Spionage-Vorwürfe Agenten in der Steinzeit

Der Fund mutet an wie die Ausstattung eines James-Bond-Films: ein mysteriöser Felsbrocken, vollgestopft mit Hightech, und Kontobelegen über Tausende Pfund. Der russische Inlandsgeheimdienst bezichtigt britische Diplomaten der Spionage. Die Briten sind empört, entkräften die Vorwürfe aber nicht wirklich.


Moskau/London - Der staatliche russische Fernsehsender Rossija hatte gestern Abend eine Dokumentation ausgestrahlt, in der die angeblichen Spione bei der Arbeit zu sehen sind. Ein Sprecher des russischen Inlandsgeheimdienstes FSB bestätigte den Fernsehbericht heute und sagte, vier britische Diplomaten stünden unter Verdacht.

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Spionage-Zubehör: Hightech im falschen Stein

Auf den Filmaufnahmen, die den Angaben zufolge am Rande Moskaus entstanden sind, ist ein "toter Hightech-Briefkasten" zu sehen - getarnt als kleiner Felsbrocken. In Wahrheit sei der Stein mit moderner Kommunikationstechnik ausgerüstet gewesen und habe dem Austausch und der Weitergabe von Informationen gedient. Russische Informanten seien laut Fernsehbericht an dem Stein vorbeigegangen und hätten mit einem Mini-Computer Daten übertragen. Wenige Tage darauf habe dann ein britischer Botschaftsangehöriger an dem Ort die Daten abgerufen. Auf den Aufnahmen ist schließlich ein Mann zu sehen, der den etwa fußballgroßen Stein fortträgt.

Nach Angaben der britischen Zeitung "Guardian" befand sich im Inneren des Steins eine Batterie und ein Gerät zum Übertragen von Daten. Das Gerät sei mit hölzernen Schrauben in dem getarnten Stein befestigt und der Kasten wasserdicht versiegelt gewesen, zitiert die Zeitung einen FSB-Sprecher. Die russischen Kontaktleute der britischen Agenten seien mit einem Mini-Computer an dem vermeintlichen Stein vorübergegangen und hätten so Daten empfangen und senden können - bis zu einer Distanz von 20 Metern. Laut FSB funktionierte das Gerät nicht richtig, so dass die vier Diplomaten mehrfach nach dem Rechten hätten sehen müssen, schreibt der "Guardian". Einer der Spione sei in der nähe des Steins gefilmt worden, "verkleidet als Student mit Rucksack", hieß es. Einen der Russen habe man auf frischer Tat erwischt, wie er den Stein benutzt habe. Ein russischer Staatsbürger wurde dann auch laut Rossija festgenommen.

Die britischen Diplomaten sollen außerdem Kontakte zu mehreren Nichtregierungsorganisationen in Russland unterhalten und diese heimlich finanziell unterstützt haben. Der TV-Sender zeigte ein Dokument, in dem der Transfer von 23.000 Pfund (umgerechnet etwa 33.400 Euro) an die kremlkritische Moskauer Helsinki-Gruppe angewiesen wird.

Briten sind "besorgt und überrascht"

Ein Sprecher des Außenministeriums in London sagte, die britische Regierung sei "besorgt und überrascht von den Vorwürfen". Ein klares Dementi der Fakten gab es aber nicht. Der Sprecher wies nur den Vorwurf "unangebrachten Verhaltens" in den Beziehungen Londons zu russischen Nichtregierungsorganisationen zurück. In den Fällen, in denen die britische Regierung Menschenrechtsprojekte unterstütze, geschehe dies offen, sagte ein Innenministeriumssprecher. Man wolle damit helfen, eine gesunde Zivilgesellschaft im Land aufzubauen.

Experten bewerten die Vorwürfe als theoretisch glaubwürdig. "In diesem Geschäft ist nichts unwahrscheinlich", sagte Alex Standish, Autor der Fachzeitschrift "Jane's Intelligence Review". "Man sollte Absonderliches nicht einfach so abtun, denn es gibt weitaus bizarrere Dinge als Steinbrocken, die Daten aufnehmen", zitiert ihn die britische Nachrichtenagentur PA. Es könne sich um eine vom russischen Geheimdienst lancierte Geschichte handeln, um Druck auf die Briten auszuüben - die Vorwürfe könnten aber theoretisch genauso gut der Wahrheit entsprechen.

Richard Sawka, Experte von der Universität Kent, hält die Anschuldigungen laut PA hingegen für unglaubwürdig. Er gehe davon aus, dass den Russen nicht gefalle, dass die USA und Großbritannien bestimmte Hilfs- und Menschenrechtsorganisationen im Land finanziell unterstützten. Über den Vorwurf an die Briten wolle man vermutlich auch die USA warnen. Schon im vergangenen Jahr hatte es Ärger zwischen den Nachrichtendiensten der USA und Russlands gegeben. FSB-Chef Nikolai Patruschew hatte unter anderem dem amerikanischen Geheimdienst CIA vorgeworfen, über die Arbeit mit Nichtregierungsorganisationen Spionage betrieben zu haben.



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