Sprecher des Papstes Die Stimme des Stummen

Er fingerte den Kontakt zu Gorbatschow, er redete eine ganze Nacht mit Fidel Castro über Gott und Außerirdische, nur um ihm die Zustimmung zur ungehinderten TV-Übertragung des Papst-Besuches abzuringen: Der Psychiater und „Opus Dei“-Ritter Navarro-Valls ist seit 21 Jahren Sprecher des Papstes und dessen wichtigster Kommunikator.


Papst-Sprecher Navarro-Valls: Hart wie Humphrey Bogart
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Papst-Sprecher Navarro-Valls: Hart wie Humphrey Bogart

Rom - Er sei alt geworden, sagen die Freunde, und sie meinen nicht den Papst. Die Leidenspassion des Johannes Paul II. hat auch seine Vertrauten an ihre Grenzen geführt. Und kaum jemand hat derzeit eine undankbarere Aufgabe als Joaquin Navarro-Valls, der 68jährige Sprecher des Vatikans.

Doch Joaquin Navarro-Valls glaubt an die Wahrheit des Leidens. Seit seinem zwanzigsten Lebensjahr ist er "Numerarier", ein der Keuschheit verpflichteter Ritter des Opus Dei, jener strenggläubigen, mit Bußgürteln und Geheimnissen gefestigten Gemeinschaft, wie sie jedem Leser des "Da Vinci Code" vertraut ist.

Gestern Mittag, als jemand fragte, wie es ihm denn persönlich ginge, hatte er Mühe, die Fassung zu bewahren. Er drückte die Lippen zusammen, machte lange Pausen, holte tief Luft. "Ich glaube", sagt er, "das ist von keiner Wichtigkeit. Gewiss habe ich solch einen Anblick in den 26 Jahren nicht gesehen."

Navarro-Valls kommt aus einer kastilischen Bürgersfamilie, sein Vater war Staatsanwalt, die Familie eher liberal. Er studierte Medizin, Kommunikationswissenschaft und Psychiatrie, schrieb über die Verführungskraft der Werbung und wurde von der konservativen Zeitung "ABC" als Korrespondent für den Balkan, Nahost und Mitteleuropa engagiert, mit Sitz in Rom.

Nie hat Navarro-Valls erfahren, weshalb gerade ihm 1984 der Posten des Vatikansprechers angetragen wurde. Natürlich wurde spekuliert, es habe mit dem Opus Dei zu tun. Doch wird es nicht viele Kandidaten mit jenen Eigenschaften gegeben haben, die von der Zeitung "Repubblica" an Navarro-Valls festgestellt wurden: "Biegsam wie Fred Astaire, hart wie Humphrey Bogart, charmant wie Mastroianni und ungerührt wie Mike Tyson".

Er war der erste Laie auf diesem Posten und merkte bald, dass von nun an jedes Wort mit inquisitorischem Argwohn geprüft werden würde. Den Kurienbürokraten vom Staatssekretariat war der Spanier mit seiner "Hier spricht ihr Käpt'n"-Stimme reichlich suspekt, zu gut aussehend, zu elegant, zu freundschaftlich vertraut dem Papst aus Polen. Seine Ausbildung als Psychiater, so sagte Navarro-Valls einmal, habe ihm bei der Arbeit im Vatikan geholfen.

Jahrelang kursierte die Legende, der Papstsprecher sei in seiner Jugend Torero gewesen. Navarro-Valls traute man es zu. Der Spanier wurde Woitylas Mann für die Medien. Anders als seine Vorgänger liebte dieser Papst die Massenmedien. Auch Christus, so erklärte Johannes Paul II. noch in einem seiner letzten Apostolischen Schreiben im Januar, sei "der ,Kommunikator' des Vaters" gewesen. Die Sendung der Kirche brauche Internet, Datenbanken, Breitbandanschlüsse. "Das Meisterstück von Joaquin bestand in der Einsicht, dass in der Zeit der Globalisierung das Fernsehen obsiegt und dass man sich deshalb Netzwerke untertan machen muss", schreibt der Vatikanist Marco Politi. Als Navarro-Valls sein Amt antrat, kam lediglich ein Fünftel aller Vatikannachrichten aus dem Presseamt, der Rest aus inoffiziellen Quellen. Heute ist es umgekehrt. Aus einem laienhaften Schalterbetrieb ist eine effiziente PR-Maschine geworden. Das Presseamt des Heiligen Stuhls macht Pressekonferenzen, gibt Bulletins heraus, sorgt für Bilder, Filme, WiFi, Dokumente.

Seit über zwanzig Jahren sieht er Johannes Paul II. fast täglich. Er bewundert seinen Herrn. Nie ist es ihm in den Sinn gekommen, den Spin-doctor zu spielen. Ein Papst braucht keinen Kommunikationsstrategen, der ihm sagte, welcher Look oder welches Statement jetzt angebracht sei. Ein Papst ist unfehlbar. Jedes Sprechen ist ein Verschweigen, und Navarro-Valls hat diese alte höfische Kunst zur Perfektion entwickelt. Als in einer Mai-Nacht des Jahres 1998 drei Leichen im Vatikan gefunden wurden, ging Navarro-Valls selbst zum Tatort und verkündete noch in der gleichen Nacht die von nun an gültige Version: In einem Wahnanfall habe ein Schweizergardist seinen Chef samt Gattin erschossen. "In nur zwei Tagen habe ich die Luft aus einer Geschichte herausgelassen, die ansonsten monatelang die Zeitungen gefüllt hätte, mit großem Schaden für den Heiligen Stuhl", erklärte er später.

Das Misstrauen der Kurie blieb. Ihr gefiel nicht, wie sich dieser Laie in die Diplomatie einmischte. Navarro-Valls war es, der 1988 den ersten direkten Kontakt zwischen Woityla und Gorbatschow herstellte. Er war die Stimme des Papstes bei der UN-Bevölkerungskonferenz 1994 in Kairo. Dort legte er sich mit Al Gore an, schloss ein Zweckbündnis mit islamischen Ländern und sorgte dafür, dass jeder Hinweis auf Abtreibung und Verhütung aus dem Schlussdokument getilgt wurde.

Mit Fidel Castro redete Navarro-Valls eine ganze Nacht lang über Gott, die Welt und außerirdische Existenzen. Dann beugte der Kubaner sich dem Wunsch, den Besuch des Papstes live im Fernsehen übertragen zu lassen, egal was Johannes Paul II. predigen würde. 21 Jahre lang hat er Weltgeschichte aus der Nähe miterlebt. Eine Zeitlang hieß es, Navarro-Valls könnte sich vorstellen, Vatikanbotschafter bei der UN zu werden. Ob er sich auch vorstellen konnte, eines Tages nur noch über Hirnströme und Magensonden befragt zu werden?

Joaquin Navarro-Valls hat jetzt mehr Macht und mehr Popularität, als er je haben wollte. Er ist die Stimme eines Verstummenden. Es bleibt nicht mehr viel zu sagen.



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