Stadtarchiv-Einsturz Staatsanwaltschaft ermittelt gegen Kölner Oberbürgermeister

Kölns Oberbürgermeister Fritz Schramma ist in Erklärungsnot geraten: Er soll illegal Tonbandaufnahmen von internen Sitzungen zum Einsturz des Stadtarchivs gemacht haben. Jetzt ermittelt die Staatsanwaltschaft.


Köln - "Wir verfolgen den Anfangsverdacht der Verletzung der Vertraulichkeit des Wortes", sagte Oberstaatsanwalt Günther Feld am Donnerstag in Köln. Schramma (CDU) soll unerlaubterweise zwei Sitzungen des sogenannten Koordinierungsstabes zum Archiv-Einsturz mitgeschnitten haben.

Oberbürgermeister Schramma (Mitte): Fühlt sich hintergangen
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Oberbürgermeister Schramma (Mitte): Fühlt sich hintergangen

Bei Amtsträgern kann ein Verstoß gegen die Vorschrift mit bis zu fünf Jahren Haft oder mit Geldstrafe geahndet werden. Presseberichten zufolge soll Schramma die Teilnehmer der Sitzungen erst im Nachhinein um Zustimmung für die Mitschnitte gebeten haben.

Laut "Kölner Stadt-Anzeiger" soll der Oberbürgermeister gesagt haben, er habe die offenkundige Tonbandaufzeichnung für ein übliches Verfahren gehalten, das von allen gebilligt würde. Laut der "Rheinischen Post" verwahrten sich die bei den Sitzungen anwesenden Dezernenten schriftlich gegen das Vorgehen Schrammas.

Bei dem Zusammenbruch des historischen Stadtarchivs und zweier Nebengebäude waren am 3. März zwei junge Männer ums Leben gekommen. Die Kölner Staatsanwaltschaft ermittelt wegen des Unglücks weiterhin gegen Unbekannt. Die Ermittlungen erstrecken sich auf die Vorwürfe der fahrlässigenTötung und Körperverletzung sowie der Baugefährdung.

Experten halten es für wahrscheinlich, dass am Unglückstag große Mengen Kies und Wasser in eine Baugrube der geplanten U-Bahn-Strecke rutschten und den Boden unter dem Archiv so aushöhlten, dass das Gebäude und zwei angrenzende Wohnhäuser zusammenbrachen.

Die Katastrophe von Köln hatte offenbar ein monatelanges Vorspiel: Protokolle von Baustellenbesprechungen im Februar belegen den Behörden zufolge, dass es bereits im September in unmittelbarer Nähe der Einsturzstelle einen sogenannten hydraulischen Grundbruch gegeben hat.

Oberbürgermeister Schramma hatte dies als "außerordentlich brisant" und "starken Tobak" bezeichnet. Er zeigte sich verärgert über die Kölner Verkehrs-Betriebe (KVB), die ihm stets versichert hätten, es gebe keine Probleme mit der U-Bahn-Baustelle: "Ich fühle mich von den KVB hintergangen", sagte er.

Knapp drei Wochen nach dem Archiv-Einsturz leitete Schramma ein Disziplinarverfahren gegen seinen Baudezernenten Bernd Streitberger (CDU) ein. Der Beamte soll seinem Chef Informationen vorenthalten haben. Der Baudezernent hatte demnach am vergangenen Freitag in der Sitzung des Koordinierungsstabes "Unglück Waidmarkt" erklärt, seit 12. März von Protokollen aus Baubesprechungen der Kölner Verkehrs-Betriebe (KVB) gewusst zu haben.

Auf die Frage, wie er die Bürger davon überzeugen wolle, dass ein vergleichbares Unglück sich nicht noch einmal ereignen werde, sagte Schramma: "Hier wird kein Meter weitergebaut, ohne dass wir das nicht vorher zusätzlich begutachtet haben."

Historisches Archiv der Stadt Köln
Geschichte
Die Anfänge des Archivs reichen in das frühe 12. Jahrhundert zurück. Die für die Stadt wichtigen Schriftstücke hatten 1322 noch Platz in einer Kiste im Hause eines Patriziers , wuchsen aber zeitgleich mit Kölns Entwicklung zur freien Reichsstadt rasch an. Als der Rat 1406 den Bau des Rathausturms beschloss, gehörte zum Bauprogramm auch ein Archivgewölbe. Damals wurde das erste, noch heute erhaltene Archivinventar angelegt.
Den Zweiten Weltkrieg hatten die ausgelagerten Archivbestände ohne Verluste überstanden. Dagegen sind die damals noch in den städtischen Dienstgebäuden lagernden Akten aus der Zeit der Weimarer Republik seit etwa 1927 und der NS-Zeit während des Krieges weitgehend vernichtet worden.
Das Haus beherbergt zahlreiche Schätze der Kultur-, Kirchen- und Verwaltungsgeschichte. Zum Bestand gehören Herrscherurkunden und zahlreiche kostbare Handschriften . Köln ist nach Angaben von Historikern auch eines der wichtigsten Archive der deutschen Hanse , weil 1593/94 auf Beschluss des Hansetages die Urkunden und Akten des seinerzeit größten Kontors , das in Antwerpen lag, in die sicheren Mauern Kölns gebracht wurden.
dpa
Bestände
Das Archiv umfasst Dokumente aus über tausend Jahren Kölner, rheinischer und preußischer Geschichte . Mit der Ernennung Leonard Ennens zum ersten Kölner Stadtarchivar 1857 wurde der Ausbau des Archivs wesentlich auf den Weg gebracht. Mehr als 65.000 Urkunden aus dem Raum Köln ab dem Jahr 922, 104.000 Karten und Pläne, 50.000 Plakate und rund eine halbe Million Fotos. Zudem sind dort 780 Nachlässe und Sammlungen, unter anderem von Literaturnobelpreisträger Heinrich Böll gelagert worden.
dpa

ala/dpa/AFP

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