Staat im Staate Dänen kämpfen um rechtsfreien Stadtteil

5000 Dänen haben für den Erhalt des "Freistaates Christiania" in Kopenhagen demonstriert. Das weltberühmte Gelände galt bisher als rechtsfreier Raum und Drogenumschlagplatz - nun will die dänische Regierung ihre Machthoheit zurückerobern.


Dänischer Ministerpräsident Anders Fogh Rasmussen: "Modernisierung und Normalisierung"
AFP

Dänischer Ministerpräsident Anders Fogh Rasmussen: "Modernisierung und Normalisierung"

Kopenhagen - Bei der Kundgebung vor dem dänischen Parlament protestierten die Demonstranten am Samstag unter dem Motto "Für das Recht auf Unterschiede" gegen die Pläne der dänischen Regierung, die die Selbstverwaltung der 900 Bewohner des seit 1971 besetzt gehaltenen Kasernengeländes im Zentrum Kopenhagens aufheben will.

Die Rechtsregierung von Ministerpräsident Anders Fogh Rasmussen hatte in dieser Woche erstmals konkrete Pläne für eine "Modernisierung und Normalisierung" von Christiania vorgelegt. Das bedeutet vor allem: Schluss mit dem dort konzentrierten Haschisch-Handel sowie anderen Formen von Kriminalität, die planmäßige Sanierung der Bausubtanz und die Verwandlung des früheren Kasernengeländes zu einem "für alle Bürger offenen Stadtteil".

Die 900 Bewohner des 1971 von Hausbesetzern in Besitz genommenen Geländes mit früheren Kasernengebäuden hatten diese Drohung als "Kriegserklärung" aufgefasst. Während Politiker früher immer mal wieder und stets ohne Erfolg Polizeihundertschaften in den "Freistaat für die Bürgerschrecks" schickten, will Rasmussens Regierung vor allem Stadtsanierer, Architekten und Handwerker zum Einsatz bringen. 300 Millionen Kronen (umgerechnet 40 Millionen Euro) will der Staat locker machen, damit die vielen baufälligen Gebäude von Grund auf saniert werden können.

Kopenhagen: "Christiana" ein Dorn im Auge der Gutbürgerlichen
Hilke Maunder

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Für die Zeit des Umbaus aber müssten die "Christianitter" weichen. Außerdem will die Regierung an besonders attraktiven Plätzen entlang des alten Stadtwalls nach und nach ohne Genehmigung gebaute Wohnhäuser abreißen - sofern sie nicht schon unter Denkmalschutz gestellt stehen. Denn trotz der Dauerauseinandersetzung um Christiania haben sich Bewohner und das offizielle Kopenhagen längst miteinander arrangiert. "Christianitter" sind inzwischen ein buntes Sammelsurium aus verarmten Aussteigern, Betreibern von Alternativ- Betrieben, kriminell hoch aktiven Rockern und ganz normalen Büroangestellten, die nur noch in der Freizeit alternativ leben wollen. Allesamt zahlen sie brav ihre Rechnungen für Strom, Wasser und Müllabfuhr und können sich seit 1997 auch auf einen Nutzungsvertrag mit dem Verteidigungsministerium berufen.

Aber Christiania tut den gutbürgerlichen Dänen weiter im Herzen weh, deren Sprösslinge sich dort mit Haschisch eindecken. Viele "Christianitter" der ersten Stunde mögen den von Rockergruppen beherrschten Drogenhandel ebenso wenig wie die Tatsache, dass die alten Hippie-Ideale nun von Egoismus und sozialer Gleichgültigkeit abgelöst werden.

Anfang der 90er Jahre hatten die Bewohner noch gemeinsam die Kraft, sich gegen den damals ebenfalls von Rockern nach Christiania gebrachten Heroinhandel zu wehren - nun läuft ihre Zeit wohl langsam ab.



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