Steuersünder Wesley Snipes Der glückloseste Mensch auf dem Planeten

Urteil mit abschreckender Wirkung: Der US-Schauspieler Wesley Snipes muss wegen Steuerhinterziehung drei Jahre ins Gefängnis. Es ist der Tiefpunkt eines jahrelangen Kampfes gegen schlechte Presse, mieses Image und den Abstieg aus dem Hollywood-Olymp.

"Oh, it ain't about the money", sagte Wesley Snipes, als er vor wenigen Monaten in einem seiner zuletzt sehr selten gewordenen Interviews zu Anschuldigen Stellung nahm, er habe den amerikanischen Staat um Steuereinnahmen in Millionenhöhe bringen wollen.

Bei den Vorwürfen, so damals Snipes' These, gehe es gar nicht um Geld. Der Staat wolle vielmehr an ihm, einem berühmten Filmstar, einem schwarzen Filmstar, ein Exempel statuieren.

Dieses Exempel könnte deutlicher kaum sein: Für drei Jahre muss Kinoheld Snipes nun wegen Steuerhinterziehung ins Gefängnis, zudem fünf Millionen Dollar zahlen.

Sollte das Gericht von Ocala, Florida, unter Vorsitz des Richters William Terrell Hodges bei Snipes' Verurteilung tatsächlich von dem Beweggrund geleitet worden sein, ein Exempel statuieren zu wollen, liegt es damit voll im Trend. 345 Milliarden Dollar sollen die amerikanischen Bürger dem Staat laut Steuerbehörde IRS im Jahr 2007 vorenthalten haben - es ist die rechte Zeit, ertappte Sünder und aufmüpfige Steuerrebellen medienwirksam an den Pranger zu stellen.

Die Staatsanwaltschaft rechnet Snipes wie auch einen seiner ehemaligen Berater, Eddie Ray Kahn, zu den Steuer-Totalverweigerern, den "Tax Defiers". Die halten das Zahlen von Abgaben an den Staat für unfair, illegal und nicht verfassungskonform, ihnen sagte das Justizministerium erst vor wenigen Wochen erneut den Kampf an. Früher, so berichtet die "New York Times", seien diese Aktivisten "Tax Protesters" genannt worden, doch das Wort "Protest" impliziere einen durch die Verfassung gestützten Rechtsanspruch auf grundsätzliche Steuerverweigerung.

Hilton, Lohan, Ritchie - Nachtlager auf der Gefängnispritsche

Nicht nur prominente Steuersünder landen mittlerweile immer häufiger im Gefängnis, in Kaliforniens Knästen geben sich VIPs die Klinke in die Hand, die aufgrund von Verkehrsdelikten, Drogenkonsums oder Körperverletzung einsitzen - Vergehen, die früher zumeist mit Geldstrafen geahndet wurden.

Einer der spektakulärsten Präzedenzfälle der vergangenen Monate war Paris Hilton. Die verwöhnte Millionärin wurde im Mai 2007 wegen wiederholten Fahrens ohne Führerschein zu 45 Tagen Gefängnis verurteilt, eine Strafe, die zwar in der Folge auf 23 Tage verkürzt wurde, deren Vollstreckung Hilton - trotz ihrer Appelle an Gouverneur Schwarzenegger und hysterischer Zusammenbrüche vor Gericht - nicht entkam. Richter Michael T. Sauer zeigte sich unbeeindruckt vom theatralischen Hilton-Brimborium und setzte durch, dass die berühmteste Blondine der Welt in ihre Sieben-Quadratmeter-Zelle einzog.

Seitdem mussten sich auch die einst so vielversprechende Nachwuchs-Aktrice Lindsay Lohan, Lionel Ritchies Töchterlein Nicole oder Kiefer Sutherland, Star und Co-Produzent des Echtzeit-Serienepos' "24", zum Nachtlager auf die Gefängnispritsche betten - allesamt wegen Fahrens unter Drogeneinfluss.

Ein Karriere-Zwischenstopp in der Justizvollzugsanstalt ist mittlerweile so gang und gäbe unter Hollywoodstars, dass Richter in Kalifornien um die abschreckende Wirkung der Maßnahme in großer Sorge sein müssten.

Der Fall Wesley Snipes liegt anders. Eine Gefängnisstrafe von drei Jahren ist kein im Blitzlichtgewitter zu absolvierender, Publicity-generierender Kurz-Aufenthalt, der später obendrein ein unterhaltsames Kapitel für eine Autobiografie liefern könnte.

"Wir waren so pleite, dass kann man gar nicht beschreiben"

Snipes' Verurteilung dürfte der Sargnagel für eine Karriere sein, die den in der New Yorker South Bronx aufgewachsenen Schauspieler (O-Ton Snipes: "Wir waren zu Hause so pleite, das kann man gar nicht beschreiben") in den neunziger Jahren in die erste Riege der Hollywood-Superverdiener führte. Snipes war Co-Star von Robert de Niro und Sean Connery, seine Actionstreifen waren die taffe Fortführung der frühen Eddie-Murphy-Erfolge, nur härter, machohafter, stilisierter.

Eine Karriere, die aber nunmehr seit Jahren dahinsiecht und durch eine mehrjährige Gefängnisstrafe irreparabel geschädigt werden dürfte.

Vor Gericht gab sich Snipes stoisch - keine Gefühlsausbrüche, kein sichtbarer Schock oder Schrecken - ein hörbares Atemholen des Publikums im Gerichtssaal war die einzige Reaktion auf die Urteilsverkündung. Drei Jahre Gefängnis, das sind nur zwei Jahre unter dem möglichen Höchstmaß für Steuervergehen.

Snipes, so warf es ihm die Staatsanwaltschaft vor, soll für die Jahre 1996 und 1997 zu Unrecht Steuerrückzahlungen in Höhe von sieben Millionen Dollar gefordert haben - in den Jahren 1999 bis 2004 habe Snipes gar keine Steuern gezahlt.

Zu den Rückforderungen nahm Snipes in dem Interview mit "Entertainment Weekly" im Dezember vergangenen Jahres explizit Stellung. Seine Berater Kahn und Douglas P. Rosile seien da wohl ein "bisschen aggressiv" vorgegangen. Andererseits: "Wenn mir jemand erzählt, mir stehe eine Rückzahlung zu, dann versuche ich, die auch zu bekommen." Er habe jedoch niemals auch nur einen Cent Rückzahlung erhalten, allein der Antrag darauf habe ihn in Schwierigkeiten gebracht.

"Die Filmindustrie glaubte, ich sei ein Risiko"

In Schwierigkeiten steckte Wesley Snipes, 45, verheiratet, vier Kinder, schon oft. Zunächst lieferte der smarte, als klug und außerordentlich charmant geltende Schauspieler Kassenhit auf Kassenhit - "White men can't jump", "Jungle Fever", schließlich die "Blade"-Trilogie, deren dritter Teil Snipes die Höchstgage von 13 Millionen Dollar einbrachte.

Doch gerade der letzte Film der "Blade"-Reihe markierte auch den Anfang vom Ende. Snipes geriet in Streit mit dem Filmstudio New Line. Rechte, die ihm, wie er sagte, als Co-Produzenten zugestanden hätten, wie etwa Mitsprache bei der Besetzung oder Drehbuch-Korrekturen, seien ihm von New Line verwehrt worden, behauptete Snipes.

Der Film war künstlerisch und finanziell ein Rohrkrepierer, der offen ausgetragene Rechtsstreit mit New Line habe in der Branche verheerende Signalwirkung gehabt: "Die Filmindustrie glaubte seitdem, es sei enorm schwierig, mit mir zusammen zu arbeiten, ich sei ein Risiko", sagte Snipes "Entertainment Weekly". Seine Anwälte hätten ihm dringend von einer Klage gegen New Line abgeraten - wenn er so offen gegen ein Hollywood-Studio opponiere, werde ihn das erst Recht auf die Schwarzen Listen anderer Studios katapultieren. Am Ende landete Snipes tatsächlich genau dort - und jetzt sogar im Gefängnis.

Fünf Snipes-Filme in Folge sind nach "Blade: Trinity" gar nicht erst im Kino, sondern ausschließlich auf DVD erschienen - ein sicheres Anzeichen für mangelnde Qualität.

Auf die Misere angesprochen, tat Snipes das, was Schauspieler und Sänger immer tun, wenn es auf dem heimischen Markt nicht mehr für sie läuft - sie verweisen auf ihren "internationalen Erfolg": "Ich habe durch die DVD-Verkäufe meinen Marktwert im Ausland kontinuierlich gesteigert."

Als wüsste nicht bereits jeder Kinderdarsteller, dass Hollywood-Studios die Hauptrolle eines Blockbusters nicht mit einem Schauspieler besetzen, weil der eine große Nummer in Bulgarien oder Südkorea ist.

Wesley Snipes, der "glückloseste Mensch auf dem Planeten"

Es war zudem nicht gerade förderlich für Snipes' berufliche Laufbahn, dass seine Sicherheitsfirma im Jahr 2000 in den Ruf geriet, Verbindungen zu einem obskuren, militanten Kult im US-Bundesstaat Georgia zu unterhalten.

Auch in diesem Punkt sah sich Snipes zu Unrecht verdächtigt. "Systematischen Rassismus" nennt er sowohl die Gängelei durch das New-Line-Studio als auch die Medienberichte über die Georgia-Sekte: "In diesem Land sind wir alle so konditioniert, dass wir sofort den Schwarzen zum Sündenbock machen, wenn es ein Problem gibt", sagte Snipes.

Wenn Snipes immer unschuldig gewesen und trotzdem immer in Rechtsstreitigkeiten und Skandale verwickelt gewesen sei, kommentierte "Entertainment Weekly", dann müsse er der "glückloseste Mensch auf dem Planeten" sein.

Alle Aufmüpfigkeit, Bitterkeit und Rebellion war vor dem Gericht in Florida vergessen. "Meine Fehler und Irrtümer tun mir sehr sehr leid", sagte Wesley Snipes vor dem Urteilsspruch. "Ich entschuldige mich bei meiner Familie, dem Gericht und der Gemeinschaft." Er habe die Richter um "Gnade" gebeten. Er hoffe auf eine Chance zur Wiedergutmachung.

Prominente Fürsprecher und Freunde des Schauspielers wie Denzel Washington, Woody Harrelson und TV-Richter Joe Brown hatten zudem schriftliche Ehrenerklärungen für Snipes abgegeben. Vergebens.

Das Glück, so scheint es, hat Wesley Snipes endgültig verlassen.

pad

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