Statistisches Bundesamt Vor versammelter Runde »zur Sau« gemacht

Menschenverachtender Führungsstil, Steuerverschwendung, »Vetternwirtschaft« – Mitarbeiter des Statistikamts erheben schwere Vorwürfe gegen Behördenleiter und Bundeswahlleiter Georg Thiel. Die SPD fordert Aufklärung.
Georg Thiel, Präsident des Statistischen Bundesamtes und Bundeswahlleiter: »Wo bleibt der Vorgang?«

Georg Thiel, Präsident des Statistischen Bundesamtes und Bundeswahlleiter: »Wo bleibt der Vorgang?«

Foto: Wolfgang Kumm / picture alliance / dpa

Kurz wirkte es, als wolle der Präsident des Statistischen Bundesamts seine Behörde und sich selbst auf die Schippe nehmen: Er »quäle« Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter immer, »wenn sie mir mit Statistiken kommen, die zwei bis drei Jahre alt sind«, sagt Georg Thiel.

2018 fiel dieser Satz, auf einer Fachtagung von Journalistinnen und Wissenschaftlern. Und in der Tat ist die Behörde nicht gerade für das schnelle Bereitstellen frisch erhobener Daten bekannt. Die Devise in Wiesbaden lautet eher: langsam, aber präzise. Bisher zumindest. Thiel präsentierte sich an diesem Tag als zukunftsgewandter Behördenleiter, der das Bundesamt modernisieren will.

Gequälte Mitarbeiter – über diese forsch-frotzelnde Formulierung können heute nur noch wenige in Thiels Umfeld lachen. Inzwischen sieht sich der Präsident mit heftigen Vorwürfen zu seiner Amts- und Mitarbeiterführung konfrontiert. Es rumort gewaltig bei den obersten Statistikern des Landes. Aktuelle und ehemalige Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sprechen gegenüber Medien von einem »Klima der Angst«, das Thiel seit seinem Amtsantritt verbreite, sein Führungsstil sei »menschenverachtend«. Hinzu kommen Vorwürfe der »Vetternwirtschaft« und Steuerverschwendung. Lang gediente Mitarbeiter berichten dem SPIEGEL, dass sie die Behörde unter Thiel nicht wiedererkennen würden und rufen öffentlich in der Presse um Hilfe. Und das alles in einem Jahr, in dem der Beschuldigte – in Personalunion auch Bundeswahlleiter – eine Bundestagswahl zu managen hat.

Thiel eilte sein Ruf voraus

Schon als Georg Thiel 2017 zum Präsidenten berufen wurde, löste das im Amt laut Mitarbeitern nicht gerade Jubelstürme aus. Die Behörde mit Hauptsitz in Wiesbaden und rund 2400 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern ist dem Bundesinnenministerium unterstellt. Dem promovierten Juristen Thiel eilte der Ruf des autoritären Umkremplers voraus. Ob als Präsident beim Technischen Hilfswerk (THW), als Verwaltungsmodernisierer im Innenministerium oder zuletzt als stellvertretender Leiter beim Bundesamt für Migration und Flüchtlinge . Seine dortigen Weggefährten erlebten ihn als aufbrausend und aktionistisch, als jemanden, der Gehorsam von seinen Untergebenen erwartet.

Das THW verließ Thiel 2006, nachdem sich ein Mitarbeiter das Leben genommen und laut »Focus« Thiel als Auslöser dafür bezeichnet hatte. Eine Untersuchung des Innenministeriums kam zwar zu dem Schluss, dass Thiel keine Verantwortung für den Suizid trage, dennoch seien Respekt und Vertrauen »nicht mehr im erforderlichen Maße gegeben«, so der damalige Innenminister Wolfgang Schäuble (CDU).

Dann also das Statistische Bundesamt. Was man von seinen früheren Stationen gehört habe, erlebe man jetzt selbst, ist aus der Belegschaft zu hören. Zuerst hatte der »Wiesbadener Kurier« darüber berichtet. Auch der SPIEGEL hat mit mehreren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern gesprochen. Sie arbeiten in unterschiedlichen Fachbereichen, an verschiedenen Standorten, in unterschiedlichen Hierarchiestufen. Niemand möchte sich namentlich zitieren lassen, zu groß ist die Angst vor Konsequenzen.

Mitarbeiter schildern Schikane

Mit Thiel an der Spitze habe sich die Stimmung im Haus massiv verschlechtert, berichten sie fast unisono. Er führe Mitarbeiter vor, nehme unbedeutende Fehler zum Anlass, sie vor versammelter Runde »zur Sau« zu machen. Selbst gestandene Führungskräfte hätten sein Büro unter Tränen verlassen. Mitarbeiter würden sich nicht mehr um Leitungsfunktionen bewerben, um nicht häufiger mit Thiel zu tun zu haben.

Fast alle Gesprächspartner beklagen ein ausgeprägtes Mikromanagement des Amtsleiters. Auch über kleinste Aufgaben lasse sich Thiel auf dem Laufenden halten, gebe kurze Fristen, dränge in knappen E-Mails auf Ergebnisse: »Wo bleibt der Vorgang?« Seine Nachrichten kämen auch schon mal spät abends und an Feiertagen. Oder er rufe noch vor 6 Uhr morgens auf dem Handy an.

Gegenüber dem SPIEGEL verzichtet Georg Thiel darauf, zu den Vorwürfen Stellung zu beziehen. Seine Pressestelle lässt auf Anfrage ausrichten, alle relevanten Themen würden »in vertrauensvoller Zusammenarbeit mit den Beteiligten erörtert«.

Ein Mitarbeiter berichtet derweil, dass einige Kolleginnen und Kollegen jeden Tag mit Angst zur Arbeit gingen. Es gebe Fälle von Burn-out und Depressionen. Zu Beginn der Coronapandemie habe Thiel nach übereinstimmender Darstellung gewollt, dass auch Mitarbeiter weiter ins Büro kommen, die einer Risikogruppe angehören.

Dabei ist die Meinung über Thiel nicht einseitig negativ: Der Behördenleiter sei sehr begeisterungsfähig, schiebe immer neue Innovationsprojekte an. Manche davon täten dem Bundesamt durchaus gut, finden einige. Doch Thiel greife dabei auch höchstpersönlich auf Mitarbeiter zu und ziehe sie von »Schwarzbrot-Aufgaben« ab, die nun mal auch erledigt werden müssten. Der gesetzliche Auftrag sieht Hunderte Statistiken vor, die das Amt im Jahr produzieren und veröffentlichen muss, von der Außenhandelsstatistik bis zur Zierpflanzenerhebung.

Mitarbeiter wittern Steuerverschwendung und »Vetternwirtschaft«

Außerdem gingen unter Thiel die Berater beim Bundesamt ein und aus. Zahlreiche Aufträge würden an externe Firmen verteilt, die das Amt etwa bei der anstehenden Volkszählung unterstützen oder die Behördenstruktur optimieren sollen. Mehrere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter empfinden das als Gängelung, die Berater hielten sie von ihrer eigentlichen Arbeit ab, und die Amtsleitung signalisiere damit mangelndes Vertrauen in die Fähigkeiten der eigenen Leute. Einige sehen in der Praxis auch eine massive Steuerverschwendung und haben dem »Wiesbadener Kurier« zufolge eine entsprechende Eingabe beim Bundesrechnungshof gemacht. Der aber hat bislang keine Prüfung beim Statistikamt angekündigt.

Und dann ist da noch die Besetzung bestimmter Posten. Thiel habe laut »Kurier« zwei Wunschkandidatinnen ins Amt geholt, die er von früheren beruflichen Stationen kannte. Eine Ausschreibung habe es für diese Stellen nicht gegeben.

Auch zu diesen Sachverhalten will sich die Behörde im Moment nicht einlassen: »Wir bitten um Verständnis, dass sich das Statistische Bundesamt zu internen Angelegenheiten nicht öffentlich äußert.«

Personalrat sollte Beschwerden offenlegen

Wer sich in der Belegschaft umhört, merkt schnell: Es geht hier nicht um ein paar jammernde Beamte, denen die Digitalisierung zu schnell geht. Den meisten ist klar, dass das Bundesamt hier Nachholbedarf hat. Es geht um Menschen, die bis vor ein paar Jahren gern ins Büro gegangen sind. Manche sagen, sie seien stolz gewesen auf das gute Arbeitsklima.

Nun scheint sich die Unzufriedenheit über weite Teile der Behörde zu erstrecken. Zahlreiche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter haben Unterstützung eingefordert – zunächst intern beim Personalrat. Als der mit Thiel das Gespräch suchte, »wurden wir immer wieder aufgefordert, die Fälle namentlich zu benennen – was wir natürlich nicht getan haben«, wie das Gremium in der vergangenen Woche per Rundschreiben an die Belegschaft mitteilte, das dem SPIEGEL vorliegt.

Vor einigen Monaten wandten sich dann mehrere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter an eine Reporterin der Wiesbadener Lokalzeitung. Nachdem diese die Behörde mit den Vorwürfen konfrontierte, ließ Thiel Ende Februar eine Pressemitteilung in eigener Sache veröffentlichen – angeblich gegen den Rat der eigenen Pressestelle und noch bevor der Text in der Zeitung überhaupt erschienen war. Der Inhalt war mehr als ungewöhnlich: Thiel wehrte sich in der Stellungnahme gegen »öffentlich erhobene Vorwürfe«, die ja noch gar nicht öffentlich erhoben worden waren, und schrieb, er wolle die »Mitarbeitenden auf dem weiteren Weg besser mitnehmen«.

Die Pressemitteilung des Präsidenten soll irritierte Nachfragen ausgelöst haben, etwa bei Bewerbern. Kurz darauf verschwand sie wieder von der Destatis-Website. Als die Lokalzeitung dann Anfang Mai die Vorwürfe schließlich in einem ganzseitigen Bericht  würdigte, hofften manche im Amt auf eine baldige Reaktion aus dem Bundesinnenministerium. Doch aus Berlin kam bislang nur Schweigen.

Aufklärung vor Bundestagswahl gefordert

Die SPD fordert jetzt Aufklärung von Innenminister Horst Seehofer (CSU). Man hätte nach Bekanntwerden der Beschwerden »auch gleich eine Stellungnahme des Dienstherrn erwartet, die zeigt, dass man sich kümmert«, sagt Ute Vogt, innenpolitische Sprecherin der SPD-Fraktion.

Gerade in einem Wahljahr kommt dem Präsidenten des Statistischen Bundesamts eine besondere Bedeutung zu. Als Wahlleiter überblickt er die Vorbereitung und Durchführung der Bundestagswahl Ende September. Vertrauen ist in so einer Position entscheidend.

Das Innenministerium hält sich auf Nachfragen bedeckt. Ein Sprecher teilte mit, man äußere sich nicht zu innerbehördlichen Vorgängen. Nur so viel: Man stehe mit dem Statistikamt im engen Austausch, relevante Themen würden »mit allen Beteiligten erörtert und aufgeklärt« und die »innerbehördlichen Mechanismen greifen«.