Stadtarchiv-Einsturz Kein Lebenszeichen von Verschütteten in Köln

Feuerwehrleute suchten fieberhaft die ganze Nacht, Spürhunde schlugen mehrmals an, Helfer trugen Trümmerstücke mit bloßer Hand ab: Trotz aller Bemühungen gelang es jedoch bislang nicht, die zwei Vermissten in den Trümmern des Kölner Stadtarchivs zu finden.


Köln - Die nächtliche Suche in den Trümmern des Historischen Archivs in Köln hat bis zum frühen Morgen noch kein Lebenszeichen der beiden mutmaßlich Verschütteten erbracht. Allerdings hätten die Suchhunde mehrmals angeschlagen, so dass Trümmerstücke in einem Gebiet von etwa 20 Metern Durchmesser zum Teil per Handarbeit abgetragen wurden, sagte ein Sprecher der Kölner Feuerwehr am Samstagmorgen auf Anfrage. Überwiegend würden die Trümmer aber mit einem Bagger weggeräumt. Unmittelbar an der Suche beteiligt seien zwei Dutzend Einsatzkräfte. Sie achteten auch darauf, Wertgegenstände sicherzustellen, die in den Ruinen gefunden werden.

Bergungsarbeiten in den Trümmern: Keine Spur von den Vermissten
DPA

Bergungsarbeiten in den Trümmern: Keine Spur von den Vermissten

Die Kölner Feuerwehr hatte am Freitagabend, drei Tage nach dem Häusereinsturz, mit der Suche nach den zwei Vermissten begonnen. Zuvor hatten Einsturzgefahr und Regen die Bergungsarbeiten tagelang verzögert. Bei den beiden vermissten Männern handele es sich um die Bewohner der Dachgeschosswohnungen im Nachbarhaus des Archivs.

Die Einsatzkräfte gingen davon aus, dass es in dem Trümmerberg Hohlräume gebe, sagte Feuerwehrsprecher Weber. Aber Konkretes wisse man noch nicht.

Die Überlebenschancen der vermissten 17 und 24 Jahre alten Männer drei Tage nach dem Unglück werden als äußerst gering eingeschätzt. Die Stadtverwaltung teilte mit, dass durch den Einsturz und Abriss der Wohnhäuser in der Severinstraße nun 33 Personen ohne Wohnung sind. Weitere 22 Bewohner angrenzender Häuser können ihre aus Sicherheitsgründen gesperrten Wohnungen nicht betreten. 65 Personen haben sich an die Anlaufstelle für Hilfsangebote der Stadt im Hotel "Mercure" gewandt.

Probleme mit dem Grundwasser

Die Ursache des Häusereinsturzes in Köln könnte einem Zeitungsbericht zufolge mit dem Abpumpen des Grundwassers in dem U-Bahn-Schacht zusammenhängen. Der "Kölner Stadt-Anzeiger" berichtet, die Kölner Verkehrsbetriebe und die Baufirmen hätten seit längerem von ernsten Problemen bei der Grundwasserableitung an der Baustelle gewusst. In einem Brunnen in der Nähe des Stadtarchiv ließ sich demnach der Wasserspiegel nicht senken.

Dem Bericht zufolge könnte das ständige Abpumpen des Grundwassers mit großer Leistung Sand und andere Erdteilchen weggeschwemmt haben. So könnten sich Hohlräume gebildet haben, die sich nach und nach vergrößert haben. Die Kölner Verkehrsbetriebe haben ein gerichtliches Beweissicherungsverfahren beantragt. Zudem hat das Unternehmen einen eigenen Gutachter bestellt. Ingenieure sollten überdies untersuchen, ob der U-Bahn-Bau gefahrlos weitergeführt werden kann.

Die Stadtwerke Köln kündigten die Einrichtung eines mit einer Million Euro ausgestatteten Hilfsfonds für die am härtesten betroffenen 35 Anwohner an. Den Betroffenen, die durch das Unglück ihr Hab und Gut verloren haben, solle eine Soforthilfe von 10.000 Euro pro Person ausgezahlt werden. Die 2.000 Schüler der beiden benachbarten Gymnasien sollen ab Montag in Ersatzgebäuden unterrichtet werden, wie Schuldezernentin Agnes Klein sagte.

Dauerregen und ein steigender Grundwasserspiegel werden zu einer immer größeren Gefahr für die verschütteten Schätze des Historischen Stadtarchivs. "Das Wetter ist nicht auf unserer Seite", sagte Feuerwehrsprecher Daniel Leupold. Immer mehr Archivalien drohten durch Feuchtigkeit beschädigt zu werden. Nach Angaben von Kulturdezernent Georg Quander sind 90 Prozent der Bestände begraben.

Es handele sich um den wohl "größten Schaden an Archivgut seit dem Zweiten Weltkrieg". Archivleiterin Bettina Schmidt-Czaia sprach von einer "absoluten Katastrophe". Immerhin seien aus einem Anbau rund 40.000 Urkunden und Dokumente sowie die sehr wertvolle Film- und Fotosammlung gerettet worden, und mehr als eine Million Aufnahmen von Dokumenten des historischen Archivs befinden sich auf Mikrofilmen im Zentralen Bergungsort der Bundesrepublik Deutschland in Oberried bei Freiburg.

Historisches Archiv der Stadt Köln
Geschichte
Die Anfänge des Archivs reichen in das frühe 12. Jahrhundert zurück. Die für die Stadt wichtigen Schriftstücke hatten 1322 noch Platz in einer Kiste im Hause eines Patriziers , wuchsen aber zeitgleich mit Kölns Entwicklung zur freien Reichsstadt rasch an. Als der Rat 1406 den Bau des Rathausturms beschloss, gehörte zum Bauprogramm auch ein Archivgewölbe. Damals wurde das erste, noch heute erhaltene Archivinventar angelegt.
Den Zweiten Weltkrieg hatten die ausgelagerten Archivbestände ohne Verluste überstanden. Dagegen sind die damals noch in den städtischen Dienstgebäuden lagernden Akten aus der Zeit der Weimarer Republik seit etwa 1927 und der NS-Zeit während des Krieges weitgehend vernichtet worden.
Das Haus beherbergt zahlreiche Schätze der Kultur-, Kirchen- und Verwaltungsgeschichte. Zum Bestand gehören Herrscherurkunden und zahlreiche kostbare Handschriften . Köln ist nach Angaben von Historikern auch eines der wichtigsten Archive der deutschen Hanse , weil 1593/94 auf Beschluss des Hansetages die Urkunden und Akten des seinerzeit größten Kontors , das in Antwerpen lag, in die sicheren Mauern Kölns gebracht wurden.
dpa
Bestände
Das Archiv umfasst Dokumente aus über tausend Jahren Kölner, rheinischer und preußischer Geschichte . Mit der Ernennung Leonard Ennens zum ersten Kölner Stadtarchivar 1857 wurde der Ausbau des Archivs wesentlich auf den Weg gebracht. Mehr als 65.000 Urkunden aus dem Raum Köln ab dem Jahr 922, 104.000 Karten und Pläne, 50.000 Plakate und rund eine halbe Million Fotos. Zudem sind dort 780 Nachlässe und Sammlungen, unter anderem von Literaturnobelpreisträger Heinrich Böll gelagert worden.
dpa



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Seite 1
Pnin, 07.03.2009
1.
Vielleicht überzeugt das ja endlich von der Notwendigkeit vollständiger Digitalisierung...
Robert B., 07.03.2009
2.
Zitat von sysopDer Einsturz des Kölner Stadtarchivs und die Vernichtung der historischen Dokumente warfen Fragen nach der Sicherheit der deutschen Kulturschätze auf. Sind die Archive genügend geschützt?
Offensichtlich nicht.
citrin, 07.03.2009
3.
Zitat von sysopDer Einsturz des Kölner Stadtarchivs und die Vernichtung der historischen Dokumente warfen Fragen nach der Sicherheit der deutschen Kulturschätze auf. Sind die Archive genügend geschützt?
Falsche Frage! Sie sollte lauten: Sollte eine überregionale Denkmalschutzbehörde einschreiten, wenn kurzsichtige, nach Prestige geifernde Stadtverantwortliche, sowie städtische Verkehrsgesellschaft deren Zerstörungswerk an Plätzen, Strassen und Stadtteilkultur in ganz Köln präsent ist, eine Vier-Kilometer-U-Bahn unter einer zweitausend Jahre alten Römerstrasse bauen, auf einem Grund, den sie nicht ausreichend nachgeprüft haben, deren Kostenveranschlagung von Anfang an betrügerisch war, nämlich von 600 Millionen über zwischenzeitlich 900 Millionen auf nun mehr als 1200 Millionen, und deren Nutzen mehr als fraglich ist.
Joachim Baum 07.03.2009
4.
Zitat von PninVielleicht überzeugt das ja endlich von der Notwendigkeit vollständiger Digitalisierung...
Das kann allenfalls auch nur eine Zwischenlösung sein, es sei denn, man entwickelt ein Digitalisierung- und Speicher-Prozedere, das auch noch zumindest bescheidene 100 Jahre "handling" garantiert. Die Vergangenheit zeigt, das es schon problematisch ist, dies für einen Zeitraum von 20 Jahre aufrecht zu erhalten, wenn überhaupt. Und ein ständiges Update in immer kürzeren Zeiträumen mit immer mehr Daten ist sicher nicht unproblematisch und lässt sich für die Zukunft nicht garantieren.
Boone 07.03.2009
5.
Zitat von sysopDer Einsturz des Kölner Stadtarchivs und die Vernichtung der historischen Dokumente warfen Fragen nach der Sicherheit der deutschen Kulturschätze auf. Sind die Archive genügend geschützt?
Ich würde mir weniger Gedanken um die Vergangenheit machen und mehr um die Zukunft.
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