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16. Dezember 2015, 08:41 Uhr

Elterncouch

Lothar? Ach so, Yoda!

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Sie haben keinen Film gesehen - und kennen sich mit Darth Vader und den Jedi-Rittern trotzdem besser aus als Harrison Ford. Im Kindergarten muss eine Art "Star Wars"-Virus umgehen. Aber wie verbreitet er sich?

Haben Sie vielleicht die Katze gesehen? Gucken Sie noch mal genau nach! Sie rutscht manchmal in die Ritzen von Polstermöbeln, verschwindet im Fußraum des Autos, oder Oliver steckt sie in seine Jackentasche und vergisst nach zwei Sekunden, wo sie ist.

Dann verbringt die Familie manchmal Stunden damit, sie zu suchen. Glücklicherweise ist sie pflegeleicht, braucht weder Futter noch ein Katzenklo, maunzt nicht und zerkratzt auch keine Möbel. "Im wirklichen Leben", wie meine Kinder gern sagen, hätten wir da wohl kaum so viel Glück. Denn "im wirklichen Leben" ist die "Katze" 2,28 Meter groß, wiegt 112 Kilogramm und ist schwer bewaffnet. Denn "im wirklichen Leben" ist sie ein Wookie vom Planeten Kashyyyyk. Ihr Name: Chewbacca.

Der zottelige Krieger mit der starken Gesichtsbehaarung prangt auf einer sechseckigen "Star Wars"-Sammelkarte, die der Supermarkt unseres Vertrauens für je zehn Euro Einkaufswert an der Kasse an die Kinder verteilt. Einzeln kosten sie 30 Cent und ich spiele mit dem Gedanken, einen Vorrat an Wookie-Katzen anzulegen, falls wir Olivers Lieblingssammelkarte irgendwann mal nicht wiederfinden.

Daf Weida - wirklich so böse wie alle sagen?

Chewbacca ist bei Oliver übrigens noch gut weggekommen mit der "Katzen"-Nummer. Yoda, den Jedi-Großmeister, der auf seiner Sammelkarte versonnen in den kriegsumwitterten Sternenhimmel blickt, nennt Oliver schlicht "Lothar".

Frederik ist in seiner Kenntnis der Charaktere, Schauplätze und Handlung von "Krieg der Sterne" bedeutend weiter. Warum, ist mir allerdings vollkommen schleierhaft. Ich hab ihm nie von Luke Skywalkers Abenteuern erzählt. Offenbar geht das Märchen von den Sternenkriegern in der Kita rum wie ein Schnupfen.

"Haaaaaatschitodesstern."

Und so diskutiere ich mit Frederik beim Abendessen, ob Darth Vader (Lautschrift Frederiksprech: Daf Weida) wirklich so böse ist.

Nun hat ihm seine Oma zu Weihnachten auch noch ein Lichtschwert in Aussicht gestellt. Warum nicht, damit könnte er morgens schön sein Honigbrot schmieren, gelegentlich die Hecke stutzen - oder den mächtigen Jedi spielen, der ich als Kind immer sein wollte.

Oh, sie hören ein Fünkchen von Neid aus diesen Zeilen heraus? Vielleicht haben Sie Recht. Als Kind wollte ich selbstverständlich auch ein Lichtschwert. Und einen "Rasenden Falken". Und ein ganzes Kinderzimmer voll mit "Star Wars"-Action-Figuren. Und eigentlich möchte ich das immer noch.

"Grimms Kinder-, Haus- und Jedi-Märchen"

Wenn ich nicht gerade die Wookie-Katze suchen muss, blättere ich derzeit Abend für Abend mit Frederik durch den Lego-Katalog und male mir aus, was ich mir, pardon, Frederik zu Weihnachten schenke. Ein Bataillon Stormtrooper? Oder doch gleich den Todesstern?

Frederik hat natürlich keinen der Filme gesehen. Er kennt die Charaktere und ihre Geschichten nur ganz grob, weiß nichts von der Macht und den komplizierten politischen Ränkespielen im "Star Wars"-Universum.

Für ihn rangiert Daf Weida in etwa auf einer Stufe mit der bösen Hexe in "Hänsel und Gretel". Und Luke Skywalker ist irgendwas zwischen dem schönen Prinzen aus Aschenputtel und Hans im Glück. Und wahrscheinlich hat er Recht damit. "Star Wars" ist die große Märchenerzählung unserer Zeit, die diese fast magische Begeisterung für leuchtende Laserschwerter ebenso bei unseren Kindern wie bei uns entfacht. Lebten die Gebrüder Grimm noch, sie hingen vermutlich an George Lucas' Lippen.

"Grimms Kinder-, Haus- und Jedi-Märchen". Würde ich sofort vorlesen. Wenn ich denn mal zum Vorlesen käme. Die Katze ist schon wieder weg.

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