Sterbehilfe-Vorwurf 76 Tote - Ermittlungen gegen Krebsärztin

Die Staatsanwaltschaft ermittelt gegen eine Krebsärztin der Paracelsus-Klinik bei Hannover. Sie soll jahrelang Sterbehilfe geleistet haben. Ob die Patienten tatsächlich sterben wollten, ist unklar.


Die Homepage der Paracelsus-Klinik

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Hannover - Das Verwaltungsgericht entzog der 53 Jahre alten Internistin an der Privatklinik in Langenhagen vorläufig die Arbeitserlaubnis. Ihr werde vorgeworfen, Patienten starke Schmerzmittel wie etwa Morphium verabreicht zu haben, ohne sie über lebensverkürzende Wirkungen aufzuklären, sagte ein Gerichtssprecher. "Wir sehen die dringende Gefahr, dass die Internistin weiterhin unzulässige Sterbehilfe leistet", wird ein Richter in der "Bild"-Zeitung zitiert.

Die Patienten seien nach derzeitigen Erkenntnissen weder "irreversibel sterbenskrank" gewesen noch hätten sie unerträgliche Schmerzen gehabt. Mehrere medizinische Gutachten hätten den Vorwurf der Sterbehilfe von Krankenkassen untermauert. Die Staatsanwaltschaft ermittelt wegen Tötungsdelikten in insgesamt 76 Fällen.

Ob die Patienten den Wunsch geäußert hatten, sterben zu wollen, sei nicht klar, sagte ein Sprecher der Staatsanwaltschaft. Außerdem müsse untersucht werden, ob zu hohe Dosen von Medikamenten verabreicht wurden oder es einen "Ermessungsspielraum" gab. Die Staatsanwaltschaft hatte zwei Leichen exhumieren und untersuchen lassen. Bei Prüfungen von Krankenakten der Krebsärztin war Gutachtern der Krankenkassen Niedersachsen aufgefallen, dass in ihrer Abteilung besonders starke Schmerzmittel wie Morphium in hoher Dosis verabreicht wurden.

Die Medizinerin, die eine Praxis und Belegbetten an der privaten Paracelsus-Klinik hat, halte ihr Vorgehen für richtig, berichtete der Sprecher des Gerichts. Sie gebe nur zu, die Krankheitssituation der Patienten in den Akten nicht korrekt dokumentiert zu haben. Die Krankheiten seien schlimmer gewesen als von ihr dargestellt, sie habe die Schmerzen der Patienten lindern wollen.

Die Paracelsus-Klinik genießt Weltruf. Dort wurden schon unter anderem Caroline von Monaco, der frühere US-Präsident Ronald Reagan und Schauspieler Anthony Quinn behandelt.



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