SPIEGEL ONLINE Spezial Einer dieser Männer wird der nächste Papst

Wenn sich die Kardinäle in der Sixtinischen Kapelle versammeln, könnten sie theoretisch jeden katholischen Mann zum Papst wählen. Doch seit 627 Jahren kam der neue Stellvertreter Christi stets aus dem Kardinalskollegium. SPIEGEL ONLINE stellt die 117 Wahlberechtigten vor, von denen zwei wegen Krankheit nicht angereist sind. Es gibt große Favoriten und krasse Außenseiter.


Wie heißt der nächste Papst? Diese Frage beschäftigt Millionen Menschen in aller Welt. Politiker äußern bereits ihre hochgesteckten Erwartungen an den künftigen Mann auf dem Stuhl Petri und so mancher Kirchenfürst betreibt auf mehr oder minder subtile Art und Weise Wahlkampf in eigener Sache.

Buchmacher bieten Wetten darauf an, wer der nächste Papst wird. Die Favoriten: Italiener, Südamerikaner und ein Kardinal aus Afrika. Die italienischen Kirchenfürsten haben nach Einschätzung vieler Vatikan-Experten die besten Chancen. Denn nach wie vor stellen die Italiener - unter ihnen viele mächtige Kurienkardinäle - die größte Landesgruppe beim Konklave. Immerhin 17 Prozent, nämlich 20 der 117 wahlberechtigten Kardinäle im Alter unter 80 Jahren, kommen aus Italien. Und nicht zu vergessen: Karol Wojtyla war nach über 450 Jahren der erste Nicht-Italiener auf dem Stuhl Petri.

Falls kein Italiener zum Zug kommen sollte, können sich die Vertreter aus Afrika und Lateinamerika Hoffnungen machen. Während des Pontifikats von Johannes Paul II. ist die Katholische Kirche vor allem auf diesen Kontinenten stark gewachsen. Insider halten einen lateinamerikanischen Papst wiederum für wahrscheinlicher als einen Afrikaner auf dem Papstthron.

Wer als Papst ins Konklave geht, kommt als Kardinal wieder heraus

Doch sämtliche Favoritenlisten - auch die von SPIEGEL ONLINE - können sich in wenigen Tagen als Makulatur erweisen. Denn ein altes vatikanisches Sprichwort lautet: Wer als Papst ins Konklave geht, kommt als Kardinal wieder heraus.

Ein faszinierendes Schauspiel, das am kommenden Montag seinem großen Finale entgegengeht. Dann werden sich die Purpurträger in der Sixtinischen Kapelle versammeln. Die Papstwahl selbst ist streng reglementiert. Bei ihrer Stimmabgabe sprechen die Kardinäle die Eidesformel: "Ich rufe Christus, der mein Richter sein wird, zum Zeugen an, dass ich den gewählt habe, von dem ich glaube, dass er nach Gottes Willen gewählt werden sollte."

Wenn dann nach einigen Stunden oder Tagen weißer Rauch aus dem Schornstein der Sixtinischen Kapelle aufsteigt, haben all die Gerüchte und Spekulationen ein Ende. Denn dann tritt der Kardinal-Protodiakon - das ist derzeit der chilenische Kurienkardinal Jorge Arturo Medina Estévez - auf die Loggia der vatikanischen Basilika und ruft den auf dem Petersplatz wartenden Menschen die erlösenden Worte zu: "Habemus Papam".

Ein Pontifikat zum Geburtstag?

Voraussichtlich 115 Kardinäle werden am 18. April im geheimnisumwobenen Konklave zusammenkommen. Der philippinische Kardinal Jaime Sin wird wegen einer schweren Erkrankung nicht nach Rom reisen. Auch der emeritierte Erzbischof von Monterrey, Adolfo Antonio Suárez Rivera, ist krank und kann nicht teilnehmen. Genau wie 66 Kardinäle, die bereits älter als 80 Jahre und deshalb von der Papstwahl ausgeschlossen sind.

Unter den 117 wahlberechtigten Kardinälen aus 64 Ländern sind 6 Deutsche: Walter Kasper, Präsident des Päpstlichen Rates zur Förderung der Einheit der Christen, Karl Lehmann, Bischof von Mainz und Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz, Joachim Meisner, Erzbischof von Köln, Georg Sterzinsky, Erzbischof von Berlin und Friedrich Wetter, Erzbischof von München und Freising und Joseph Ratzinger, Präfekt der Glaubenskongregation, der am 16. April, also zwei Tage vor dem Konklave, seinen 78. Geburtstag feiert.

Die große Mehrheit der Kirchenfürsten ist längst im Rentenalter: Nur 17 der 117 Kardinäle sind jünger als 65 Jahre. Johannes Paul II. war erst 58 Jahre alt als er in sein Amt eingeführt wurde. Wollten die Kardinäle erneut einen Mann in den Fünfzigern zum Papst wählen, hätten sie beim Konklave nur die Auswahl unter fünf Kandidaten. Der jüngste Teilnehmer ist der erst 52-jährige Ungar Péter Erdõ, Erzbischof von Budapest.

Das Konklave im Jahr 1978 dauerte übrigens nur zwei Tage. Dann hatten sich die Purpurträger in der Sixtinischen Kapelle auf einen Nachfolger für Johannes Paul I. geeinigt, der nach einem Pontifikat von nur 33 Tagen gestorben war. Zur großen Überraschung der Katholiken in aller Welt wurde damals auf der Loggia der Vatikanischen Basilika der Name eines Mannes ausgerufen, den nur Insider kannten: Karol Wojtyla.

Text: Wolfgang Büchner, Lisa Erdmann, Alwin Schröder, Florian Harms. Gestaltung: Hanz Sayami, Stefan Schütt



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