Strafvollzug Tod im Trakt

Es ging um 75,40 Euro. Die sächsische Justiz hat einen psychisch Kranken wegen kleiner Zechprellereien in Haft genommen. Es kostete ihn das Leben, denn in der Zelle wurde er nach den Ermittlungen der Staatsanwaltschaft von Mithäftlingen ermordet - nach einer improvisierten Gerichtsverhandlung.

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Der letzte Tag in Freiheit endete an prominenter Stelle. Im Dresdner "Café Europa", wo sich gemeinhin Berühmtheiten wie Die Ärzte, U2, Jimmy Somerville und Jeanette Biedermann die Klinke in die Hand geben, ließ sich der Obdachlose Martin B. auf den Barhocker fallen. Es war 2 Uhr am Morgen des 21. August, eine laue Sommernacht im kultigen Szeneviertel Neustadt.

Von seinem Platz am Tresen blickte der 48-Jährige direkt auf ein zweistöckiges Flaschenregal voll Hochprozentigem: Rum, Ballantines, Johnny Walker. Links daneben stand ein brauner Humidor. Die Cohiba kostet hier 15 Euro. Der nächtliche Gast blieb bescheiden. Bis 6 Uhr morgens hielt er sich an drei Tassen Kaffee, zwei Bier und zwei Zigarren der billigeren Sorte fest. 20 Euro standen auf der Rechnung der Kellnerin, als sie kassieren wollte. "Ich hab kein Geld", lautete seine knappe Antwort.

Ein Satz, der sein Todesurteil werden sollte.

Die Cafébetreiber riefen die Polizei, die Staatsanwaltschaft Dresden beantragte Haftbefehl, B. kam - obwohl offenbar nicht vorbestraft - in Untersuchungshaft. Weil er auf die Haftrichterin aggressiv wirkte und man glaubte, der Mann könnte sich selbst verletzen, wurde die Verlegung in die psychiatrische Abteilung des Leipziger Haftkrankenhauses angeordnet.

Bald nach seiner Ankunft am 26. August kam es in seiner Zelle, wie es die Staatsanwaltschaft ausdrückt, zu "Friktionen". Dem psychisch Kranken wurde unterstellt, er habe Mitgefangene bestohlen. Am 31. August wurde B. deshalb in einen anderen Raum verlegt, den er mit vier Männern teilte. Dort fand ihn das Anstaltspersonal am 2. September gegen 1.30 Uhr tot auf - erhängt an einem Wasserrohr im Waschraum neben der Zelle. Der Kopf steckte in einer Schlinge, die aus einem Pullover gebunden war. Zu diesem Zeitpunkt glaubten die Ermittler noch an einen Selbstmord.

Was die Staatsanwälte jedoch kurz darauf über die Todesnacht ermitteln, ist für sie ein einmaliges Beispiel für "pure Menschenverachtung": Die Mithäftlinge, allesamt keine Gewaltverbrecher, hatten mit dem als renitent bezeichneten Zechpreller in einer nächtlichen "Gerichtsverhandlung" kurzen Prozess gemacht. Ihr Urteil: Todesstrafe. Die Todesart durfte sich der Delinquent noch selbst aussuchen: Erhängen. Dann knebelten ihn seine Henker und knüpften ihn an einem Bettlaken am Wasserrohr auf. Doch das Laken riss. Schnell griffen die Mithäftlinge zum Pullover - der hielt die Last des Mannes aus.

Der mutmaßliche Rädelsführer der Henkertruppe ist, den Vernehmungen zufolge, Mario Z. aus Chemnitz. Der wegen verschiedener Vermögensdelikte verurteilte Mann soll, so die Ermittler, bereits sieben Tage zuvor einen anderen Mithäftling aus dem Haftkrankenhaus aufgehängt haben. Auch an einem Bettlaken, auch das war gerissen. Doch damals ließ Mario Z. von seinem Opfer ab, welches sich erst nach dem Mordfall B. den Beamten offenbarte.

Nichts von dem mörderischen Treiben ist dem Klinikpersonal aufgefallen. Die Staatsanwaltschaft Leipzig ermittelt wegen fahrlässiger Tötung und möglicher Verletzung der Kontrollaufgaben gegen die Bediensteten. Das Justizministerium setzte einen Gutachter zur Klärung der Todesumstände ein. Die Obduktion von Martin B. ergab indes Unterblutungen am Kopf und am Körper, die offenbar von vorangegangenen Misshandlungen in der Zelle stammen. Wurden diese Spuren vom medizinischen Personal des Krankenhauses nicht gesehen?

Auch die Entscheidung der Haftrichterin des Amtsgerichts Dresden, den offenbar nicht vorbestraften und psychisch kranken B. in eine Haftanstalt zu stecken, erscheint im Rückblick zunehmend unverständlich. Schließlich konnte dem Mann nichts anderes als dreimalige Zechprellerei vorgeworfen werden: Am Tag vor der Verhaftung im Café Europa hatte er 45,70 Euro im Paulaner's (Schnitzel mit Brot, Getränke) nicht bezahlt, 23 Stunden davor 9,70 Euro im Dresdner Sophienkeller (Kartoffelsuppe, Hefeweizen) geprellt.

Der Gesamtschaden, den er angerichtet hatte, betrug 75,40 Euro - trotzdem sah die Richterin akute Fluchtgefahr, obwohl laut Strafprozessordnung Untersuchungshaft nicht angeordnet werden darf, "wenn sie zu der Bedeutung der Sache und der zu erwartenden Strafe" außer Verhältnis steht. "Es lag ein Haftgrund vor", beharrt das Amtsgericht noch heute. Etwa wegen drohender Wiederholungsgefahr? Bei seiner Festnahme konnte der Zechpreller keine aktuelle Adresse angeben, doch er erzählte den Beamten von einem Heim für psychisch Kranke im nordrhein-westfälischen Hilden. Dort hatte er eine Betreuerin, die ihm ein Amtsgericht wegen seiner psychischen Störung zugeteilt hatte.

Das Dresdner Justizministerium wollte sich wegen der Unabhängigkeit der Justiz zu der merkwürdigen Festnahme grundsätzlich nicht äußern. Die zwölftägige Unterbringung von Martin Be. in Untersuchungshaft wegen Zechprellerei in Höhe von 75,40 Euro hat den Steuerzahler rund 849 Euro gekostet - oder 70,78 Euro pro Tag. Den Mann kostete es das Leben.



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