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Mutmaßlicher Wolfsangriff in Steinfeld "Dieses große Raubtier"

Im niedersächsischen Steinfeld soll ein Wolf einen Mann angegriffen haben. Eigentlich sind die Menschen im Dorf gelassen. Trotzdem brennen die Straßenlampen jetzt länger.

Im Laub hinter dem Friedhof liegt noch Draht. Man sieht, die Arbeit ist noch nicht getan. Hier, am Rande des niedersächsischen Dorfes Steinfeld, wollte am Dienstagvormittag ein Mann den Zaun ausbessern. Doch er wurde unterbrochen.

Noch ist nicht klar, was den Arbeiter störte. Er selbst gibt an, ein Wolf habe ihn in den Unterarm gebissen, drei weitere Tiere habe er in der Nähe gesehen. Es wäre der erste Angriff auf einen Menschen in Deutschland seit der Rückkehr der Wölfe in den Neunzigerjahren.

Seit dem Vorfall gibt es in Steinfeld, knapp 250 Einwohner, rund 30 Kilometer nordöstlich von Bremen gelegen, eigentlich nur noch ein Thema: den Wolf. Ein Wort, das Jochen Albinger gar nicht mehr aussprechen mag. "Ich habe es aus meinem Vokabular gestrichen", sagt der Bürgermeister der Gemeinde Bülstedt, zu der Steinfeld gehört. Er spricht lieber von "diesem großen Raubtier".

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Steinfeld: Biss auf dem Friedhof

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Albinger will keine Journalisten mehr treffen. Seit drei Tagen gebe es kein anderes Thema mehr, sagt er am Telefon. Aus seiner Sicht ist alles gesagt: "Ein Tier, einen Biss, einen Menschen - mehr haben wir nicht." Er wolle erst den DNA-Test abwarten.

Albinger sagt, dass zwar in der Umgebung von Steinfeld Wölfe gesehen worden seien, jedoch vereinzelt und weit weg von Menschen. Er sagt, dass die Bürger von Steinfeld gelassen reagierten. "Die sagen: Mein Gott, da wurde halt einer gebissen." Der Angegriffene selbst sei erst am nächsten Tag zum Arzt gegangen, weil er die Verletzung für nicht so schlimm hielt. Ein paar Bissabdrücke seien am Unterarm des Mannes zu sehen, mehr nicht. "Der wollte schon wieder zur Arbeit gehen."

"Passt auf eure Weidetiere auf, hier wurden Wölfe gesichtet"

Der Mann sei genervt von dem Medienrummel. Mit dem SPIEGEL sprechen will der 55-Jährige nicht. Er kommt aus Bülstedt und hilft in der Gemeinde öfter aus, Rasen mähen, Zäune ausbessern.

Bernd Mindermann ist Bauer und bestellt das Feld direkt neben dem Friedhof. Gräser und Kräuter wachsen hier, Futter für seine Kühe. Mindermann lehnt am Pfosten des Zauns, wo der Arbeiter angegriffen worden sein soll. "Mit Wölfen haben wir keine Probleme", sagt er.

Bernd Mindermann

Bernd Mindermann

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Mindermann blickt über das Feld und schiebt direkt ein Aber hinterher. Am Tag des Angriffs, sagt er, habe er mit Landwirten und Jägern aus dem Ort zusammengesessen. Damals war der Vorfall noch nicht bekannt. Einer sagte: "Passt auf eure Weidetiere auf, hier wurden Wölfe gesichtet."

Mindermann hat das selbst erlebt, im April 2016. Der 58-Jährige und sein Sohn fuhren im Traktor über einen Acker in Steinfeld, brachten Dünger aus. Dann sah er ihn, rund 50 Meter entfernt. Sein Sohn, damals 10 Jahre alt, habe sich gefreut: "Guck mal, ein Wolf." Zehn bis 15 Sekunden sei das Tier einfach da gestanden. "Dann ist er weitergegangen, und ich bin weitergefahren. So ist das auf dem Dorf", sagt er.

Mindermann sagt wie der Bürgermeister, die Steinfelder seien entspannt. Aber der Wolf sei eben das Thema. Er kenne Landwirte aus der Umgebung, deren Schafe von Wölfen gerissen worden seien. Viehhändler und Milchwagenfahrer redeten davon. Und er macht sich Sorgen um seine Kühe, die im Sommer sechs Monate auf der Weide grasen. Die Steinfelder haben sich an den Gedanken gewöhnt, dass durch ihre Wälder Wölfe streifen, dass sie über ihre Felder schleichen.

Doch natürlich sind da Sorgen. Vor allem, wenn ein Tier so nah an den Ort kommt. Mehrere Steinfelder sagen, dass man Wölfe wieder schießen müsse. Jäger berichten, dass es kaum noch Wild gebe - wegen der Wölfe. Eine Frau aus dem Dorf erzählt, dass ihre Tochter sich nicht mehr im Dunkeln zur Bushaltestelle traue.

"Ich bin schockiert", sagt Friedrich Schmätjen. Er ist 80, geboren in einem Haus in Steinfeld, in dem er heute ein Busunternehmen betreibt. Seit dem Vorfall denkt er darüber nach, zu seinen Waldspaziergängen einen Wanderstock mitzunehmen. "Damit ich das Tier vertreiben kann."

Seine Familie sehe den Vorfall nicht so dramatisch. Doch er selbst hätte es nicht für möglich gehalten, dass ein Wolf dem Menschen so nahe kommt. Wenn es denn ein Wolf war. "Doch was soll es sonst gewesen sein?", sagt Schmätjen. "Ein Rudel Hunde?"

Die Steinfelder sind gelassen, aber nicht frei von Sorgen: Die Straßenlampen brennen jetzt die ganze Nacht, das hat Bürgermeister Albinger angeordnet. "Damit die Leute sehen, es passiert was", sagt er.

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