Spektakuläre Airbus-Notlandung New York feiert das Hudson-Wunder

Ein Knall, ein Ruck, dann der Anflug auf den Hudson River: Bei der spektakulären Notwasserung eines Airbus A320 in New York konnten alle 155 Menschen an Bord gerettet werden. Die katastrophenerprobte Stadt preist nun ihre neuen Helden - und sich selbst.

New York - Mit dem Golfen wird es vorerst nichts für Jeff Kolodjay. Der 31-Jährige aus Connecticut wollte nach Myrtle Beach, ein Golferparadies in South Carolina. Doch wenige Minuten, nachdem sein Flug vom New Yorker LaGuardia Stadtflughafen gestartet war, fand er sich auf den eisigen Wassern der Hudson Rivers vor Manhattan wieder - knapp dem Tod entronnen.

"Es gab einen lauten Knall", berichtet Kolodjay. "Alles, was der Pilot sagte, war: 'Machen Sie sich auf einen Aufschlag gefasst.' Dann füllte sich das Flugzeug wirklich schnell mit Wasser." Nur in einem schwarzen T-Shirt steht Kolodjay am Pier 79 in Midtown Manhattan, umringt von Schaulustigen, Reportern und Sanitätern. Es ist minus 8 Grad kalt. Ein steifer Eiswind weht. Kolodjays nasse Hosenbeine sind steif gefroren.

Trotzdem sieht man ihm nicht an, was er und die anderen Passagiere des Flugs 1549 von US Airways gerade mitgemacht haben. "Das war Gottes Gnade. Hut ab vor dem Piloten." Wie er sich fühle? Er grinst. "Phantastisch, Mann!"

New Yorker sind einiges gewohnt, doch so was haben sie hier noch nie erlebt. Flug 1549 - Zielort Charlotte, North Carolina - hält sich am Donnerstag nur knapp sieben Minuten in der Luft, kurz nach dem Start ist der rund 80 Tonnen schwere Airbus A320 wohl in einen Gänseschwarm geraten.

Nach drei Minuten funkt Pilot Chesley Sullenberger (genannt "Sully") SOS: Seine Maschine habe "doppelten Vogelschlag" erlitten, er müsse notlanden. Der Düsenjet macht über dem Vorort Yonkers eine scharfe Linkskurve, beginnt schnell, an Höhe zu verlieren. Dann landet er, wie in Zeitlupe, im Hudson River. Tausende Menschen am Ufer und in den nahen Wohn- und Bürotürmen werden Augenzeugen.

Sofort umringen ein Dutzend Rettungsschiffe, Sportboote und Pendlerfähren das treibende, langsam sinkende, doch intakte Wrack. Passagiere krabbeln auf Tragflächen, stehen bis zum Knie im eiskalten Wasser.

Nach Stunden kommt die erlösende Nachricht: Alle 155 Insassen sind mit dem Schrecken davongekommen - dank der Crew und des schnellen Einsatzes der Notdienste und Fährschiffer, ohne deren Hilfe den Airbus-Insassen der Erfrierungstod gedroht hätte. Der Hudson River ist an der Unglücksstelle rund 2000 Meter breit, in dem eiskalten Gewässer hätte wohl niemand diese Strecke bewältigen können.

Einer der großartigsten Tage in der Geschichte

New Yorks Gouverneur David Paterson, der die Passagiere persönlich am Pier begrüßt, jubelt: "Wir haben hier ein Wunder auf dem Hudson." Das ist eine Anspielung auf den Kinoklassiker "Das Wunder von Manhattan", der Mitmenschlichkeit und Selbstlosigkeit preist - Eigenschaften, die sich hinter der rüden Art verbergen, die man New Yorkern zumeist nachsagt.

Und so ist diese Beinahe-Tragödie mehr als eine Geschichte vom Heldentum des Piloten, der einen flugunfähigen Koloss schadlos notwasserte. Es ist die Geschichte der New Yorker, die, wenn Not am Mann ist, nicht zweimal nachdenken, sondern handeln, helfen, sofort. Eine Tugend, die sich auch am 11. September 2001 offenbarte.

"Dies könnte einer der großartigsten Tage in der Geschichte der New Yorker Dienste sein", sagt Paterson. Einer der Passagiere - ein pensionierter Polizist aus North Carolina - habe ihm gesagt, "dass er oft an solchen Rettungsaktionen beteiligt gewesen sei, so etwas Großartiges aber nie erlebt habe".

Bürgermeister Michael Bloomberg, der in einem schweren, schwarzen Wintermantel an den Pier geeilt ist, hat schon mit seinem Amtskollegen in Charlotte telefoniert, dem Mann versprochen, ihm beim nächsten Besuch einen auszugeben: "Ich habe versichert, dass dies normalerweise nicht die Art und Weise ist, wie die Leute in New York City ankommen." Erleichtertes Lachen geht durch die Runde.

"Doppelter Vogelschlag", dann die Notlandung

Das Drama begann harmlos: Flug 1549 hebt um 15.03 Uhr Ortszeit ab, mit etwa 20 Minuten Verspätung, von Startbahn 4 in LaGuardia - New Yorks berüchtigstem Airport, wegen seiner eingezwängten Lage zwischen dem Wasser und dem dichtbesiedelten Stadtteil Queens. An Bord: Fünf Besatzungsmitglieder und 150 Passagiere, darunter eine Gruppe der in Charlotte ansässigen Großbanken Bank of America und Wells Fargo - sowie eine Mutter mit Säugling.

Der Airbus A320

Die Unglücksursachen werden derzeit noch von Fahndern der US-Flugsicherheitsbehörde NTSB geklärt, die am Abend eintrafen. Fest steht: "Vogelschlag" ist eine bekannte Fluggefahr, bei Start und Landung. Ein nicht mal zwei Kilo schwerer Vogel kann beim Aufprall auf einen Jet eine Wucht von sechs Tonnen entfalten.

Statt LaGuardia peilt Air-Force-Veteran Sullenberger in seiner Not den Hudson an - eine enorme Landebahn aus Wasser, zur Linken Manhattan, zur Rechten New Jersey.

Er steuert die blauweiße Maschine knapp über der monumentalen George Washington Bridge hinweg, an Touristen-Hubschraubern vorbei, gibt schnell die in solchen Fällen übliche Warnung über die Sprechanlage ("Brace for impact") und setzt dann in Höhe der West 50th Street auf den Fluss auf, in Sichtweite des Museums-Flugzeugträgers "USS Intrepid".

"Wir hörten einen Rumms und liefen an Deck", sagt Museumschef Bill White. "Das Flugzeug trieb auf dem Wasser, wie auf wundersame Weise gelandet. Sofort kamen die Boote. Gott sei Dank für den Schiffsverkehr!"

Eine Evakuierung nach dem Lehrbuch

Binnen Minuten haben die drei Flugbegleiter - nach Angaben eines US-Airways-Insiders alle Veteranen der Gesellschaft, einer von ihnen ist sogar seit 1969 dort angestellt - die Passagiere aus dem Rumpf geschafft. Vom Ufer aus sehen Passanten zu, wie sich die Menschen auf den halb versunkenen Tragflächen drängen. Andere kauern in den aufblasbaren Rutschen, die gelbe Schwimmwesten um die Oberkörper geschlungen.

Dieser Moment zeigt, dass Airline-Crews keine "fliegenden Kellner" sind, sondern trainierte Sicherheitsbeamte. "Das war eine Notlandung und eine Evakuierung nach Lehrbuch", sagt ein Flugbegleiter. "So, wie wir das üben."

US Airways

"Es war unwirklich", erzählt Investmentbanker Carl Bazarian, ebenfalls aus Florida, später auf dem Festland, eine Rotkreuz-Decke um die Schultern. "Alle waren so hilfsbereit. Wir haben die Mutter mit Kind zuerst rausgelassen."

Als erstes sind die blauen Fähren der Bootsgesellschaft New York Waterway zur Stelle, die den Hudson queren. "Ein paar Leute schwammen im Wasser", erzählt Brittany Catanzaro, 20.

Catanzaro, die erste und jüngste Kapitänin New Yorks, kann ihren Augen nicht trauen, als sie den Jet im Fluss sieht: "Ich musste erst zweimal hingucken."

"Es fühlte sich an wie ein Autounfall"

Gleich beginnen sie und ihre Kollegen, die Insassen an Bord zu nehmen und sie in Decken zu hüllen. Sieben Boote der Küstenwache kommen hinzu. "Die Fähren waren rasend schnell", beschreibt Passagier Julian Williams die Szene. Williams, der auf dem Heimweg nach Charlotte war, befreit sich aus Reihe 22. "Der Crew und die Fähren", sagt Banker Bazarian, "sind unsere Helden."

Sechs Reihen vor Williams sitzt Alberto Panero aus Florida, auf Platz 16-A, links am Fenster: "Es fühlte sich an wie ein Autounfall", sagt er, dann sei "das Wasser schnell an den Fenstern" hoch gestiegen. Panero beschreibt einen kurzen Moment der Todesahnung: "Ich sah meine Eltern vor mir, wie sie um mich, diesen netten jungen Mann, weinten."

"Es war fast wie eine Achterbahnfahrt in Disney World", sagt der Geschäftsmann Fred Berretta aus Charlotte. Nachdem alle aus der Kabine gerettet sind, kontrolliert Kapitän Sullenberger nach Angaben Bloombergs noch zweimal die Kabine des Flugzeugs, geht dann als letzter von Bord.

Am Ufer, entlang des West Side Highways, reihen sich inzwischen Hunderte Ambulanzen, Feuerwehrwagen, Streifenwagen und Busse. Blaulicht, Sirenengeheul und Hubschrauber-Geknatter erfüllt die arktische Abendluft.

"Um fünf Uhr früh bin ich wieder im Dienst"

Das Rote Kreuz hat im gläsernen New-York-Waterway-Terminal eine Versorgungsstation eingerichtet. Helfer reichen heißen Tee, Kaffee und Wasser. Viele Passagiere flüstern in ihre Handys. Telekom-Manager Matt Kane simst fünf Worte an einen Kollegen, der in Charlotte wartet: "Ich bin im Hudson gelandet."

Bloomberg spricht von "ein paar" Verletzten, die in die Krankenhäuser gebracht worden seien. Die meiste leiden an Unterkühlung.

Am späten Abend liegt das Wrack des Jets im Scheinwerferlicht vor der Südspitze Manhattans, mit Seilen an den Kai der Battery Park City gebunden, wie ein enormes Spielzeugflugzeug. Es liegt schief, ist jetzt halb versunken, nur eine Tragfläche und das Cockpit ragen noch aus dem Wasser. Dutzende Schaulustige drängeln sich hinter den Absperrungen, Handy-Kameras im Anschlag.

Ob sie nach diesem Abenteuer einen Tag frei werden nehme, wird Fährkapitänin Catanzaro gefragt. "Ach was", lacht sie. "Um fünf Uhr früh bin ich wieder im Dienst."

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