Sterbehilfe-Drama Ärzte beenden das Leben von Vincent Humbert

Jahrelang kämpfte Marie Humbert für ihren Sohn Vincent um das Recht auf aktive Sterbehilfe. Vor zwei Tagen gab sie ihm eine Überdosis Schlafmittel. Heute ließen die Ärzte Vincent sterben. Die Diskussion um Sterbehilfe ist in Frankreich neu entfacht.


Einen Monat vor seinem Unfall: Vincent Humbert im August 2000
AFP

Einen Monat vor seinem Unfall: Vincent Humbert im August 2000

Paris - Nachdem seine Mutter ihm das Schlafmittel verabreicht hatte, waren noch Maßnahmen zur Wiederbelebung eingeleitet worden. Noch am Donnerstag hatten die Ärzte erklärt, Vincent Humbert liege in einem tiefen und stabilen Koma. Doch nun stellten die Ärzte alle aktiven Behandlungsmaßnahmen ein.

"Das medizinische Team, das ihn seit drei Jahren begleitet hat, hat diese gemeinsame und schwierige Entscheidung in völliger Freiheit getroffen", sagte der Chefarzt der Reanimationsabteilung im Krankenhaus von Berck-sur-Mer, Frederic Chaussoy.

Vincent Humbert konnte seit einem Autounfall weder Arme noch Beine bewegen, er war blind und stumm. Wenn er sich mitteilen wollte, musste ihm eine Pflegerin das Alphabet vorlesen. Mit dem einzigen Finger, den er noch bewegen konnte, machte er dann ein Stopp-Zeichen. Wenn er ja oder nein sagen wollte, bewegte er ganz leicht den Kopf.

Marie Humbert hatte ihre Tat mehrfach öffentlich angekündigt. Vincent Humbert war nach einem Unfall vor drei Jahren fast vollständig gelähmt, stumm und blind. Er hatte in einem offenen Brief an Staatspräsident Jacques Chirac und in seinem gestern in Frankreich erschienenen Buch ein Recht auf Sterben eingefordert. Die Staatsanwaltschaft von Boulogne erklärte, gegen die 47-jährige Mutter werde zunächst nicht ermittelt.

Der Mutter müsse man ein Denkmal setzen, sagte Bernard Kouchner, ehemaliger Gesundheitsminister und Mitbegründer von "Ärzte ohne Grenzen". Er sprach sich für eine grundlegende Debatte über die Sterbehilfe aus. Die derzeitige gesetzliche Lage schaffe Grauzonen. So sei für jede Art der Behandlung die Zustimmung des Patienten nötig, sagte Kouchner Radio Europe-1. Dies erlaube dem Arzt in gewissen Fällen, nichts einzugreifen. Wie die Zeitung "Liberation" berichtete, spreche sich auch Sozialminister Francois Fillon für eine Gesetzesänderung aus.

Aktive oder passive Sterbehilfe gelten in Frankreich juristisch als Totschlag, Mord oder unterlassene Hilfeleistung. Dennoch werde "Euthanasie" in Frankreich praktiziert, erklärte Chaussoy. Dies gehe diskret vonstatten, wenn etwa ein Patient seinen Wunsch geäußert habe und die Familie und die Ärzte über den Fall gesprochen hätten, so Chaussoy im Gespräch mit RTL-Radio.

Im Fall Humbert sei es ihm am Mittwoch aber unmöglich gewesen, von einer Reanimation abzusehen. Er habe keine Wahl gehabt, sonst hätte er wegen Beihilfe zum Mord belangt werden können.



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