Streit über Sterbehilfe Tödliches Mittel nur "im extremen Einzelfall"

Der Staat darf unheilbar Kranken nicht die Möglichkeit zur Selbsttötung verwehren. Doch die Bundesregierung ignoriert seit Jahren dieses Grundsatzurteil. Eine Witwe erzählt, wie sie mit den Konsequenzen lebt.

Christian Parth

Von Christian Parth


Eines Tages, der Tod ist nah, setzt sich Klaus Grosch auf und verfasst seinen Nachruf. "Ich bin nicht verbittert, aber ich klage an - unseren Staat - der es mir verweigert hat, in Würde zu sterben." Er habe beim Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte einen Antrag auf ein tödliches Medikament gestellt, schreibt der an Amyotropher Lateralsklerose (ALS) erkrankte Mann. Der Antrag sei abgelehnt worden. Deshalb habe er sich für das palliativ begleitete Sterbefasten entschieden. Ein "Verhungern und Verdursten bis zum Organversagen" sei das, "unzumutbar und unwürdig".

Am 18. April 2019 stirbt Fregattenkapitän Klaus Grosch in einer Palliativstation in Troisdorf bei Köln im Alter von 78 Jahren. Abgemagert, fast nur noch die Haut hält das Skelett zusammen. "Klaus starb diszipliniert", wird seine Frau Angelika später sagen. So wie er auch gelebt habe.

"Im extremen Einzelfall"

Der Tod von Klaus Grosch steht beispielhaft für einen ungelösten Rechtsstreit, der die Republik schon lange beschäftigt. Am 2. März 2017 hatte das Leipziger Bundesverwaltungsgericht in einem wegweisenden Urteil entschieden, dass der Staat einem unheilbar Kranken "im extremen Einzelfall" den Zugang zu einem Betäubungsmittel wie etwa Natrium-Pentobarbital zum Zweck der Selbsttötung nicht verwehren darf. Bei vielen todkranken Menschen keimte damals die Hoffnung auf, endlich selbst über das Ende ihres Lebens und Leidens bestimmen zu können. Doch es kam anders.

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Fotostrecke: "Klaus starb diszipliniert"

Angelika Grosch sitzt am Esstisch des Einfamilienhauses, das sie nun allein bewohnt, eingebettet in eine Siedlung mit Flachdach-Bungalows im Troisdorfer Stadtteil Friedrich-Wilhems-Hütte. Vor ihr liegt ein Aktenordner, in dem sie die Korrespondenz ihres Mannes mit den Behörden gesammelt hat. Sein Sterbewunsch wurde zum Verwaltungsakt. Grosch zeigt Bilder von ihm. Ein sportlicher Mann, fast 1,90 Meter groß, Vollbart. So wie man sich einen Kapitän vorstellt.

Die Sonne erleuchtet die fein geschnittenen Buchsbäume im Garten und den Kirschbaum, in den Klaus Grosch auch im hohen Alter noch so oft geklettert ist, um die Früchte zu ernten. Strahlen brechen durch die große Glasfront ins Wohnzimmer. Hier auf der zartgrünen Stoffcouch habe er oft gesessen und über das Leben, den Tod und das Sterben sinniert, erzählt Angelika Grosch, schlank, kurzes graues Haar, Brille und leuchtender Blick. Hinter einer Glasvitrine glänzt ein Modell der "La Couronne". In 5000 Arbeitsstunden hat Klaus Grosch die historische Galeone zusammengebaut, Maßstab 1:100. Die Seefahrt hat den ehemaligen Marine-Offizier nie losgelassen.

"Nun sollten es alle wissen"

Auf der Kommode hinter ihr steht ein künstliches Blumengesteck und eine aufgeklappte Trauerkarte mit dem Bild ihres Mannes. "Er wollte, dass ich seinen Nachruf an alle verschicke", sagt sie. An die Freunde vom Rentner-Frühstück, die Volleyballer, an die Wandergruppe und an seine ehemaligen Kameraden von der Bundeswehr. Mit ihnen habe er zwar offen über seine Krankheit und das Leid gesprochen, aber nicht darüber, dass er seinem Leben selbstbestimmt ein Ende setzen wollte. "Viele konnten das nicht hören, das Thema Tod war vielen zu schwer", erinnert sich Angelika Grosch. "Ich bin zufrieden", habe ihr Mann stets gesagt, wenn Besuch da war. Aber nun sollten sie es alle wissen. "Klaus wollte in Würde sterben, aber der Staat ließ ihn nicht", sagt Angelika Grosch.

Es war Anfang 2017, als ihr auffiel, dass Klaus Grosch plötzlich ab und an komisch redete, ganz so, als sei er betrunken. Sie schenkten den Symptomen zunächst keine größere Beachtung. Doch die Lage verschlechterte sich, irgendwann zuckten unkontrolliert die Muskeln an den Beinen. Im November ging Klaus Grosch in eine Spezialklinik für Schlaganfallpatienten. Am 1. Dezember 2017 erfolgte die Diagnose: "Es gibt eine gute und eine schlechte Nachricht", habe der Arzt gesagt. "Die gute: Alle Organe sind in Ordnung. Die schlechte: Sie haben ALS, und Sie werden daran sterben." Glasklar habe der Arzt gesprochen, ohne Umschweife. Aber das sei in Ordnung gewesen. "Was hätte er auch sagen sollen?"

Sie nahm ihren Mann mit nach Hause. Klaus Grosch stellte sich hinter den Kamin und fing bitterlich an zu weinen. Er informierte sich über den Krankheitsverlauf. Er wird abmagern, irgendwann vermutlich nicht mehr laufen und nicht mehr sprechen können. Sein Körper wird eine Hülle sein, die sich mehr und mehr auflöst. Er fällt eine Entscheidung. Er will selbstbestimmt sterben, bevor die Krankheit ihn ins Siechtum treibt. Er will keinen Luftröhrenschnitt und keine Magensonde, die ihn ernährt. Oft sitzen Angelika und Klaus in dieser Zeit im Ehebett, reden und weinen.

"Das ist unwürdig"

"Das Thema Sterben war allgegenwärtig", sagt Angelika Grosch. Und damit die Frage: Wie kann man als todkranker Mensch in Deutschland überhaupt aus dem Leben scheiden? Ihr Mann ging alle Methoden durch, ohne Denkverbote. Und er fragte sich jedes Mal: Wäre das ein menschenwürdiges Sterben? Und hätte er seiner Frau diesen Anblick zumuten wollen? "Wir haben all diese Dinge seriös und offen diskutiert, aber nichts davon kam für ihn aus Rücksicht auf die Familie ernsthaft infrage", sagt Grosch. Auch Sterbehilfe in der Schweiz sei keine Option gewesen. "Sterben in irgendeinem Hinterzimmer, auch das ist unwürdig."

Schließlich erfuhren sie von der Möglichkeit, über das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) das todbringende Präparat Natrium-Pentobarbital zu beantragen, "zum Zweck der Selbsttötung", wie es im Bürokraten-Deutsch heißt. "Es war plötzlich wieder die Hoffnung da, dass er selbstbestimmt und würdevoll über den Zeitpunkt seines Todes bestimmen kann", sagt Angelika Grosch. Am 3. Dezember 2018 verschickte ihr Mann seinen Antrag an das Bundesinstitut in Bonn. Die Antwort folgte bereits neun Tage später. Man bedauere sehr, dass er an ALS erkrankt sei, steht im Anschreiben. Auf Seite zwei dann die niederschmetternde Botschaft: "Ihr Antrag hat insgesamt keine Aussicht auf Erfolg." Das Bundesgesundheitsministerium habe aufgrund einer unsicheren Rechtslage dem Bundesinstitut die Order erteilt, Anträge zum Erwerb todbringender Präparate abzulehnen.

Dabei liegt seit dem 2. März 2017 eine beinahe bahnbrechende Gerichtsentscheidung vor, auf die sich auch Klaus Grosch bezogen hatte. Geklagt hatte eine Ärztin, die querschnittgelähmt war, künstlich beatmet werden musste und unter starken Schmerzen litt. Allerdings konnte sie selbst den rechtlichen Weg nicht zu Ende gehen. Sie fuhr mit ihrem Mann und ihrer Tochter in die Schweiz und nahm sich mithilfe eines Sterbehilfevereins das Leben. Ihr Ehemann klagte durch die Instanzen, bis nach zwölf Jahren das Bundesverwaltungsgericht zugunsten seiner inzwischen verstorbenen Frau entschied. Der Staat darf demnach einem unheilbar Kranken "im extremen Einzelfall" den Zugang zu einem Betäubungsmittel zur Selbsttötung nicht verwehren.

Das Gericht knüpfte seine Entscheidung an mehrere Bedingungen: Der Betroffene müsse unheilbar erkrankt sein, starke Schmerzen haben, die nicht gelindert werden können und zu einem "unerträglichen Leidensdruck" führen. Der Betroffene müsse entscheidungsfähig sein, und es dürfe keine andere zumutbare Möglichkeit zur Verwirklichung des Sterbewunsches mehr zur Verfügung stehen. Klaus Grosch hätte vermutlich alle Bedingungen erfüllt.

Einen positiven Bescheid gab es bislang nicht

Auch bei vielen anderen Patienten keimte nach der Leipziger Entscheidung Hoffnung auf. Seit dem Urteil gingen im Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte 127 Anträge ein, teilte das Institut auf SPIEGEL-Anfrage mit. In 93 Fällen wurden die Anträge bereits abgelehnt, der Rest ist in Bearbeitung. Einen positiven Bescheid gab es bislang nicht. Und es dürfte auch keiner zu erwarten sein.

Die Bundesregierung hat entschieden, das Urteil der obersten Verwaltungsrichter des Landes vorerst zu ignorieren. Gleich nach der Entscheidung stellte der damalige Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe klar: "Eine staatliche Behörde darf niemals Helfershelfer einer Selbsttötung werden." Das Ministerium hat Zweifel, dass das Leipziger Urteil von der Verfassung gedeckt ist. Daran hat sich auch unter dem neuen Minister Jens Spahn nichts geändert. Würde der Staat die tödlichen Mittel im Einzelfall freigeben, "so geriete sein Handeln zumindest in die Nähe der geschäftsmäßigen Förderung einer Selbsttötung, was der Gesetzgeber ausdrücklich unter Strafe gestellt hat", erklärt das Ministerium auf Anfrage des SPIEGEL.

Ob das wirklich so ist, soll nun höchstrichterlich geklärt werden. Seit April verhandelt das Bundesverfassungsgericht über etliche Beschwerden gegen das Verbot und den entsprechenden Paragrafen 217. Die Entscheidung aus Karlsruhe wird noch in diesem Jahr erwartet. Spannend wird sein, inwiefern die Verfassungsrichter dabei auch auf das Leipziger Urteil eingehen werden.

"Jedes Tier wird irgendwann erlöst"

Für Angelika Grosch ist die derzeitige Praxis kaum zu ertragen. Einige Wochen nach dem Tod ihres Ehemanns schreibt sie einen Brief an den zuständigen Leiter der Opiumstelle im Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte. "Jedes Tier wird irgendwann erlöst, aber die Politik lässt Menschen bis zum Letzten leiden", klagt die 69-Jährige. Sie wisse, dass er als Mitarbeiter nur die Anweisung des Gesundheitsministeriums befolge. "Nun haben Sie den 'Schwarzen Peter', ganz schön einfach, was soll man davon halten?"

Auch Ethiker empfinden das Verhalten des Ministeriums als nicht hinnehmbar. "Es ist skandalös, dass sich der Gesundheitsminister über ein Gerichtsurteil hinwegsetzt", sagt Urban Wiesing, Direktor des Instituts für Ethik und Geschichte der Medizin an der Uni Tübingen. Der assistierte Suizid sei von der Gesellschaft mehrheitlich gewollt. Die Politik aber führe einen Kleinkrieg, in dem die Konservativen versuchen würden, ihre Vorstellung von Moral als die einzig akzeptable zu diktieren, sagt Mediziner und Philosoph Wiesing.

Liberale und katholische Ansätze seien in Sachen Sterbehilfe nicht in Deckung zu bringen. "In Fragen der Moral hat sich der Staat aber nicht einzumischen. Seine Aufgabe ist es, die unterschiedlichen Sterbeentwürfe zu ermöglichen, Vorsichtsmaßnahmen zu treffen und klare Grenzen einzuziehen." Todkranke Menschen bräuchten keine staatliche Bevormundung, sondern "offene, vertrauensvolle, empathische Ärzte, die das Anliegen kritisch prüfen".

Klaus Grosch habe das Leben geliebt, sagt Witwe Angelika. Im Herbst 1968 hatte sie ihn kennengelernt. Sie, eine schüchterne zivile Verwaltungsangestellte bei der Bundeswehr. Er, ein stattlicher Marinesoldat. Liebe auf den ersten Blick sei es gewesen. 1971 heirateten die beiden, eine gemeinsame Tochter kam zur Welt, fast ein Dutzend Mal zogen sie wegen des Berufs um, lebten ein Jahr in Texas, ein Leben voller Leben, erinnert sich Angelika Grosch.

Am Freitag, dem 12. April um 10 Uhr am Morgen, brachte sie ihren Ehemann zum Sterbefasten ins Hospiz. "Es war hart, ihn aus unserem Haus zu bringen und zu wissen, er kommt nicht wieder", sagt sie und wischt sich die Tränen aus dem Gesicht. Sechs Tage verweigert er aus eigenem Willen jede Nahrungsaufnahme.

Auch Trinken wird er nicht mehr, obwohl der Durst eigentlich das Schlimmste sei. Für die Hygiene wird sein Mund mit einem Schwamm ausgewischt, die Zunge zur Tabletteneinnahme nur mit Wasser benetzt. "Schmerzen kann man mir nehmen, das Leid nicht", sagte er noch. Mittwoch Nacht schließlich stirbt Klaus Grosch, seine Frau liegt in einem Bett gleich neben ihm.

insgesamt 82 Beiträge
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Seite 1
sabinehh512 28.07.2019
1. Unfassbar...
Wenn ich, aus welchen Gründen auch immer, selbst entschlossen aus dem Leben scheiden möchte, so ist das einzig und alleine meine Entscheidung. Kein Arzt und erst recht keine kirchliche Einrichtung haben ihren Senf dazu zu geben. Ich bin Atheist aber soll unter konservativer katholischer Fuchtel stehen? Das ist pervers!
hmoik 28.07.2019
2. C DU und C SU und Konsorten...
...ihre Handlanger stehen irgendwann vor der Himmelstür und begehren Einlass. Ein Verwaltungsbeamter teilt ihnen, nach kurzem Blick in die Akten, mit "das muss ich leider abschlägig bescheiden". Und als Atheist bekomme ich ein breites Grinsen ins Gesicht. Und noch breiter wird es bei der Vorstellung, dass der Torwächter ihnen noch vor die Füße spuckt.
isar56 28.07.2019
3. Gröhe war als
Gesundheitsminister nicht die erste und einzige Fehlbesetzung in dieser Regierung. Versagen auf der ganzen Linie beim Hebammenmangel. Eine Petition Betroffener nahm Merkel beim Versuch einer Übergabe nicht wahr bzw ignorierte das Anliegen. Gröhe nahm die Petition an sich mit der Aussage er werde sich kümmern. Geschehen ist's: Null. Dieses christliche Gehabe um Leben und Tod, allen voran der Union und Kirchen - Schutz des Lebens - um Schwangerschaftsabbrüche und Sterbehilfe sind für den A..... Hebammen fehlen, Kitaplätze, Erzieher fehlen, Pflegenotstand ...... Ich habe drei Schwerstkranke in den Tod begleitet. Bevor ich im Ernstfall abwarte ob diese privatversicherten Ignoranten zu einer humanen Lösung kommen werde ich Wege finden mir und meiner Familie dieses unermessliche Leid zu nehmen. Es gibt zahlreiche Menschen die friedlich und ohne unerträgliche Qualen abtreten. Wem dies nicht vergönnt ist, soll warten bis Außenstehende sich die Zeit genommen haben festzustellen, wie unerträglich, unwürdig etc interpretiert werden könnte.
Stäffelesrutscher 28.07.2019
4.
»Die Bundesregierung hat entschieden, das Urteil der obersten Verwaltungsrichter des Landes vorerst zu ignorieren.« So viel zum Thema »Gewaltenteilung« und »Rechtsstaat«. Siehe auch die aktuelle »Anstalt«. Deutschland hat diese Missachtung des Rechts sogar institutionalisiert - Stichwort »Nichtanwendungserlass« im Steuerrecht.
kas075 28.07.2019
5. Überzeugungstäter
Die gesamte Debatte wird über all die Jahre in unsäglicher Wese von Kirchen und Hpspizbewegung dominiert. Die Kirchen wollen aus Glauben an höhere Instanzen uns alle vergewohltägigen. Das ist deren tiefe Überzeugung und darüber kann man nicht diskutieren. Die Hospizbewegung aber sieht hier einen Teil ihres Lebenszwecks gefährdet und will nicht wahrnehmen, dass es Elend gibt das mit Zuwendung nicht kompensierbar ist. Bei einigen Krankheiten und ALS gehört dazu beginnt das unsägliche Leiden schon mit dem Wissen um den Verlauf und den möchte ich nie und nimmer abwarten. Immerhin habe ich als Arzt die Möglichkeit, mir und den Meinen zu helfen.
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