Sterbehilfe-Skandal Gutachten soll Unschuld der Krebsärztin belegen

Die unter Mordverdacht stehende Internistin ist nach Ansicht der Klinikleitung unschuldig. Die Justiz ermittelt gegen die Medizinerin wegen des Verdachts auf Sterbehilfe in 76 Fällen.


Hannover/Osnabrück - Ein vom Krankenhaus in Auftrag gegebenes Gutachten habe keine Anhaltspunkte für unzulässige Sterbehilfe ergeben, teilte die Paracelsus Kliniken Deutschland GmbH in Osnabrück mit.

Vielmehr gehe es um den in Deutschland nicht entschiedenen Streit über den Einsatz von Morphium in der Schmerztherapie. Morphium werde in Deutschland im Vergleich zu den übrigen europäischen Nachbarländern deutlich weniger eingesetzt.

Nach Ansicht der Deutschen Hospiz-Stiftung haben die Ermittlungen gegen die Ärztin viele Schmerzpatienten in Deutschland verunsichert. "Wir brauchen keine Panikmache vor Morphinen, sondern eine Diskussion über eine sinnvolle Therapie", sagte Eugen Brysch von der Stiftung.

Viele Menschen, die sich jetzt an die Hospiz-Stiftung wendeten, hätten Angst, ihre Schmerzen behandeln zu lassen. "Die hochwirksamen Morphine sind für viele Schmerzkranke unverzichtbar. Sie sollten nicht verteufelt werden", so Brysch.

Die Deutsche Gesellschaft für Humanes Sterben (DGHS) forderte erneut eine umfassende gesetzliche Regelung der Sterbebegleitung und -hilfe. Es müsse mehr Rechtssicherheit für die Patienten, Angehörigen, Ärzten und Richtern geben.

Die Internistin, die verdächtigt wird, Sterbehilfe bei 76 Krebspatienten geleistet zu haben, arbeitete als Belegärztin in der Paracelsus-Klinik. Dort soll sie wiederholt Patienten starke Schmerzmittel wie Morphium gegeben haben, ohne auf die lebensverkürzende Wirkung hinzuweisen. Ob auch Überdosen verabreicht wurden, soll nach Angaben der Staasanwaltschaft Hannover noch geprüft werden.

Bei Überprüfungen von Patientenakten waren Krankenkassen-Gutachtern extrem hohe Schmerzmitteldosen aufgefallen. Bislang wurden erst Akten der vergangenen zwei Jahre gesichtet - die Ärztin war aber ingesamt 20 Jahre lang an der Klinik in Hannover-Langenhagen tätig.

Das Verwaltungsgericht Hannover hat der 53-Jährigen inzwischen die Arbeitserlaubnis entzogen. Die Ärztin selbst ist sich keiner Schuld bewusst. Sie hat lediglich zugegeben, die Patientenakten nicht korrekt geführt zu haben. Die Krankheiten seien schlimmer gewesen als von ihr dargestellt, sie habe die Schmerzen der Patienten nur lindern wollen.



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