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POP Stars auf Bewährung

Die No Angels waren lange Deutschlands erfolgreichste Casting-Band. Sie bereiteten ihr Comeback vor, als eine von ihnen verhaftet wurde, als angebliche Sex-Verbrecherin. Das könnte die Band vernichten - oder den Durchbruch bedeuten. Von Ralf Hoppe und Sven Röbel
Von Ralf Hoppe und Sven Röbel
aus DER SPIEGEL 39/2009

Köln, ein seidener Spätsommernachmittag, die Lanxess Arena; nach unten gelangt man über Treppen mit gegitterten Stufen und lange Flure, Neonlicht, Quietschen, Klirren, Rufen, Bodyguards in schwarzer Lederjacke, quäkende Stimmen aus Funkgeräten, an den Wänden stehen Spiegel, links geht es zu den Garderoben, rechts Bühnentechnik, Scharen von Aufnahmeassistenten hasten vorbei, mit Handy und Pferdeschwanz und Klemmbrett, und in einem dieser Flure stehen vier schöne Frauen, die sich verwandeln.

Sie werden zu den Königinnen, die sie mal waren.

In Weiß und Silber sind sie gekleidet, ungeheuer sexy, die Augen sind priesterinnenhaft verlängert, und wo die Haarteile eingesetzt sind, bleibt Andreas' Geheimnis - Andreas, der sanfte, feminine Andreas aus Berlin, hat ganze Arbeit geleistet, mit den Frisuren und Massen von Eye Shadow, Lashes, Kajal, Mascara, Gloss, Blush, Fluid, Metallic, Finish. Und Nico, von der Plattenfirma, Head of TV Promotion, hat schon mal das Klebeband in vier Zentimeter kleine Schnipsel vorgeschnitten und reicht sie an, und so können die Frauen ihre Brüste hochdrücken und schön festkleben.

Letzter Kontrollblick. Lippen, Augen, Busen. Sitzt alles.

Markus, von der Security, schnürt heran, mit zwei, drei Jungs in kurzärmeligem Hemd und mit Bizeps wie Heideschinken, und Markus gibt Khalid Schröder, dem Manager, das Zeichen. Treppe und Aufgang sind frei. Kichernd, summend, stöckelnd, so setzen sich die vier Frauen in Marsch, eskortiert von den Leibwächtern. Nadja geht als Letzte, bleibt etwas zurück.

Khalid schiebt sich unauffällig zu ihr hin. Ob alles okay sei? Ob sie Angst habe - vor dem, was sie da oben erwartet?

Nein, sagt sie, alles in Ordnung. Sie beißt sich auf die Lippe.

Khalid bleibt dicht hinter ihr.

Jetzt sind sie oben, da ist er, der rote Teppich, die Fans hinter der Absperrung kreischen los, ein Sirenenton, aaaaaaiiiiiiii, Kameras werden gezückt, hochgerissen, hallo, Sandy, Lucy, oh bitte, bitte, ein Autogramm, he, Nadja, wie geht es dir, ruft jemand, komm doch mal her, die Stimme klingt befehlend.

Die vier Frauen auf dem roten Teppich sind Sandy Mölling, ehemals Jeansverkäuferin aus Koblenz; Ljudmilla Diakovska, alias Lucy, Musical-Sängerin aus Plewen, Bulgarien; Jessica Wahls, Ausbildung zur Reiseverkehrskauffrau abgebrochen, aus Rodheim bei Frankfurt am Main. Und Nadja Benaissa, Deutschlands berühmteste ehemalige Untersuchungsgefangene, HIV-Infizierte, ihr Körper »eine Bio-Waffe«, so hieß es. Sie sind die Hauptfiguren in einem Pop-Märchen, einer Sex-Geschichte, einem Kriminalfall.

Die Show hier in Köln ist der erste große Auftritt seit Nadjas Haft.

Die vier Frauen waren mal, nebst der abwesenden Vanessa Petruo, die No Angels, Deutschlands erfolgreichste Casting-Band. Zwölf Singles, die unter die Top Ten in Deutschland kamen, vier davon waren Nummer eins - sie waren ganz oben in diesem schnelllebigen Geschäft, und jetzt sind sie wieder da. Sie sind älter, Mütter. Sie haben jetzt zusammen drei Kinder und 19 Tattoos.

Die Schöpfungsgeschichte dieser Band fand im Fernsehen statt, in der Sendung »Popstars«, im Jahr 2000. Sie wurden ausgesucht, trainiert, auf die Bühne gestellt. Drei Jahre lang schien es den Frauen, als würde ein Märchen über sie ausgeschüttet; es war zu schön, um wahr zu sein, und so trennten sie sich, bevor sie selbst begriffen hatten, warum. In Wahrheit verband sie nichts. So war eines Tages alles aus.

Nein, doch nicht. Sie kamen nochmals zusammen und probierten es. Ein Auftritt beim Eurovision Song Contest 2008 stand an, sie vertraten Deutschland. Der Auftritt sollte sie, wenn sie gewönnen, mit einem Schlag zurückbefördern an die Spitze; es wurde ein Fiasko, der Song »Disappear« machte den drittletzten Platz. Ungeheure Blamage, schrecklicher Hohn. Sie waren jetzt auch keine Casting-Geschöpfe mehr, hatten diese Quote und Macht nicht mehr, das System Fernsehen hatte sie ausgespuckt. Sie mussten für sich selbst kämpfen und hatten offenbar verloren.

Dann trafen sie Khalid Schröder.

Khalid hält sich jetzt, als die No Angels auf den roten Teppich treten, dicht hinter Nadja. Die Fans kreischen, jubeln immer noch, Mädchen im Zahnspangenalter, Sandy und Lucy und Nadja malen Autogramme, Schnörkelwölkchen, und lächeln so unerschütterlich, dass man sich fast Sorgen macht. Der RTL-Reporter, der es auf Nadja abgesehen hat, lässt nicht locker, he, Nadja, he, Nadja, nur drei Fragen, he Nadja.

He, Nadja, komm doch mal!

Sie zuckt zusammen, ein Reh, das Schüsse hört, Khalid geht dazwischen, schüttelt den Kopf. Die No Angels stehen dieser Tage praktisch jedem Medium zur Verfügung, eine Schülerzeitung aus Herne kriegt ein halbstündiges Interview; nur nicht RTL und die »Bild«-Zeitung.

»Das müssen wir durchziehen«, sagt Khalid, »nach allem, was die Nadja angetan haben.«

Khalid Schröder ist ein freundlicher Typ, Mitte vierzig, mit einem ägyptischen Vater, den er nie kennenlernte. Khalids dunkler Teint und der arabische Vorname sorgten aber bei Khalid für einen in der Kindheit erworbenen Sinn für rassistische Untertöne, aber auch die Fähigkeit zu kämpfen. Musik war der Ausweg. Khalid studierte Schlagzeug, wurde erst Vertreter für Percussion-Instrumente, dann Manager, unter anderem für Kool & The Gang.

Die No Angels übernahm er vor etwa einem Jahr. Seither hat er zu wenig geschlafen, zu unregelmäßig gegessen, zu viele Rechtsanwälte getroffen - alles für das eine, große Ziel: das Comeback.

Deutschland ist der viertgrößte Musikmarkt der Welt, nach den USA, Japan, England. Das Segment Pop ist mit Abstand das wichtigste für die Plattenindustrie, ein gutes Drittel des 1,58 Milliarden Euro hohen Tonträgerumsatzes wird mit Popmusik verdient. Allerdings geht der Verkauf von CDs zurück. Immer mehr Umsatz wird mit Konzerten, Merchandising, T-Shirts, Postern, Bettwäsche gemacht.

Die einst fünf, jetzt vier Sängerinnen der No Angels sind ein mittelständisches Unternehmen. Sie haben in den vergangenen neun Jahren, alles in allem, etwa einen Umsatz von 50 Millionen Euro gemacht, überschlägt Khalid. Der Erfolg war allerdings stets bedroht - eine andere Band taucht auf, und schon ist man ersetzt, vergessen, weggewischt.

Das Comeback einer Casting-Popband ähnelt der Markteinführung einer neuen Limonade, eines Schokoriegels. Die Unterschiede zum Marktangebot sind vergleichsweise gering. Das Produkt braucht also vor allem ein Image, und das Image entsteht aus einer Geschichte. Eine Geschichte wiederum ist eine Idee plus Zeit.

Man beginnt, indem man das Image schärft. Dann entwickelt man eine Story, die schön und unmissverständlich sein soll - die das Comeback begründet. Nächster Punkt: die Musik. Der richtige Songschreiber muss gefunden werden, der die eine Idee liefert, ein ebenso kurzer wie durchschlagender melodischer Einfall, um den man den Song baut. Es kann klug sein, sich für eine konventionelle und gefällige Melodie zu entscheiden; es kann aber auch richtig sein, alle Konventionen zu überspringen. Was ist der Soundtrack einer Generation?

Bevor das Album erscheint, sind mehr als 600 Interviews zu absolvieren, Radiotermine, Kurzauftritte und überall Autogramme, Autogramme, bis die Marke No Angels dem Volk eingehämmert ist. Und den Sängerinnen ihre neue Identität.

Und dann? Kann man nur hoffen und beten. Auf Fernsehauftritte, Konzerte, schließlich, auf der Zielgeraden, lukrative Werbeverträge. Auto, Kosmetik, Textil.

Der No-Angels-Auftritt hier in Köln, bei »The Dome 51«, ist für den späten Abend angesetzt. »The Dome« ist eine RTL-2-Veranstaltung, mit dem Schwestersender von RTL liegt Khalid nicht im Clinch. Die No Angels sind lediglich eine von 20 Bands, bei »The Dome« geht es vor allem um das Potpourri der Bilder. Der Rest lässt sich schneiden und mit Werbepausen spicken, die Ausstrahlung erfolgt Wochen später.

Nach dem Auftritt auf dem roten Teppich werden die No Angels wieder nach unten geleitet, hier sind die Garderoben, kleine Boxen. Links ist Justin Bieber, ein 15jähriger Kanadier; gegenüber sind Cinema Bizarre untergebracht, sogenannte Manga-Punker, sie sehen aus wie Kinder, die von einer Halloween-Party kommen, mit Abstecher im Sadomaso-Shop.

Die No Angels sind um die dreißig, etwa zehn Jahre älter als die meisten anderen Musiker. Von den kunstvoll zerzausten Kollegen und Kolleginnen heben sie sich ab wie Präsidentengattinnen, die eine Favela besuchen. Der Altersunterschied ist ein Symptom - dies hier ist der letzte Versuch.

Ein Comeback bringt ohnehin Erklärungsnot. Man hat sich getrennt, man hat diese Trennung der Welt verkündet, mit tragischem Ausdruck adieu gesagt; und nun soll das alles nichts gelten? Außerdem wurde die Band bald kaum noch vermisst, andere Musiker traten an ihre Stelle. Die Logik des Comebacks aber verlangt, dass man diese Tatsache leugnet. Man muss die Wiedervereinigung als einen in aller Welt geteilten Wunsch ausrufen. Dies waren einige der Probleme, die Khalid lösen musste.

Die richtigen Schwierigkeiten kamen dann noch.

Als Nadja Benaissa am Ostersamstag 2009, gegen 21 Uhr, ihren roten Nissan Micra am Ende der Breiten Gasse in Frankfurt parkt, ihre Tasche aus dem Kofferraum zerrt und sich beeilt, denn sie ist spät dran, da ist sie nur eine normale junge Frau. Niemand erkennt sie, niemand spricht sie an, während sie ihr Zeug schleppt. Nadja hat einen kurzen Gig im »nachtleben«, einem kleinen Club an der Konstablerwache, gleich gegenüber der U-Bahn, sieben Euro Eintritt. Es ist keine Schande, hier aufzutreten, und ein bisschen Taschengeld bringt es außerdem, allerdings - dass sie darauf angewiesen ist, darüber möchte sie lieber nicht zu viel nachdenken.

Nadja als Solistin hat zu diesem Zeitpunkt noch eine Restberühmtheit, und manchmal fühlt es sich an, als wäre diese Tatsache sehr traurig und schrecklich.

Doch nur drei Tage später werden Nadjas Name, ihr Gesicht, ihre Geschichte in der Republik bekannt, berüchtigt sein, Anlass einer erbitterten Debatte um Krankheit, Verbrechen und Pressefreiheit, an der Schnittstelle von Sex und Tod.

Nadja hat für diesen Abend die Begleit-CDs in der Tasche und drei Songs vorbereitet: »Hände hoch«, »Lass los« und »Bleib stark«.

Die Umstände von Nadjas Verhaftung sind beschrieben worden, gelegentlich mit an Falschheit grenzender Ungenauigkeit. Sie wird nicht von der offenen Bühne herunter verhaftet, wie von manchen empört berichtet wurde, sondern von den Frankfurter Kripo-Beamten diskret abgefangen, kaum dass sie das »nachtleben« betreten hat. Die Kripo-Beamten sind, erinnert sie sich, höflich, geleiten sie nach draußen, schirmen sie ab, überreichen ihr den Haftbefehl, den sie in einem Zivilfahrzeug zu lesen versucht. Sie telefoniert mit ihrer Tochter, schickt einige SMS und raucht ihre Schachtel leer. Sie wird zum Polizeipräsidium nach Offenbach gefahren, wo ein Ermittlungsrichter auf sie wartet - er wirkt kalt und einschüchternd auf sie, als er den Haftgrund erklärt: gefährliche Körperverletzung, Wiederholungsgefahr.

Wahrscheinlich im Jahr 1999 hat sich Nadja mit dem HI-Virus infiziert, in einer wild-verzweifelten Phase ihres Lebens, ein ehemaliger Liebhaber hat sie angezeigt. Die »Bild am Sonntag« wird diese Zeit unter der Überschrift »Der Angel, Aids und die Angst« mit beglücktem Mitleid ausbreiten. Schon nach dem ersten Erfolg der No Angels hatte die »BamS« in ihrer Jugendbeilage »Enthüllungen« über den »ersten Schatten« in Nadjas Vergangenheit gedruckt, vorwiegende Quelle der zwölf Jahre ältere Ex-Freund Nadjas: »Um ihre Sucht zu finanzieren, ging sie anschaffen.«

Es bestehe der dringende Tatverdacht, erklärt der Richter, dass Nadja Sexualpartner vorsätzlich mit dem Virus infiziere, indem sie ihre eigene Infektion verschweige. Nadja wird in eine Ausnüchterungszelle der Polizeistation gesperrt, mit Pritsche, Klo, Decke.

Khalid Schröder erfährt am Ostersonntag von der Verhaftung. Er versucht, einen Strafverteidiger aufzutreiben, er ruft den Berliner Medienanwalt Christian Schertz an, um Schadensbegrenzung bemüht. Zu dem Zeitpunkt ist weder die »Bild«-Zeitung mit der Meldung als Titel-Story erschienen, noch hat die dpa die Nachricht verbreitet. Trotzdem zählt Khalid im Laufe des Tages etwa 150 Anrufe von Journalisten: Print, Fernsehen, Radio, Internet. Jetzt gibt es allein 29 100 Google-Treffer auf die Stichwörter »HIV« und »Nadja Benaissa«.

Khalid hat sich am Ostermontag ins Auto geworfen, um nach Koblenz zu fahren - dort sollten sich die No Angels in einem Tagungshotel eigentlich drei Tage lang einem Rhetoriktraining unterziehen.

Der Osterrückreiseverkehr verschafft Khalid Zeit nachzudenken. Im Stau stehend führt er zwei Telefonate. Beide Gesprächspartner sind erfahrene Pop-Veteranen und Manager, denen er bedingungslos vertraut und denen er von dem Schlamassel erzählt. Der Rat dieser beiden Freunde, einhellig: Schmeiß Nadja raus.

Notfalls ersetzt du sie.

Zu Beginn des dritten Jahrtausends wurde in der westlichen Popkultur ein neuer »Leittypus«, wie ihn der Philosoph Peter Sloterdijk nennt, kreiert, der gecastete Star. Die Grenze zwischen Startum und Normalität wurde plötzlich durchlässig, Nimbus, Auftritte, Berühmtheit wurden scheinbar für jeden und jede zugänglich, jeder ersetzbar.

Der Semi-Star kommt seinem Vorbild nahe, ohne das Original zu erreichen, so wie Analog-Käse Anklänge und Eigenschaften von echtem Käse aufweist. Es bleibt aber ein Unterschied, ein entscheidender Unterschied.

Der Semi-Star hat keine Geschichte.

Es gibt keine Kämpfe, keine Einsamkeit, keine Niederlagen oder Siege. Der Semi-Star ist ahistorisch, ein industrielles Produkt; eine Saison lang ist er omnipräsent, jedoch bedroht von ständiger Lächerlichkeit. Dann wird man abgehängt, vergessen, kultureller Weltraumschrott. Wenn nach zwei Jahren jemand vom »Stern« anruft und ein Interview für die Rubrik »Was macht eigentlich ...« führt, hat man es hinter sich. Das wahre Ziel einer Casting-Show ist nicht der Star, sondern die Casting-Show.

Die No Angels waren jedoch die ersten ihrer Art, das war ihr Glück. Die Fans hatten ihre Entstehung, gleichsam im Labor, beobachten können, das schuf Nähe. So war der Nummer-eins-Hit wie programmiert, und der Erfolg hielt an, trug sie durch drei Jahre und ließ sie alles schlucken. Vielleicht hätten sie sich nach drei Jahren endgültig zurückziehen sollen. Doch die Normalität hatte so wenig Verlockendes, besonders für Nadja Benaissa.

Nadja litt während der Erfolgsphase am meisten unter dem zermürbenden Wechsel zwischen Bühnenglanz und privater Einsamkeit. Sie erzählt von Nächten in Luxushotels, nach der bejubelten Show, wenn sich die Tür ihrer Suite klickend hinter ihr schloss und sie in dieser feinen Umgebung auf dem feinen Bett saß, nichts anzufassen wagte, den mit Zellophan bespannten, schleifenverzierten Obstkorb anstarrte, aufgedreht und ausgebrannt zugleich, und sich fragte: Was mache ich hier eigentlich?

Man kann annehmen, dass Nadjas Anlehnungsbedürfnis und Sehnsüchte sie anfällig machten für falsche Freunde, Männer, die den Skalp eines Popstars an ihrem Gürtel wollten. Dazu kam Nadjas Herkunft: der Vater ein marokkanischer Kellner, die Mutter deutsch-serbisch. Nadja wuchs auf in einem orientalischen Milieu, in dem der individuelle Erfolg bitte schön der ganzen Sippe gehört. Nadja war mehr Wünschen und Erpressungen ausgesetzt, als sie erfüllen konnte.

So fiel sie nach der Trennung in ein tieferes Loch als die anderen Frauen. Sie spürte täglich, wie der Glamour verblasste, sie verlieh Geld, sie verschuldete sich. Sie gab sich Mühe, es allen recht und alles richtig zu machen und verzweifelte daran.

Als Khalid Schröder an jenem Ostermontag in Koblenz eintraf, hatte er den Rhetorikkurs schon abgesagt, stattdessen gab es eine Krisensitzung bis in die Nacht. Sie brachte vor allem ein Ergebnis: Sie würden Nadja nicht fallenlassen. Khalid schloss sich dem an, gegen den Rat seiner erfahrenen Freunde.

Was wirst du jetzt tun, Khalid? Lucy war es, die zum Schluss die Frage stellte.

Weiß nicht, sagte Khalid.

Das »The Dome«-Konzert in Köln dauert nun schon beinahe zwei Stunden, die No Angels sind gleich dran. Sie machen sich bereit: Konzentrationsübungen, Atemübungen, das Memorieren der Tanzschritte.

Dass 20 Bands auftreten, liegt an der kaum noch zu überbietenden Aufsplitterung der Stile und Moden. Es gibt Manga- Punker, Post-Grunge, Metall, vampireske Gothic in allen Schattierungen, Emos, Visual Keis, Mädchen in Woodstock-Wickelröcken, Songwriter mit Fellbändern um die Stirn, Ragga-Jungs mit Dreadlocks wie aus Bauschaum aufgesprüht. Die Musik in der Halle klingt weitgehend nach einem mit 160er-Beats unterlegten Zugunglück.

Dagegen sind die No Angels, als sie schließlich vor großen weißen D-A-N-C-E-Lettern auftreten, von altmodischer Solidität. Sie sind hübsch und in schicke, weiße Bodysuits gekleidet und elternkompatibel, und sie liefern freundlichen Pop ab - mehr nicht, könnte man denken.

Aber die 11-, 13-, 15-jährigen Mädchen tanzen hingerissen, kreischen, krähen den Refrain mit, sind eine halbe Nacht lang Lucy oder Sandy, überlebensgroß und geborgen.

Zehn Tage nach dem Ostersamstag ihrer Festnahme, nach drei Tagen in der ständig videoüberwachten Beobachtungszelle, wurde Nadja aus dem Frauengefängnis Frankfurt-Preungesheim entlassen. Inzwischen tobte ein Glaubenskrieg: Der Sprecher der Darmstädter Staatsanwaltschaft, unter massivem Druck der Medien, war vor Fernsehkameras getreten und hatte Mutmaßungen über Nadjas Sexleben angestellt. Khalid hatte inzwischen zwei Strafverteidiger engagiert und den Medienanwalt Schertz.

Der erwirkte eine einstweilige Verfügung gegen den Axel-Springer-Verlag beim Landgericht Berlin. Der »Bild«-Zeitung wurde untersagt, »bei einem Ordnungsgeld von bis zu 250 000 Euro oder ersatzweise Ordnungshaft, letztere zu vollziehen am Vorstandsvorsitzenden, über das Ermittlungsverfahren wegen schwerer Körperverletzung und/oder den Gegenstand der Untersuchungshaft zu berichten« - nicht grundsätzlich zu berichten, aber in der Art und Weise, wie es »Bild« getan hatte. Der Vorstandsvorsitzende wäre Mathias Döpfner. Und weil Schertz schon mal dabei war, schrieb er gleich alle Medien in der Republik an und warnte sie. Die Verlautbarung einer Staatsanwaltschaft gilt normalerweise Journalisten als seriös und wird mit Fug zitiert. Was Schertz anders sah: Die Staatsanwaltschaft Darmstadt sei indiskret gewesen, also sei jede Berichterstattung rechtswidrig.

Zwei rechtliche Güter müssen im Fall Nadjas abgewogen werden: der Schutz der Privatsphäre einerseits - und andererseits das berechtigte Interesse der Öffentlichkeit zu erfahren, ob und wie ein Popstar und Teenie-Idol gegen das Gesetz verstoßen haben sollte. Nadja hat ihr halbes Leben lang darum gekämpft bekannt zu werden. Mit der Prangerwirkung, so die Darmstädter Staatsanwaltschaft, müsse eine Person der Zeitgeschichte leben - falls sie sich strafbar gemacht hat.

Hat sie das? Der Beweis ist noch nicht erbracht, Nadja aber schon am Pranger.

So scheint dies die entscheidende Frage: Hat Nadja Benaissa, geboren am 26. April 1982 in Frankfurt am Main, billigend oder vorsätzlich Männern ihre HIV-Infektion verschwiegen, um sie beim Sex anzustecken?

Diese Frage ist aufwühlend, sie bricht ein in die intimste Intimsphäre von Täter und Opfer, von Erotik und Gewissenslast, von Sex und Tod - und dennoch sollte man mit der Antwort vorsichtig sein.

Das HI-Virus mit seinem Genom aus 9300 Basenpaaren ist extrem dynamisch, es mutiert ständig, und je länger die mögliche Ansteckung zurückliegt - im vorliegenden Fall wären es fünf Jahre -, desto schwieriger wird es, den Infektionspfad von Person A zu Person B genau nachzuzeichnen. Außerdem kann, selbst wenn A und B Sex miteinander hatten, die Infektion anders erfolgt sein. Sie kann über C und D gelaufen sein - falls A und B promiskuitiv lebten, was im Fall der Nadja Benaissa und des infizierten Mannes zumindest nicht ausgeschlossen scheint.

Was weiß man überhaupt, was kann man wissen - Jahre nach einer alkoholisierten Liebesnacht? Was wurde gesagt, von wem, und wie ausdrücklich wurde es gesagt? Diskutiert wurde nicht viel in dem Milieu, in dem Nadja und der Infizierte sich bewegten, das Milieu der Frankfurter Rapper und Clubmanager und Kleindealer und Frauen, die ins Showgeschäft wollen. Eine Frau ist eine Tusse. Ein Mann muss sich Respekt verschaffen, ansonsten: Lebe riskant, lebe gefährlich, lebe jetzt!

Nadja hat bisher geschwiegen, und sie schweigt weiter, auf Anraten ihres erfahrenen Mainzer Strafverteidigers. Ihre Aussage hätte ein enormes Gewicht, es ist ein Trumpf, den zu früh zu spielen sie sich hütet. Möglicherweise wird der Prozess in einigen Monaten eröffnet, vielleicht wird das Verfahren aber auch eingestellt. Was die Anklage stärken könnte, wären Zeugen - wären sechs, sieben, acht Männer, deren Aussagen sich ergänzten und die ein Muster in Nadjas Verhalten als femme fatale bestätigen würden. Solange es diese Zeugen nicht gibt, steht eine Aussage gegen eine Nichtaussage.

Später kriegen sie die Ergebnisse ihrer Single-Platzierung. »One Life« ist auf Platz 15 eingestiegen, nicht überragend, aber immerhin vor Pink, Lady Gaga, Beyoncé Knowles. Khalid ist zufrieden, es scheint zu laufen.

Fast die ganze Fahrt von Köln nach Frankfurt, mit Khalid am Steuer des Tourbusses, Singen, Summen, auch Nadja ist fröhlich, die endlich ihren ersten großen Auftritt nach der Haftentlassung überstanden hat.

In Frankfurt Interview bei hr 3. Dann weiter nach Berlin, am nächsten Tag Tanztraining, dann auf Interview-Tour, in neun Tagen fahren sie nach Wolfsburg, Hamburg, Kiel, Berlin, Magdeburg, Köln, Nürnberg, München, geben 33 Interviews in neun Tagen. Und sie warten auf den Durchbruch.

Als Casting-Band waren sie Retortengeschöpfe, ohne eigene Geschichte. Jetzt haben sie eine.

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