Steuer-Prozess Staatsanwalt will Becker hinter Gittern sehen

Im Münchner Steuerprozess gegen Ex-Tennis-As Boris Becker hat die Staatsanwaltschaft eine Freiheitsstrafe von dreieinhalb Jahren Haft wegen Steuerhinterziehung gefordert. Die Verteidigung beantragte eine Bewährungsstrafe. Das Urteil soll am Donnerstag gesprochen werden.




Becker bei seiner Ankunft im Gerichtssaal
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Becker bei seiner Ankunft im Gerichtssaal

München - Beckers Rechtsanwalt Jörg Weigell sagte vor dem Münchner Landgericht, die von der Staatsanwaltschaft geforderte Freiheitsstrafe von dreieinhalb Jahren sei völlig unverhältnismäßig. Becker habe es nicht darauf angelegt, das Finanzamt zu betrügen. "Seine Berater haben das gemacht", sagte Weigell. Becker habe sich nur ums Tennisspielen gekümmert.

Die Aussetzung einer Strafe zur Bewährung ist nur bei Haftstrafen von bis zu zwei Jahren möglich. Bei einem höheren Urteil müsste Becker ins Gefängnis.

Vor dem Plädoyer der Staatsanwaltschaft hatten Beckers Verteidiger mitgeteilt, dass ihr Mandant gut drei Millionen Euro zur Begleichung seiner Steuerschulden gezahlt habe. Vertreter des Münchner Finanzamtes bestätigten die Zahlungen. Den Angaben des Finanzamtes zufolge beträgt Beckers Steuerschuld für die Jahre 1991 bis 1993 nach neuen Berechnungen nur noch knapp 256.000 Euro. Die Anklage war noch von einer fälligen, aber hinterzogenen Steuer von knapp 1,74 Millionen Euro ausgegangen.

Den Angaben des Finanzamts zufolge hat Becker insgesamt 3,1 Millionen Euro in zwei Tranchen überwiesen. Davon seien knapp 256 000 Euro für die Jahre 1991 bis 1993 gedacht, für die es neue, jedoch noch nicht rechtskräftige Steuerbescheide gebe. Die übrige Summe sei hinterlegt für die Jahre 1994 und 1995, für die es noch keine Bescheide gebe.

Mit einem riesigen Blitzlichtgewitter war Boris Becker vor dem Landgericht München empfangen worden. Er kam begleitet von zwei Anwälten im grauen Anzug mit weißem Hemd und taubenblauer Krawatte. Als derzeitige Adresse gab er vor Gericht das Hotel "Palace" an, als Beruf Tennismanager. Zum Auftakt des Strafprozesses hatte der Ex-Tennis-Star zwar Fehler eingeräumt, warf jedoch gleichzeitig den Behörden vor, seine Karriere beendet zu haben. "Ich wusste und kannte die Gefahren und habe das in Kauf genommen", sagte Becker vor dem Landgericht. Man könne ihm aber keine "kriminelle Machenschaften" vorwerfen.

Becker gab zu, zwischen 1991 und 1993 einen Wohnsitz in München gehabt und gewusst zu haben, dass er Steuern spare. Laut Staatsanwaltschaft soll er einen Scheinwohnsitz im Steuerparadies Monaco unterhalten, in Wirklichkeit aber in München gelebt haben. Der sechs Seiten starken Anklageschrift zufolge wäre der 34-Jährige in Deutschland voll steuerpflichtig gewesen.

Becker betonte, es sei keine klassische Wohnung gewesen, sondern "spartanisch und notdürftig". Er habe sich dort nur gelegentlich aufgehalten. Im Falle eines Schuldspruchs durch das Landgericht München I droht Becker möglicherweise eine Freiheitsstrafe.

Darüber hinaus hatte Becker das Steuerverfahren für das Ende seiner Tennis-Karriere mitverantwortlich gemacht. "Tennis ist ein psychologischer Sport; man muss frei sein von Belastungen im Kopf", erläuterte der dreimalige Wimbledonsieger. "Deshalb habe ich aufgehört zu spielen." Er sei bereit gewesen, mit den Behörden zu kooperieren, diese seien aber nicht auf ihn zugekommen.

Die Vorsitzende Richterin Huberta Knöringer wies Spekulationen über einen "Deal" der Verfahrensbeteiligten zurück. Es habe Vorgespräche über die Voraussetzung für eine Bewährungsstrafe gegeben, sagte Knöringer. Zu einer abschließenden Einigung sei es aber nicht gekommen, da die Vorstellungen über das Strafmaß zu sehr auseinander gelegen hätten. "Deswegen müssen wir hier heute durch." Im Vorfeld des Prozesses war mehrfach über eine angebliche Absprache der Prozessbeteiligten zu einer milden Bewährungsstrafe bei einem Geständnis und einer Steuernachzahlung berichtet worden.



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