Stadtarchiv-Katastrophe in Köln "Wir hoffen, dass Khalil lebend geborgen werden kann"

Millimeterarbeit in Köln: Mit einer Holzkonstruktion muss jetzt eine Schule gestützt werden, die nach dem Einsturz des Stadtarchivs ebenfalls hochgefährdet ist. Angehörige bangen derweil um das Schicksal der Verschütteten.


Köln - "Wir als Familie und viele seiner Freunde bangen um Khalils Leben und hoffen, dass er vielleicht doch lebend geborgen werden kann." Mit diesen Worten haben Angehörige eines der Verschütteten vom Kölner Severinsplatz ihren Empfindungen Ausdruck gegeben.

Seitdem am frühen Dienstagnachmittag das Gebäude des Kölner Stadtarchivs einstürzte und zwei Nachbarhäuser mit sich riss, fehlt von dem 23-Jährigen jede Spur.

Der Mann wohnte im Dachgeschoss eines der beiden Nebengebäude des Stadtarchivs und hatte sich am Dienstag bei seiner Praktikumsstelle krankgemeldet - er wollte sich daheim auskurieren.

Zuletzt war er laut seiner Familie am Dienstag von zwei Kollegen an einer Apotheke an der Severinstraße gesehen worden. Seit dem Einsturz des Stadtarchivs gibt es von dem 23-Jährigen kein Lebenszeichen mehr. Recherchen über Familie, Freunde und Umfeld seien ohne Ergebnis geblieben, ebenso wie der Versuch, Khalil über sein Handy zu erreichen, erklärte die Familie.

Seine Verwandten hatten zuletzt am Montagmittag mit ihm telefoniert. "Wir müssen mit hoher Wahrscheinlichkeit davon ausgehen, dass sich Khalil zum Einsturzzeitpunkt in seiner Wohnung oder zumindest im Haus aufgehalten hat", hieß es in der Erklärung weiter.

Zu Beginn einer Pressekonferenz am Donnerstag zum Verlauf der Rettungs- und Bergungsarbeiten erläuterte der Direktor der Kölner Feuerwehr, Stephan Neuhoff, Details des Einsatzes.

Demnach konnte eine der Nachbarsruinen des Archivs abgetragen werden. Die Abrisstrümmer werden nun dafür genutzt, um Kellerbereiche aufzuschütten.

Mit einem Bagger soll nun noch eine überhängende Dachkonstruktion abgerissen werden, "um einen sicheren Zustand zu erreichen". Erst dann könne man "am Trümmerkegel arbeiten und nach Personen suchen", sagte Neuhoff. Die Bergungstruppen würden erneut Hunde einsetzen.

Auch eine Schule ist einsturzgefährdet

Ein an die Unglücksstelle angrenzendes Gymnasium ist nun ebenfalls einsturzgefährdet. Die Decken sollen deshalb von Fachleuten des Technischen Hilfswerks mit einer Holzkonstruktion abgestützt werden, erklärte Neuhoff. Das Friedrich-Wilhelm-Gymnasium zeige Absenkungen und Risse von bis zu zwei Zentimetern Breite. Bis zum jetzigen Zeitpunkt habe man 1600 Kubikmeter Beton eingefüllt. Bei Anstieg des Grundwasserpegels könne man Kies auffüllen, hieß es.

Der Regen gefährde die Baustelle nicht. Derzeit steige das Wasser "maximal 5 Zentimeter pro Stunde", sagte Neuhoff. Der Grundwasserspiegel werde durch eine Pumpe reguliert.

Provisorische Dachkonstruktion geplant

Die Bergung von wertvollen Dokumenten dauert derweil an. Zum Schutz des von Regen bedrohten Kulturgutes aus der umfangreichen Sammlung des Stadtarchivs habe man bereits eine große Folie ausgebreitet. Das Material werde derzeit gesichtet und teilweise nach Porz in eine überdachte Halle gebracht, wo es nochmals sortiert werde, so Neuhoff.

Nun will die Feuerwehr eine provisorische Dachkonstruktion über den Trümmern aufbauen. Sie werde aus Blechen und Planen bestehen und die Dokumente hoffentlich vor Feuchtigkeit schützen, sagte der Direktor der Kölner Feuerwehr.

Wie viele der in dem Archiv gelagerten Dokumente durch den Einsturz zerstört worden sind, wird nach Einschätzung des Verbands Deutscher Archivarinnen und Archivare wohl erst in mehreren Wochen feststehen. Aus dem unzerstörten hinteren Teil des Archivs und den beiden Kellern seien aber fast alle mittelalterlichen Urkunden gerettet worden, sagte Vorstandsmitglied Ulrich Soenius im RBB. Hinzu kämen Teile der Bestände, die zur Bearbeitung in Büros gelegen hätten oder auf Mikrofilm gesichert gewesen seien.

Das Archivgebäude und zwei Nachbarhäuser waren am Dienstag eingestürzt, möglicherweise aufgrund von Arbeiten zum Ausbau der U-Bahn.

Kölns Oberbürgermeister Fritz Schramma bedankte sich bei allen Helfern. Eine Welle der Hilfsbereitschaft habe die Stadt in den vergangenen Tagen erreicht, hieß es. Schramma hatte kurz nach dem Unglück bezweifelt, ob das für den Einsturz verantwortlich gemachte U-Bahn-Projekt weitergeführt werden könne. Am Donnerstag allerdings sprach er sich für eine Fertigstellung der Strecke aus: "Am Ende muss die U-Bahn so fertiggestellt werden, wie sie geplant war." Allerdings müsse eine umfangreiche Risikoüberprüfung von externen Gutachtern durchgeführt werden, sagte Schramma auf der Pressekonferenz.

Als vordringlich bezeichnete es Schramma jetzt, Wohnungsangebote für unmittelbar von der Katastrophe betroffene Anwohner zu machen. Es sei ein Spendenkonto unter dem Stichwort "Severin" eingerichtet worden.

Historisches Archiv der Stadt Köln
Geschichte
Die Anfänge des Archivs reichen in das frühe 12. Jahrhundert zurück. Die für die Stadt wichtigen Schriftstücke hatten 1322 noch Platz in einer Kiste im Hause eines Patriziers , wuchsen aber zeitgleich mit Kölns Entwicklung zur freien Reichsstadt rasch an. Als der Rat 1406 den Bau des Rathausturms beschloss, gehörte zum Bauprogramm auch ein Archivgewölbe. Damals wurde das erste, noch heute erhaltene Archivinventar angelegt.
Den Zweiten Weltkrieg hatten die ausgelagerten Archivbestände ohne Verluste überstanden. Dagegen sind die damals noch in den städtischen Dienstgebäuden lagernden Akten aus der Zeit der Weimarer Republik seit etwa 1927 und der NS-Zeit während des Krieges weitgehend vernichtet worden.
Das Haus beherbergt zahlreiche Schätze der Kultur-, Kirchen- und Verwaltungsgeschichte. Zum Bestand gehören Herrscherurkunden und zahlreiche kostbare Handschriften . Köln ist nach Angaben von Historikern auch eines der wichtigsten Archive der deutschen Hanse , weil 1593/94 auf Beschluss des Hansetages die Urkunden und Akten des seinerzeit größten Kontors , das in Antwerpen lag, in die sicheren Mauern Kölns gebracht wurden.
dpa
Bestände
Das Archiv umfasst Dokumente aus über tausend Jahren Kölner, rheinischer und preußischer Geschichte . Mit der Ernennung Leonard Ennens zum ersten Kölner Stadtarchivar 1857 wurde der Ausbau des Archivs wesentlich auf den Weg gebracht. Mehr als 65.000 Urkunden aus dem Raum Köln ab dem Jahr 922, 104.000 Karten und Pläne, 50.000 Plakate und rund eine halbe Million Fotos. Zudem sind dort 780 Nachlässe und Sammlungen, unter anderem von Literaturnobelpreisträger Heinrich Böll gelagert worden.
dpa

ala/dpa/Reuters/AP

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