Spekulationen um Papst-Gesundheit Das Kreuz des Alters

Kaum ist Joseph Ratzinger in sein neues Amt als Papst gewählt, blühen die Spekulationen über seinen Gesundheitszustand. Viel zu alt sei er für so eine große Verantwortung, sagen Kritiker - allen voran Ratzingers Bruder Georg. Andere machen sich schon Gedanken über potenzielle Nachfolger.

Hamburg - "Ich hatte geglaubt, dass die nicht ganz so stabile Gesundheit meines Bruders die Kardinäle bewogen hätte, einen etwas Jüngeren zu wählen", sagte Georg Ratzinger. Darstellungen, wonach Benedikt XVI. eine robuste Konstitution habe, entsprächen nicht der Wahrheit. "Es ist eine reine Mär, dass er hart ist", zitiert ihn die "Süddeutsche Zeitung". In der ZDF-Sendung "Johannes B. Kerner" wünschte der drei Jahre ältere Bruder dem neuen Pontifex denn auch "vor allem Gesundheit".

Ratzingers Biograf John Allen sagte gestern dem US-Fernsehsender CNN, der heute 78-Jährige habe 1991 eine Gehirnblutung erlitten. Deswegen habe er Sehstörungen auf dem linken Auge gehabt. Vor zwei Jahren seien bei Ratzinger Erschöpfungszustände festgestellt worden, die er aber offenbar inzwischen überwunden habe. "Jetzt scheint er im Wesentlichen bei guter Gesundheit zu sein", sagte Allen. Und auch Bischof Josef Clemens, der lange Zeit Ratzingers Privatsekretär war, sagte: "Ihm geht es sehr gut."

Offiziell hat Papst Benedikt XVI. keinerlei chronische Erkrankungen. Dennoch gibt es immer Berichte über eine längere Krankengeschichte. Anfang der neunziger Jahre sei er zweimal im Krankenhaus behandelt worden, heißt es. Die italienische Nachrichtenagentur Ansa will außerdem von einem Sturz erfahren haben, bei dem sich Ratzinger im August 1992 eine Kopfverletzung zugezogen habe. Er sei während einer Urlaubsreise im Badezimmer ausgerutscht.

Auch von mehreren Schlaganfällen ist die Rede. Die "Bild"-Zeitung allerdings erhob die päpstlichen Gebrechen kurzerhand zur Auszeichnung: "Sie wählten den Demütigsten (3 Schlaganfälle)". Bruder Georg hingegen hatte nach eigenem Bekunden trotzdem für seinen Bruder gehofft, "dass der Kelch an ihm vorübergeht". Einem fast 80-Jährigen eine solch verantwortungsvolle Aufgabe aufzubürden, findet er "unüblich".

Benedikt XVI. ist bei seinem Amtsantritt der älteste Papst seit 265 Jahren. Auch im Vergleich zu seinen Vorgängern im 20. Jahrhundert ist der neue Pontifex deutlich zu alt: Deren Durchschnittsalter liegt, zum Zeitpunkt ihrer Wahl, bei 65 Jahren. Ob krank, gebrechlich oder vollkommen fit - allein das Alter des Kirchenoberhaupts ist offenbar Grund genug für Spekulationen über mögliche Nachfolger.

Mehrere Namen von Kardinälen, wegen ihres vergleichsweise jugendlichen Alters nicht bei der Wahl in Frage kamen, sind schon gefallen: Norberto Rivera Carrera (62 Jahre, Mexiko), Oscar Andres Rodriguez Maradiaga (62 Jahre, Honduras), Christoph Schönborn (60 Jahre, Österreich) und Angelo Scola (63 Jahre, Italien). Fest steht: Konservative werden beim nächsten Konklave die besten Chancen haben - denn bis es soweit ist, wird Benedikt XVI. wohl mit seiner Personalpolitik die Grundlagen dafür schaffen.