kind zu gelangen, das in etwa 80 Metern Tiefe vermutet wird. Bisher ohne Erfolg.

Roselló bedankt sich für die Anteilnahme, für den Einsatz der Rettungskräfte, für die Berichterstattung der Medien. Mit geschwollen Augen schaut er zu Boden, er schafft es kaum, den Blick zu heben, wenn er die Fragen der Journalisten beantwortet. Wie die letzten 72 Stunden sich für ihn angefühlt haben? "Unendlich", sagt er. "Meine Frau ist am Ende, wir sind am Ende. Aber wir haben Hoffnung."

Hügelige Landschaft erschwert die Suche

Es ist nicht das erste Mal, dass José Roselló um das Leben eines seiner Kinder bangt. Im Mai 2017 starb Julens älterer Bruder Oliver, als er drei Jahre alt war - bei einem Strandspaziergang, an Herzversagen. "Wir haben einen Engel, der uns dabei helfen wird, dass mein Sohn lebend und so schnell wie möglich dort rauskommt", sagt der Vater. "Und wir wissen, dass alles Mögliche getan wird."

Polizisten in gelben Westen kontrollieren die Straßen rund um die Unfallstelle. Sie dirigieren die großen, orangenen Lastwagen und Bagger durch die Serpentinen. Schaulustige gibt es wenige, denn es gibt nichts zu sehen: Die Straße zu der Finca ist abgesperrt, gebohrt und gegraben wird im Schutz eines Hügels. Nur von der anderen Seite des Berges und mit einem passenden Objektiv ließe sich ein Blick auf den Einsatz erhaschen.

Zwei Tunnel werden derzeit gegraben, ein Versuch, den Jungen von verschiedenen Richtungen zu erreichen. Die hügelige Landschaft und die Enge des Lochs verkomplizieren die Lage. Spanische Medien berichten, dass es für das Graben des Brunnenschachtes, in den Julen gefallen sein soll, keine Genehmigung gegeben habe. Warum das Loch überhaupt offen stand, ist noch unklar.

Erste Falschmeldung kursierte bereits

Einer der Helfer - ein Mann, der nach eigenen Angaben in einem lokalen Unternehmen arbeitet und sich bereits am Sonntag freiwillig gemeldet hat - sagt Journalisten, der Rettungseinsatz sei hochprofessionell organisiert. "Seit drei Tagen arbeiten die Helfer dort ohne Pause", erzählt er. "Viele von ihnen sind selbst Eltern. Keiner geht nach Hause, um sich auszuruhen. Wir nehmen sehr persönlich, was dort oben passiert."

Trotzdem ist noch vieles unklar. Experten spekulieren, ob es realistisch sei, dass der Zweijährige nach 72 Stunden in einer solchen Tiefe überhaupt noch genug Sauerstoff habe. Und wie mag er den Sturz überstanden haben? Die erste Falschmeldung, Julen sei gefunden worden, kursierte bereits.

Am Dienstagabend gingen die Rettungskräfte davon aus, dass Julen innerhalb von 24 bis 48 Stunden frei sein werde. Ángel Vidal, einer der Ingenieure im Einsatz, sagte dagegen der Zeitung "El País", man wisse nicht, auf was für Material man bei den Bohrungen treffen werde. Das mache es schwierig, genaue Vorhersagen über den weiteren Verlauf zu treffen.

Was ihm in diesen Stunden Kraft gebe, wird Vater José Roselló auf dem Parkplatz gefragt. "Dass wir nicht aufhören werden, bis wir meinen Sohn gefunden haben."



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